HANDBALL: ZWEITE BUNDESLIGA, MÄNNER

"Will die Region Spitzenhandball?"

Sexy, aber arm: Sportlich mischt der Handball-Zweitligist mitunter um den Aufstieg mit, wirtschaftlich ist er ein Kandidat für den Abstieg. Mit dem Umbruch im Kader müssen die Ziele dem Etat angepasst werden.
DKB 2. Handball-Bundesliga, DJK Rimpar Wölfe - Wilhelmshavener HV       -  Droht der Absturz nach dem Höhenflug? Mit Kapitän Stefan Schmitt (am Ball) verliert Handball-Zweitligist DJK Rimpar Wölfe (hier im Heimspiel gegen den Wilhelmshavener HV) am Ende der Saison eines seiner Gesichter. Adäquaten Ersatz kann sich der Klub nicht leisten.
Droht der Absturz nach dem Höhenflug? Mit Kapitän Stefan Schmitt (am Ball) verliert Handball-Zweitligist DJK Rimpar Wölfe (hier im Heimspiel gegen den Wilhelmshavener HV) am Ende der Saison eines seiner Gesichter. Adäquaten Ersatz kann sich der Klub nicht leisten. Foto: Fotos (2): Frank Scheuring/foto2press

Die Grafik, die Geschäftsführer Roland Sauer und Trainer Matthias Obinger Anfang der Woche den Sponsoren und Partnern der DJK Rimpar Wölfe präsentierten, offenbarte das Missverhältnis auf einen Blick. In der Tabelle der Zweiten Handball-Bundesliga mischt der Klub auch in dieser Saison wieder an der erweiterten Spitze zwischen dem dritten und dem aktuellen siebten Rang mit, im Zuschauerranking ist er Achter – nur im Vergleich der Vereinsetats belegt er selbst in seinem fünften Zweitliga-Jahr einen Abstiegsplatz. Zwischen dem sportlichen Wunsch, auch künftig Spitzenhandball zu spielen, und der wirtschaftlichen Wirklichkeit klafft eine canyongroße Lücke. Die Verantwortlichen der Wölfe wissen: „Wir stehen am Scheideweg.“ Im Interview mit dieser Redaktion stellt Sauer daher eine provokante Frage.

Frage: Herr Sauer, seit Wochen verkündet die Zweitliga-Konkurrenz jede Menge namhafter Neuzugänge für die kommende Saison. Nur Rimpar nicht. Wie darf man das deuten?

Roland Sauer: Das hat natürlich eine wesentliche Ursache: Geld. Wir müssen schauen, wen wir uns leisten können. Und das sind nun mal eher entwicklungsfähige Nachwuchs- als teure Topspieler. Die kriegen wir nicht für das Geld, das uns zur Verfügung steht.

Mit den Eigengewächsen Stefan Schmitt und Sebastian Kraus, die ihre Karrieren beenden, brechen im Kader allerdings zwei Säulen weg. Wer soll sie adäquat ersetzen?

Sauer: Dass die beiden eine riesige Lücke hinterlassen, ist doch klar. Sie sind als Typen eigentlich nicht wegzudenken aus der Mannschaft und als Persönlichkeiten auch nicht mit viel Geld durch andere zu ersetzen: Stefan Schmitt als Kapitän und offenes Ohr, Sebastian Kraus als emotionaler Anführer. Sportlich leichter auffangen können wir die Linksaußenposition von Basti. Dort haben wir ja noch Dominik Schömig – und zudem die Möglichkeit, Rückraumspieler auf Außen zu ziehen. Bei Stefan als Abwehrchef wird es schwieriger. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir ihn als solchen ersetzen sollen mit seiner Spielintelligenz und Eingespieltheit. Seine Rolle müssen wir auf mehrere Schultern verteilen. Ich denke in erster Linie an die Kreisläufer Patrick Gempp, Sergej Gorpishin und Philipp Meyer, der von der zweiten Mannschaft fest nach oben rückt.

Mit welchem Etat gehen die Wölfe in die neue Saison?

Sauer: Es wird in etwa der gleiche wie in diesem Jahr sein, also 820 000 Euro. Ich kalkuliere da sehr vorsichtig. Falls sich Leistungsträger verletzen, müssen wir noch reagieren und gegebenenfalls nachverpflichten können. Aber auf jeden Fall wird es wieder einer der kleinsten Etats der Liga sein.

Am Ende der nächsten Saison werden fünf Mannschaften absteigen, die Liga schrumpft auf 18 Klubs. Wenn selbst Aufsteiger wie der TV Großwallstadt mit einer Million an den Start gehen – wird Rimpar unter den gegebenen Umständen eher gegen den Abstieg als um den Aufstieg kämpfen, wie das in der vergangenen und dieser Saison zeitweise der Fall war?

Sauer: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft stellen werden, die den Klassenerhalt vorzeitig schafft. Mit dem Abstieg werden wir nichts zu tun haben.

Hat die rasante sportliche Entwicklung der Wölfe dennoch ihren Höhepunkt mit dem Fast-Aufstieg im Sommer 2017 erreicht?

Sauer: Das wird sich zeigen. Heuer haben wir es geschafft, die Leistung der vergangenen Saison annähernd zu bestätigen. Allein das hatten uns die wenigsten zugetraut.

Eigentlich sollte es aber eher noch weiter nach oben gehen. Vor zwei Jahren haben die Wölfe das Projekt 2020 ausgerufen, mit dem Ziel, die Mannschaft dauerhaft unter den 25 besten deutschen Handballklubs zu etablieren – mindestens. Der Sport hat vorgelegt und zweimal schon geliefert – der damals avisierte Millionenetat aber ist in weiter Ferne. Ist das sportliche Ziel noch realistisch?

Sauer: Nein, die Top25 sind zum jetzigen Zeitpunkt und unter den derzeitigen Bedingungen nicht mehr realistisch. Wir müssen dieses Projekt erst mal beerdigen und auch unsere sportlichen Ziele zumindest zwischenzeitlich nach unten schrauben.

Wie weit?

Sauer: Ich denke, dass wir in der nächsten Saison die Plätze neun bis zwölf taxieren werden. Das traue ich dem Trainer und der Mannschaft schon zu. Wir waren ja auch bisher schon ein Entwicklungs- und kein Einkaufsverein.

Wie ist der Mannschaft zu vermitteln, die seit Jahren am und teils über ihrem Limit spielt, dass die finanzielle Weiterentwicklung stagniert – und wie sollen Leistungsträger künftig gehalten werden, wenn es weder sportlich interessante Ambitionen noch gutes Geld als Anreiz gibt? Da Erfolg bekanntlich sexy macht, werden die Spieler sicher auch andere Angebote haben . . .

Sauer: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Trotz unseres geringen Etats ist es uns ja bisher gelungen, wettbewerbsfähig zu sein und sogar immer wieder vorne mitzumischen. Die Spieler können sich bei uns sportlich prächtig entwickeln und gleichzeitig auch ihre beruflichen Karrieren vorantreiben, weil wir ihnen mit unseren Partnern ein Netzwerk bieten, von dem sie profitieren können. Wir haben uns da einen guten Ruf erarbeitet. Die Spieler wissen also schon auch, was sie hier haben, sonst hätten sie ja nicht alle ihre Verträge verlängert.

Auch der Vertrag von Matthias Obinger läuft 2019 aus. Warum soll sich ein Trainer, der hauptberuflich noch einen anderen Job ausüben muss und sich eine tolle Reputation erarbeitet hat, diese Doppelbelastung weiter antun? 

Sauer: Matthias hat gesagt, er geht jeden Weg des Vereins mit. Und er hat ja schon bewiesen, dass er junge Spieler zu Leistungsträgern ausbilden kann.

Aber er hat wörtlich auch gesagt, dass er „die Mannschaft der Liga nicht zum Fraß vorwerfen“ wird und dass der Verein auf die Abgänge und das Aufrüsten der anderen Klubs reagieren muss, sonst sehe er schwarz.

Sauer: Wir werden ja auch reagieren und sind an ein bis zwei neuen Spielern dran, die im Mittelblock eingesetzt werden könnten.

Hat bei der Verkündung des Projekts 2020 der Weitblick gefehlt? Denn da war der Umbruch im Kader – zumindest das nahende Ende einzelner Eigengewächse – ja schon absehbar.

Sauer: Ehrlich gesagt, habe ich dieses Projekt seit der Bekanntgabe vor zwei Jahren nicht so oft in den Mund genommen. Ich hätte allerdings schon gedacht, dass wir wirtschaftlich schneller vorankommen, gerade auch, was die Sponsoren-Akquise angeht. Da sind wir definitiv hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Warum ist es denn nach wie vor so schwierig, mehr oder zahlungskräftigere Sponsoren für den Handball zu gewinnen? Fehlt jemand, der sich darum kümmert?

Sauer: Das ist sicher ein Grund. Wir haben als Dorfverein nicht die personellen Ressourcen, um unsere Wölfe-Geschichte mit viel zeitlichem Aufwand hinaus in die Region zu tragen und am Ball zu bleiben. Bei uns läuft das alles neben den normalen Jobs. Ich könnte mir gut vorstellen, dass uns Stefan Schmitt und Basti Kraus künftig im Marketing helfen, als eine Art Botschafter, die diese Geschichte nach außen vermitteln. Wer sollte sie auch glaubwürdiger verkaufen können als diejenigen, die sie selbst von der Landes- bis in die Bundesliga gelebt und entscheidend geprägt haben?! Trotzdem ist es mir ein großes Rätsel, warum bisher bei Sponsoren nicht mehr geht . . .

Es ist umso größer, da sich die Zuschauerzahlen in dieser Saison mit durchschnittlich knapp 1800 gut stabilisiert haben.

Sauer: Das stimmt. Auch unsere Dauerkartenverkäufe sind deutlich gestiegen. In der Saison 2016/17 hatten wir 670 Dauerkarten abgesetzt, in dieser waren es schon 854 und in der nächsten peilen wir 1000 an. Das Problem ist aber: Die Zuschauereinnahmen decken nur rund 30 Prozent unseres Etats ab. Zwei Drittel kommt also von den Sponsoren. Doch in diesem Bereich stagniert unsere Entwicklung, obwohl wir mittlerweile immerhin etwa 150 wirtschaftliche Partner haben. Wir erhalten generell zwar viel Schulterklopfen für unsere Arbeit, aber letztlich kommt einfach zu wenig herum.

Ist der Weg mit mehreren mittleren und kleinen Sponsoren überhaupt noch zukunftsfähig oder geht es heutzutage auf diesem sportlichen Niveau nur noch mit einer Art Mäzen?

Sauer: Man könnte es fast meinen, wenn man die anderen beiden Spitzenklubs in Würzburg, aber auch woanders betrachtet. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass unser Weg ebenfalls möglich ist. Die entscheidende – und ich gebe zu auch provokante – Frage ist letztlich: Will diese Region Spitzenhandball? Wenn wir weiter oben angreifen sollen, dann brauchen wir mehr Unterstützer und Unterstützung. Wir brauchen kein so großes Budget wie andere Vereine, die an der Spitze stehen, weil wir anders arbeiten. Aber wir brauchen schon ein Mindestbudget, um voranzukommen.

Wie hoch müsste dieses sein?

Sauer: Siebenstellig.

Stand jetzt ist weder Geld für neue gleichwertige Spieler da, noch kommen in absehbarer Zeit Riesentalente aus den eigenen Reihen nach. Ist der Anfang vom Ende der goldenen Generation um Stefan Schmitt und Sebastian Kraus auch der Anfang vom Ende der Zweitliga-Zugehörigkeit der Wölfe?

Sauer: Auch das denke ich nicht. An unserem Konzept, auf junge, hungrige Spieler zu setzen, hat sich ja nichts geändert. Viele im Kader sind erst Anfang, Mitte 20 und haben noch viel Potenzial. Von daher sehen wir schon eine Perspektive, mittelfristig weiterhin in der vorderen Hälfte der Zweiten Liga mitzumischen. Aber eines ist natürlich auch klar: Ohne Sponsoren und Gönner wird das immer schwieriger. Ich betone es daher noch einmal: Unsere Zielsetzung richtet sich zwangsläufig nach dem Etat – und der hängt maßgeblich von der Antwort auf die Frage ab, wie viel Spitzenhandball hier gewünscht wird.

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