FUßBALL: ZWEITE BUNDESLIGA

Die Kickers sind fränkischer Herbstmeister

Fussball, 2. Bundesliga, 1. FC Nürnberg - FC Würzburger Kickers
Dank an die Fans: Kickers-Kapitän Sebastian Neumann applaudiert nach Schlusspfiff den mitgereisten Kickers-Anhängern. Foto: Frank Scheuring, Foto2press

Der Regen prasselte unaufhörlich. Der Himmel war graugetüncht am Tag nach dem großen, ja dem bislang größten Auftritt seit dem Aufstieg. Hätte man vor drei Jahren irgendjemanden erzählt, dass die Würzburger Kickers im Herbst 2016 vor 37 673 Zuschauern beim 1. FC Nürnberg antreten würden, man wäre nicht für voll genommen worden. Alleine das sollte man sich vor Augen halten, wenn man sich über den aus Kickers-Sicht sicherlich unnötigen, am Ende aber auch verdienten 2:2-Ausgleich kurz vor dem Ende ärgert. Da hat Trainer Bernd Hollerbach schon Recht, wenn er am Freitagabend im Nürnberger Stadion daran erinnerte, „dass wir vor zwei Jahren noch vor 170 Zuschauern da drüben gespielt haben“. Der Kickers-Coach meinte das einen knappen Kilometer entfernte Club-Trainingsgelände. Aus der Mannschaft, die damals in Nürnberg gegen die zweite Mannschaft des FCN 1:1 spielte, standen am Freitag Robert Wulnikowski und Clemens Schoppenhauer auf dem Feld.

Am Tag nach dem Remis im zumindest in der zweiten Halbzeit sehr leidenschaftlich geführten fränkischen Vergleich, herrschte am Kickers-Trainingsgelände in Randersacker Ruhe. Es gab ja auch nichts zu sehen. Das Team war am Mainufer ausgelaufen, dann tröpfelten die Akteure einzeln heraus aus der Kabine, machten sich mit dem Auto auf den Weg in die Sauna, um die Muskeln zu lockern. Als einer der ersten begab sich David Pisot auf den Weg. Der 29-jährige ist in Karlsruhe geboren. Ein Badener also ist in dieser Hinrunde der fränkische Derbyheld. Seine drei Saisontore hat der Verteidiger allesamt in den fränkischen Vergleichen erzielt: Erst zwei Treffer beim 3:0 in Fürth und nun das Elfmetertor zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung in Nürnberg.

Pisots Gedanken beim Elfmeter

Elfmeter? Da war mal etwas! Bei der 1:3-Niederlage in Hannover drei Wochen zuvor, war Richard Weil, der in Nürnberg ebenso wie Mittelfeldmann Patrick Weihrauch gar nicht zum Kader zählte, kurz vor Schluss vom Punkt gescheitert. Er werde fortan die Elfmeterschützen bestimmen, hatte Trainer Bernd Hollerbach angekündigt. Mit Pisot, der auch Elia Sorianos Treffer zum 1:1 mit einem langen Freistoß vorbereitet hatte, scheint der Trainer einen nervenstarken Schützen gefunden zu haben. Eigentlich, erzählte Pisot am Samstag, habe er den Elfmeter ja ins linke Eck schießen wollen. „Aber während des Anlaufs habe ich gesehen, dass sich der Torhüter schon in diese Ecke bewegt. Da habe ich mich im letzten Moment noch umentschieden.“

Eiskalt und berechnend waren die Kickers in Nürnberg angetreten, wohlwissend, dass die Nürnberger ihnen, was die Klasse der einzelnen Spieler angeht, gewiss überlegen sind. Doch die Kickers machten dies durch taktische Finesse, Kampf und ein gutes Stück Kaltschnäuzigkeit wett. Das lässt sich auch an den Zahlen zum Spiel ablesen. Die Kickers liefen insgesamt mit 115,87 Kilometern gute viereinhalb Kilometer mehr als der Gegner. Für ihre beiden Treffer brauchten die Würzburger fünf Torschüsse, während die Nürnberger 20 Versuche benötigten, um zweimal zu treffen. „Ich bin mit dem Auftritt und der Entwicklung der Mannschaft absolut zufrieden“, sagte Trainer Hollerbach am Morgen nach dem 2:2. Auch wenn die Art und Weise der Gegentreffer den Coach schon etwas nervte.

Guido Burgstallers 1:0 ging eine ganze Kette von Fehlern voraus, beim 2:2 kurz vor dem Ende war Club-Torschütze Even Hovland bei einem Freistoß erstaunlich ungedeckt. „Da springt keiner hoch außer Sebastian Neumann“, sagte Hollerbach mit Blick auf diese Szene. Kapitän Neumann war es gewesen, der sich am entschlossensten dem Nürnberger Sturmlauf entgegenstellt hatte. Beeindruckende 78 Prozent seiner Zweikämpfe gewann er. Der Spielführer war bester Kickers-Akteur.

Dass es am Ende nicht zu einem Dreier reichte, dass sich die Kickers nicht mehr befreien konnten vom Nürnberger Dauerdruck in der Schlussphase, habe auch an der Verletzung von Valdet Rama gelegen, sagte Hollerbach: „Er war gut drauf und hätte bei manchem Konter sicher für Gefahr und Entlastung gesorgt.“ Der in der Pause eingetauschte Deutsch-Albaner musste, kurz nachdem er den Elfmeter zum 2:1 herausgeholt hatte, mit einem Pferdekuss am Oberschenkel wieder vom Feld. „Wir haben unsere Konter leider nicht ordentlich zu Ende gespielt. Da hat der letzte Ball oft nicht gepasst“, fand Hollerbach, für den es am Wochenende auf Beobachtungstour ging: Am Samstag nach Großaspach zum Drittliga-Match gegen Magdeburg und am Sonntag nach Hoffenheim zum Erstliga-Spiel gegen den Hamburger SV.

In der zweiten Liga ist der fränkische Herbstmeister gefunden (siehe Infobox). Die Nürnberger Hoffnung die Hackordnung zurechtzurücken, hat sich nicht erfüllt. Vor der Partie hatte man sich beim Club noch dagegen gewehrt, dieses Spiel überhaupt als Derby zu bezeichnen. Dies würde den Kickers „schon zu viel Achtung entgegenbringen“, schrieben die Nürnberger Ultras auf einem vor dem Stadion verteilten Flugblatt. Man wird sich, so scheint es, in Nürnberg an einen neuen Kontrahenten erst gewöhnen müssen.

Fränkischer Herbstmeister

Die drei fränkischen Vergleiche in der Vorrunde der zweiten Fußball-Bundesliga sind vorüber. Und siehe da, nicht nur in der Zweitliga-Tabelle, sondern auch im direkten Vergleich mit dem 1. FC Nürnberg und der SpVgg Greuther Fürth liegt Aufsteiger FC Würzburger Kickers vorne. Das Team von Trainer Bernd Hollerbach kann sich also schon jetzt als fränkischer Herbstmeister fühlen.

Die fränkische Derbytabelle
 

1. FC Würzburger Kickers 5:2 Tore/4 Punkte
2. SpVgg Greuther Fürth 2:4 Tore/3 Punkte
3. 1. FC Nürnberg 3:4 Tore/1 Punkt

Fussball, 2. Bundesliga, 1. FC Nürnberg - FC Würzburger Kickers
Mutmacher vor dem Elfmeter: Kapitän Sebastian Neumann (rechts) gibt David Pisot vor dem Strafstoß letzte Tipps. Foto: Scheuring, Foto2press

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