FUSSBALL:

Der reisefreudige Reformator aus Poing

Fußball-Tausendsassa: BFV-Präsident Rainer Koch.
Foto: F. Frühwirth | Fußball-Tausendsassa: BFV-Präsident Rainer Koch.

Werden die Stadien der Fußball-Bayernliga demnächst nach verdächtigen Personen abgesucht, die permanent in ihr Handy quasseln? Es könnte sich um so genannte Scouts handeln, die Wett-Kunden in Asien auf dem Laufenden halten. „Wir wissen, dass dort auf Spiele der Bayernliga mit Ergebnis- und Live-Wetten gesetzt werden kann“, sagt Rainer Koch, der sich als Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ohnehin mit dem aktuellen Wettskandal, in dessen Zuge auch ein festgenommener Spieler der Würzburger Kickers weiter in Untersuchungshaft sitzt, herumschlagen muss. Man müsse sich der Gefahr bewusst sein, dass auch versucht werde, Begegnungen der fünften Liga zu manipulieren.

Und deshalb fände es der Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) keineswegs abwegig, wenn Vereine vom Hausrecht Gebrauch machen und vermeintliche Scouts aus dem Stadion verweisen würden. Den vorsichtigen Einwand beim Neujahrstreffen mit der nordbayerischen Sportpresse in Bayreuth, dass dies in der Praxis vielleicht doch ein wenig schwer umzusetzen sei, lässt Koch gelten. Aber es sei doch besser, unter 100 Ideen am Ende eine als brauchbar umsetzen, als nie eine zu entwickeln.

Und die Ideen, sie sprudeln nur so aus Koch heraus. Seit seinem Amtsantritt Ende 2004 hat der ehemalige Schiedsrichter und Vorsitzende des DFB-Sportgerichts den 4500 Vereine repräsentierenden, aber verschlafenen Riesen BFV völlig umgekrempelt und modernisiert. Mit dem Ziel, den Amateurfußball in Bayern trotz der demografischen Entwicklung in seiner ganzen Stärke zu erhalten.

So mancher Verbandsfunktionär tat und tut sich schwer, mit Kochs Tempo mitzuhalten. Doch er hat auch den Apparat an mittlerweile 60 hauptamtlichen Verbandsmitarbeitern neu strukturiert und erweitert. Kochs jüngste Neuerwerbungen sind Pressesprecher Tobias Günther, vorher beim Zweitligisten MSV Duisburg beschäftigt, und der Münchner FIFA-Schiedsrichter Felix Brych, der sich als Abteilungsleiter um den Sportbetrieb kümmern wird.

Besonders stolz ist Koch auf die Homepage des Verbandes, die zum Jahresbeginn einer Renovierung unterzogen worden ist. „Wenn wir den Weg weg vom verstaubten Image geschafft haben, dann auch durch unsere verbesserte Selbstdarstellung.“ Dass er mit der Vision, auch Spielberichte unterer Klassen online anzubieten, in Konkurrenz mit den Medien geraten würde, sieht Koch gelassen aus einer Position der Stärke: „Entwicklungen kann man nicht aufhalten.“

Für seine umfängliche Fußball-Mission ist Koch im Beruf als Richter am Oberlandesgericht München auf 50 Prozent gegangen, der DFB gleicht den Verdienstausfall aus. Dass das eigentliche Ziel seiner Aktivitäten sei, irgendwann mal auf dem Stuhl des DFB-Präsidenten zu sitzen – Koch kennt diese Theorie und lächelt müde. „Das ist kein Thema für mich, wirklich nicht. Ich bin sehr, sehr gerne BFV-Präsident.“ Dass er die große Welt des Fußballs der kleinen vorziehe, diesen Vorwurf kann man Koch in der Tat nicht machen. Im Gegenteil: Wenn es an der Basis hakt, dann greift der reisefreudige Präsident gerne selbst vor Ort ein.

Auch die Unterfranken haben das erlebt. Die im Raum Rhön und Haßberge umstrittene Eingliederung der Reserven in die Punkterunde bewahrte Koch in Gesprächsrunden vor dem Scheitern, den Rhönern strickte er sogar eine in Bayern einmalige Übergangsregelung.

Als dem FC 05 Schweinfurt nach wiederholten Fan-Problemen sechs Punkte abgezogen wurden, begab sich Koch wenige Tage später zum nächsten Spiel ins Willy-Sachs-Stadion und fand im VIP-Zelt Verständnis für seine gewohnt beredt vorgetragenen Argumente und seine harte Linie, die ziemlich genau besagt: Ausschreitungen auch leichter Art haben im Amateurfußball nichts verloren. Als Belohnung für die Schweinfurter Einsicht wurde der Punktabzug halbiert. Des Fan-Problems der Würzburger Kickers will sich Koch demnächst auch persönlich annehmen.

Besonders schwer auf Achse wird er in diesem Jahr sein, einem Wahljahr im BFV. Er hat sich vorgenommen, alle 24 Kreis- und sieben Bezirkstage zu besuchen. Sie stehen unter dem Motto „Verband + Vereine = ein Team“. „Das Motto wollen wir leben, nachdem die Verbandsreform abgeschlossen ist“, verspricht Koch. Es gehe darum, den Vereinen in schweren Zeiten konkrete Arbeitshilfen zu geben.

Im sportlichen Bereich soll die im letzten Jahr begonnene Reform des Pokal-Wettbewerbs weitergehen. Koch würde die ersten Runden gerne attraktiver gestalten. Noch höhere Prämien vom Sponsor zu akquirieren, erachtet er als schwierig. Aber warum sollten die Kreispokal-Sieger künftig nicht mit einem Ärmel-Aufnäher durch die Saison gehen, der sie stolz als solcher ausweist? Der Präsident könnte sich auch eine Art Liga-Pokal vor dem eigentlichen Saisonstart vorstellen: Alle Vereine einer Spielklasse treffen sich zu einem Wochenend-Turnier, bei dem auch zünftig gegessen und getrunken wird.

„Ich bin sehr, sehr gerne BFV-Präsident.“

Rainer Koch über Spekulationen, er wolle DFB-Präsident werden

Seine oberste Spielklasse, die Bayernliga, würde Koch gerne so attraktiv gestalten, dass es Vereine nicht mehr als Makel und Rückschritt empfinden, aus wirtschaftlichen Gründen auf den Aufstieg in die Regionalliga zu verzichten. „Profi-Fußball ist nun einmal für viele Vereine nicht darstellbar, diese Einsicht muss sich noch weiter durchsetzen“, sagt Koch. Um die Bayernliga spannender zu machen, brachte er jüngst den Vorschlag eines Extra-Punktes auf für den Sieger im Vergleich aus Vor- und Rückrunde. Gibt's das schon mal im DFB-Bereich? „Bisher nicht, aber das macht ja nichts.“ 100 Ideen . . .

Beim Verbandstag im Juli sind keine größeren personellen Veränderungen zu erwarten, wenn man davon absieht, dass Spielleiter Jürgen Faltenbacher in das Amt des Schatzmeisters wechseln wird und es Kampfabstimmungen um die vier Vizepräsidenten-Posten geben könnte. Einen bekleidet bisher der Unterfranke Rolf Eppelein. An Rainer Kochs zweiter Wiederwahl besteht indes kein Zweifel.

Vor dem Tagungsmarathon wird sich der 50-Jährige aus Poing bei München aber noch einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Mit seinem betagten Vater fliegt er Anfang Februar – nein, nicht zu einem Fußball-Spiel. Es geht zum Superbowl im American Football, nach Miami (Florida).

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