Würzburg

Im Tischtennis gibt es keine Zelluloidkünstler mehr

Das gefährliche Material wurde nach 128 Jahren durch Plastik abgelöst. Die Umstellung bei den Vereinen funktionierte mehr oder weniger reibungslos.
Plastik statt Zelluloid: Wie hier beim TTC Kist (von links Lorenz Schäfer und Max Nötzold) wird in allen Ligen inzwischen mit den neuen Bällen gespielt. Foto: HMB Media / Volker Danzer

Zelluloid ist im Tischtennis Geschichte, die Zukunft heißt Plastik. Das Material ist derzeit im negativen Sinne in aller Munde. Sein größter Vorteil in der schnellen Sportart: Es ersetzt das Zelluloid, das auch als Zellhorn bezeichnet wird. So gut wie jeder Tischtennisspieler kennt den Geruch des Gases, das bei geöffneten Bällen entweicht. Es riecht nach ätherischen Ölen und brennt extrem leicht. Die Herstellung des Zelluloids ähnelt sogar jener von Nitroglyzerin.

Deshalb gab es in den ausnahmslos in Asien liegenden Fabriken immer wieder Brände und Explosionen. Die Bälle gelten als Gefahrengut und müssen extra mit Container-Schiffen transportiert werden. Weil diese Kunststoff-Verbindung zudem bei falscher Verwendung auch für die Sportler gesundheitsgefährdend sein kann, hat man nun also auf ein anderes Material umgestellt – in den höchsten fünf Ligen und auf überregionalen Turnieren schon vor fünf Jahren.

Zäsur im Tischtennis-Sport

Seit dieser – Mitte September auch in Unterfranken gestarteten Saison 2019/20 – ist der Einsatz von Plastikbällen bis zur untersten Spielklasse verpflichtend. Es ist eine Zäsur: Schließlich wurde seit 1891 mit Zelluloid gespielt, weshalb man auch gerne von Zelluloidkünstlern oder Zelluloidartisten gesprochen hat. Plastikjäger oder auch eine andere Wortschöpfung klingen nicht mehr wirklich schick. Manche behaupten, dass man jetzt beim Spielen auch kein "Ping" und "Pong" mehr hört, sondern eher ein "Plock".

Es ist bereits die zweite Ball-Revolution der schnellen Sportart in diesem Jahrtausend. 2001 wurde der 38-Millimeter-Ball gegen einen mit einem zwei Millimeter größeren Durchmesser ausgetauscht. Das Spiel ist dadurch langsamer geworden. Der Aufschrei war seinerzeit relativ groß, ist aber genauso schnell wieder verstummt.

Behutsamer Übergang

Nun war der Übergang behutsamer. Einige Vereine spielen schon seit längerem mit einem Plastikball, andere haben erst jetzt umgestellt. "Ich finde den Unterschied nicht so groß. Nur die Umstellungsphase war etwas ungewohnt, weil man mal mit Zelluloid, mal mit Plastik gespielt hat", sagt Colin Fischer vom TSV Gerbrunn (Landkreis Würzburg). Sein Verein hat erst zu dieser Saison im regulären Spielbetrieb auf die neuen Bälle umgestellt. "Vorher gab es eine Testphase, in der wir verschiedene Marken getestet haben."

Etwas länger zu warten, war in jedem Fall nicht die schlechteste Entscheidung. Zum einen konnte man so den Vorrat an Zelluloidbällen noch aufbrauchen, zum anderen liegen qualitativ Welten zwischen den Plastikbällen der ersten Generation und den heutigen. Vor allem die günstigeren Varianten gingen häufig kaputt, platzten zum Teil sogar während der Ballwechsel und hatten mitunter auch sehr ungewöhnliche Flugkurven. Die Weiterentwicklungen sind dagegen ähnlich robust wie die Zelluloidbälle; teilweise werden sie sogar nahtlos hergestellt. Und seit zwei Jahren gibt es auch Plastikbälle aus ABS-Material. ABS steht für Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere. Dieser Polymerstoff ist umweltfreundlich, wiederverwertbar und nicht brennbar.

Stephan Enser bringt die ersten neuen Bälle

Die ersten Plastikbälle in die Region gebracht hat Stephan Enser, der Fachwart für den Erwachsenen-Einzelsport im Bezirk Würzburg-Süd. Das war im Sommer 2014. "Am Anfang habe ich gedacht, dass mir als Allroundspieler das langsamere Tempo entgegenkommt. Doch letztlich bin ich ungefähr auf demselben Niveau geblieben", berichtet Enser, der die Umstellung als gelungen ansieht. "Jeder Verein konnte sich darauf einstellen." Die Übergangsfrist sei relativ lange gewesen.

"Ich denke, dass die Plastikbälle für viele Spieler schon jetzt kein Thema mehr sind, der Unterschied kaum noch relevant ist." Manche Spieler haben auch mit schnelleren Belägen und Hölzern auf die etwas härteren Plastikbälle gegengesteuert. Sie nehmen nicht mehr so viel Rotation an, was beispielsweise Aufschläge ungefährlicher werden lässt. Die Schnittabwehr von Defensivkünstlern wird ebenfalls etwas entschärft, genau wie die Topspins von Angriffsspielern.

Spielqualität des Schlägerhalters zählt

Obwohl das Material im Tischtennis immer eine große Rolle einnehmen wird und manche gerne ihr schwächeres Abschneiden darauf schieben - eines hat sich durch den Materialwechsel nicht geändert: Am Ende kommt es vor allem auf die Spielqualitäten des Schlägerhalters an . . . 

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