RUDERN

Konstantin Steinhübel hofft auf das „krasse Gefühl“

Wie es ist, Weltmeister zu werden, weiß der Würzburger schon. Im Interview spricht er über seine Chancen bei der Ruder-WM in Plovdiv, verlorene und wiedergefundene Freude in seinem Pausenjahr und den Fluss des Lebens.
Werden sie bei der WM jubeln? Beim Weltcup auf dem Rotsee in Luzern freuten sich der Würzburger Ruderer Konstantin Steinhübel (rechts) und sein Bootspartner Jonathan Rommelmann (Crefelder RC) über Platz sieben im Leichtgewichts-Doppelzweier. Foto: Seyb/DRV

In seinem Profil auf der Homepage des Deutschen Ruderverbandes (DRV) steht unter seinen Hobbies Schokolade. Am Telefon darauf angesprochen, lacht Konstantin Steinhübel (28) und sagt: „Lange ist's her, dass ich das eingetragen habe, aber es ist immer noch korrekt. Ich esse sehr, sehr gerne Schokolade.“ Trotzdem habe er keine Schwierigkeiten, bei 1,85 Metern Körpergröße seine 70 Kilo zu halten – das Gewicht, das er im Leichtgewichts-Doppelzweier nicht überschreiten darf. Am Sonntag (9. September) startet der gebürtige Hamburger, der in Rimpar und Würzburg – der Heimat seines Vaters – aufgewachsen ist und als Schüler beim Akademischen Ruderclub Würzburg (ARCW) das Rudern erlernt hat, bei der WM im bulgarischen Plovdiv (9.-16. September). Dafür hat er in Hamburg, wo er Schiffsbau und Meerestechnik studiert, 23 Stunden pro Woche, zuletzt im Trainingslager in Ratzeburg sogar bis zu 26 Stunden trainiert. Mit welchem Ziel und warum vom Abschneiden bei den Titelkämpfen seine Zukunft als Ruderer abhängt, verrät Steinhübel im Gespräch mit dieser Redaktion.

Frage: Konstantin, als Sie 2010 bei der U-23-WM zum ersten Mal Weltmeister im Leichtgewichts-Doppelvierer wurden, sagten Sie: „Das ist ein krasses Gefühl.“ Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie es bei dieser WM wieder erleben werden?

Konstantin Steinhübel: Nicht so sehr, da ich mit meinem aktuellen Partner Jonathan Rommelmann (Crefelder RC, Anm. d. Red.) erst seit Anfang Juli zusammen rudere. Wir haben erst einen größeren Wettkampf bestritten, den Weltcup auf dem Rotsee in Luzern. Da sind wir Siebter geworden, was sehr gut war für die wenigen gemeinsamen Kilometer, und durch unsere intensive Vorbereitung können wir uns bestimmt noch deutlich verbessern. Aber bei der WM Gold anzupeilen, wäre doch ein bisschen zu hoch gegriffen. Die Favoriten sind die Norweger, die Iren und die Italiener. Wir gehen definitiv als Underdog ins Rennen. Aber vielleicht erleben wir ja auf eine andere Weise ein krasses Gefühl – indem wir ein Ergebnis erreichen, mit dem wir vorher nicht gerechnet haben.

Was wäre so ein überraschendes Ergebnis?

Steinhübel: Wir träumen von unserem besten Rennen des Jahres im Finale, von einem perfekten Rennen, und hoffen, dass es damit für eine Medaille reicht. Unser Minimalziel ist aber das A-Finale, also ein Platz unter den Top Sechs.

Es wäre Ihre erste Medaille bei einer A-WM in einer olympischen Bootsklasse. Was würde sie Ihnen bedeuten?

Steinhübel: Sehr viel! Gerade nach meinem Pausenjahr wäre eine Medaille ein Riesenerfolg, weil sie mich darin bestätigen würde, dass ich wieder das Niveau habe, mit den Besten der Welt mitzuhalten. Und gerade im Zweier. Denn da wollte ich eigentlich schon im letzten Olympia-Zyklus sitzen.

Die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio hatten Sie knapp verpasst – und danach gesagt, dass der Sport erst mal an zweiter Stelle stehen müsse.

Steinhübel: Das war auch so, ich habe mich erst mal voll auf mein Studium konzentriert. Die verpasste Quali war ein ziemlicher Schlag in die Magengrube für mich. Das hat mich einiges an Motivation und Freude gekostet. Danach brauchte ich erst mal Abstand. Es hätte sein können, dass ich mit dem Rudern aufhöre, aber nach ein paar Monaten habe ich die Auszeit doch mehr als Pausenjahr gesehen. Durch das Rudern ohne Druck kam der Spaß daran zurück – und auch der Traum von Olympia. Er steht immer noch unerfüllt im Raum.

Also sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio noch ein Ziel für Sie?

Steinhübel: Schon. Aber ob es wirklich realistisch ist, hängt auch vom Ergebnis bei der WM ab.

Sie haben mal in einem Interview mit der „Welt“ gesagt: „Wer in Deutschland älter als 28 ist und keine Sponsoren hat, muss seine Ruderkarriere aus finanziellen Gründen beenden.“ Nun sind Sie im Januar 28 geworden. Haben Sie inzwischen Sponsoren oder wird das doch Ihre letzte WM?

Steinhübel: (lacht) Ich schaue mich tatsächlich nach Sponsoren um. Aber vor allem muss ich mir grundsätzlich Gedanken machen, wie mein Leben nach meinem Studium, mit dem ich um den Jahreswechsel herum hoffentlich fertig werde, weitergehen soll. Zwei Jahre beruflich gar nichts machen, werde ich mir nicht leisten können. Wenn ich also niemanden finden sollte, der mich unterstützt, trifft die Aussage wahrscheinlich auf mich zu. Daher würde ich sie immer noch so stehen lassen.

Der Leichtgewichts-Doppelzweier wird als olympische Bootsklasse aber doch vom DRV gefördert.

Steinhübel: Im Vergleich zu den Ruderern in den nichtolympischen Bootsklassen bekomme ich vom DRV die internationalen Wettkämpfe und Trainingslager bezahlt, das stimmt. Damit entlaste ich aber nicht mich, sondern meinen Verein, den ARCW. Ich persönlich erhalte kein Geld vom Verband, sondern eine Förderung über die Deutsche Sporthilfe. Als B-Kaderathlet sind das 300 Euro Grundförderung im Monat, dazu kriege ich als Student 400 Euro durch ein Stipendium. Nur von der Förderung könnte ich in Hamburg dennoch nicht leben. Daher unterstützen mich meine Eltern noch zum Teil. Aber nach dem Studium will ich schon finanziell unabhängig werden. Gleichzeitig bedeutet mir das Rudern noch sehr viel.

Was ist für Sie der Reiz daran?

Steinhübel: Es ist draußen, es ist auf dem Wasser, es ist wahnsinnig schön und rhythmisch und geschmeidig. Unter uns Ruderern klingt das schon etwas abgedroschen, aber wenn man sich in einem Mannschaftsboot zusammen bewegt, dann kommt man in einen Rhythmus, in dem sich in diesem Moment alles ein bisschen leichter anfühlt. Das Gefühl, morgens bei Sonnenaufgang über spiegelglattes Wasser zu gleiten, ist einzigartig. Für mich gibt es wenig, das sich so friedlich und so richtig anfühlt wie das.

Sie haben auf dem Main das Rudern erlernt. Was bedeutet er Ihnen noch?

Steinhübel: Er ist meine sportliche Heimat. Immer, wenn ich wieder auf dem Main rudere, ist es ein Nach-Hause-Kommen.

Hat Sie der Fluss an sich etwas übers Leben gelehrt?

Steinhübel: Ja, letztendlich schon. Er ist so wechselhaft wie das Leben selbst. Es gibt Tage, an denen er ruhig und glatt ist, Tage mit Strömungen, Tage mit Strudel – und durch alle Situationen muss man sich durchkämpfen, als Ruderer wie auch als Mensch. Aber egal, wie der Fluss am Tag davor war, am nächsten kann alles schon wieder ganz anders sein.

Sie sind Schlagmann. Worauf kommt es dabei am meisten an?

Steinhübel: Auch dazu gibt es viele Floskeln. In einem Großboot wie dem Achter oder Vierer kann man eher sagen, dass der Schlagmann den Rhythmus vorgeben muss, im Zweier habe ich nominell diese Aufgabe. Tatsächlich sitzt man zu zweit so nah beieinander, da muss man zusammen agieren. Auf jeden Fall hat ein Schlagmann in jeder Situation – bei schlechten Bedingungen, wenn eine Böe kommt, wenn man hinten liegt – die Aufgabe, immer weiterzumachen.

Welche Rolle spielt Vertrauen untereinander im Boot?

Steinhübel: Vertrauen ist das Wichtigste. Du musst dich drauf verlassen können, dass der andere den richtigen Rhythmus vorgibt, richtige Entscheidungen trifft oder mitzieht. Und dass jeder persönlich an seine Grenze geht. Aber man muss auch zielführend zusammenarbeiten und kommunizieren können. Das klappt bei meinem Partner und mir gut.

Vor dieser WM – was war Ihr bisher größter und schönster Erfolg?

Steinhübel: Der größte war der zweite Platz bei den Europameisterschaften 2014 im Zweier, in einem topbesetzten Feld. Da bin ich mit den Besten der Welt in meiner Gewichtsklasse mitgefahren. Der schönste war der erste, der U-23-WM-Titel 2010 im Vierer. Er kam einfach unerwartet. Wir waren alle in der Mannschaft vorher noch nie bei einer Weltmeisterschaft gewesen und haben von Rennen zu Rennen gemerkt, dass was gehen kann. Am Ende hat alles zusammengepasst und zu diesem krassen Gefühl geführt, das ich gerne noch einmal erleben würde.

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