Liebesgrüße aus der Normandie

Würzburg Zur Einladungs-Regatta anlässlich seines 100. Geburtstags erhielt der Akademische Ruderclub Würzburgs (ARCW) sogar Besuch aus Frankreich. Seit Jahren wird eine sport-kulturelle Partnerschaft mit Caen gepflegt.
Sie fühlten sich in Würzburg       -  Sie fühlten sich in Würzburg pudelwohl, auch wenn es auf dem Wasser eine sportliche Niederlage setzte: die Ruderer des RC Caen.
Sie fühlten sich in Würzburg pudelwohl, auch wenn es auf dem Wasser eine sportliche Niederlage setzte: die Ruderer des RC Caen. Foto: FOTO NADINE KLIKAR
Diskutiert wurde nicht etwa über das EU-Referendum, Zinedine Zidane oder die Tour de France. Das Interesse der jungen französischen Gäste vom Ruderclub Caen galt nach der Ankunft in Würzburg erstmal einer sehr deutschen Frage: "Welches Bier schmeckt am besten?"

Seit Jahren besuchen sich die Ruderer vom ARCW und vom Ruderclub Can (RCC) gegenseitig auf Regatten. Als Selbstverständlichkeit erschien daher der Gastauftritt eines Junioren-Achters aus der Normandie zum hundertjährigen Bestehen der Würzburger. Caen liegt übrigens nur etwa 15 Kilometer vom legendären Omaha Beach am Atlantik entfernt, wo die Amerikaner 1944 die Befreiung von Europa eröffneten.

Bei der französischen Volksabstimmung vor zwei Wochen hatten die Bürger Caens entgegen dem landesweiten Trend für die europäische Verfassung gestimmt. Jean-Jaques Michels, Betreuer der RCC-Ruderer, taugt als ein guter Beweis, dass Frankreich immer noch weltoffen ist. Er verheimlicht nicht, dass er sein Kreuz aufs "Oui" setzte. "Ich bin Europäer", sagt der 46-Jährige überzeugt und schüttelt beschämt den Kopf über sein Land: "Dieses Votum ist eine Schande."

Der Pathologe spricht sehr gut Deutsch und würde nicht nur wegen seines Akzentes gut in die Schublade des typischen Franzosen aus Filmen passen. Die blonden Haare sind verstrubbelt und die Gestik ruckelig, wenn er schwärmt: "Isch finde Würzburg malerisch wuunderschän." Die Sprachkenntnisse erwarb sich Michels einst mit Karl-May-Romanen, nicht etwa in der Schule. Deutschunterricht ist im Nachbarland nämlich unpopulär und kaum verbreitet. Michels schaut dagegen heute noch regelmäßig deutsche Unterhaltungsfilme auf Pro 7 oder Sat 1. Er findet: "Das französische Fernsehen ist so schlecht." Ein Franzose, der Deutschland liebt - ein seltenes Bild. Aber auch seine Ruderer schwärmen. Die Schüler und Studenten zwischen 16 und 18 Jahren finden Würzburg "cool" und "naturel".

Gibt es Unterschiede zwischen den Ruderern in beiden Ländern? Michels hat beobachtet: "Die Deutschen sitzen aufrecht und mit geradem Rücken im Boot, die Franzosen sind da viel lässiger." Vielleicht zu locker: Beim Einladungsturnier des ACRW am Samstag verpasste der Achter aus Caen das Finale. Allerdings war der Trip der Franzosen auch eher Vergnügungsfahrt als ernster sportlicher Test. Einige Wochen zuvor nahmen drei der jungen Ruderer immerhin noch an den französischen Meisterschaften teil. "Unsere Jugendlichen sind wie die Deutschen", so Michels: "Sie wollen auch mal Spaß haben und was trinken gehen."

Und wenn junge Kerle Würzburg besuchen, gilt eine Discothek wie das Airport als Sehenswürdigkeit der Domstadt. Sogar der "alte Hase" Michels stürzt sich ins Nachtleben, obwohl er mit Anzug und Krawatte irgendwie nicht in die Disco passt. Als ältere Musik gespielt wird, stürmt er trotzdem die Tanzfläche. Und wundert sich: "Die jungen Mädels können heute nicht mehr Rock'n Roll tanzen."

Jean-Jaques Michels: 'Isch finde
Würzburg       -  Jean-Jaques Michels: 'Isch finde
Würzburg malerisch
wuunderschän.'
Jean-Jaques Michels: "Isch finde Würzburg malerisch wuunderschän." Foto: FOTO NADINE KLIKAR

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