Teer-Eimer und blütenweiße Hosen

Würzburg Wenn man ein Stück der Geschichte des Akademischen Ruderclubs Würzburg (ARCW) berühren will, muss man nur am Bootssteg auf Tauchgang gehen. Bei einem Wasserpegel von 1,50 Metern liegen dort tief im Schlamm alte Schlüssel oder runde Nickelbrillen. Viele Dinge, die die Ruderer in einem Jahrhundert während des Ein- und Aussteigens verloren haben. Es ist das "Modder-Museum" des ARCW.

Am Sonntag feierte der Ruderclub im Bootshaus an der Mergentheimer Straße stolz sein hundertjähriges Bestehen mit einer großen Runde und einem Feuerwerk. Nicht weit von dort entfernt war der Verein am 31. August 1905 im Hotel "Deutscher Kaiser" von zwei Apothekern gegründet worden. Das "Akademische" im Club-Namen begründete sich in der Motivation, dass eine Studenten-Stadt einen Ruderklub benötigen würde.

Die ersten Rennen fuhren die Sportler damals mit blütenweißen Hemden und Hosen. Bilder aus der Kaiserzeit zeigen das Publikum im feinen Zwirn, Zylinder und hellen Handschuhen - Rudern als Spießer-Sport.

Juden verbot man den Vereinsbeitritt anfangs ausdrücklich, obwohl der Nationalsozialismus noch fern war. Erst eine Intervention des Uni-Rektors beseitigte die antisemitische Schranke - die rund 30 Jahre später wieder geschlossen wurde. Zu NS-Zeiten wurde auch das Wort "Akademischer" im Vereinsnamen entfernt, weil es den Nazis zu elitär erschien. Gerudert werden musste stets mit einer Hakenkreuz-Spange am Trikot. Und immer öfter fiel der Sport aus, weil Schießübungen nebenan zur Pflicht wurden.

Der Zweite Weltkrieg vernichtete fast das gesamte Gelände des ARCW. Der Abwurf einer alliierten Bombe an der Landzunge im Mai 1945 zerschmetterte das Bootshaus und die Boote. Die Siegermacht USA löste den Verein kurz darauf auf.

1947 wiedergegründet ging es parallel zum Wirtschaftsaufschwung der BRD auch beim ARCW aufwärts. Die Mitglieder, anfangs vor allem Jurastudenten, errichteten die Infrastruktur in Eigenregie. "In der Fabrik füllten wir Teer in Eimer und fuhren dann mit dem Fahrrad zum Bootshaus", erinnert sich der heute 65-Jährige Chronist Rüdiger Praun. "Man erkannte in dieser Zeit Ruderer daran, dass sie schwarz waren. Der Teer war sehr schwer abzuwaschen."

Heute hat der ARCW rund 500 Mitglieder. Die Struktur ist stark verjüngt, weil Kinder jetzt bereits mit zehn Jahren eintreten und nicht wie früher erst im späten Jugendalter. Der Verein hat zahlreiche Olympia-Teilnehmer und Weltmeister herausgebracht und arbeitet nun mit kompetenten Trainern. Und um die nächste Generation zu sichern, wird sogar schon mit den Schulen kooperiert.

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