Fußball: Relegation

Lichtblick für den Club: Wiesinger hilft mit Worten und Taten

Beim 2:0-Sieg gegen Ingolstadt erfüllen sich alle Nürnberger Hoffnungen, die mit der Aktivierung des Nachwuchschefs verbunden waren. Die Chancen auf den Klassenerhalt stehen nun gut.
Manchmal musste er sich auch ärgern, aber insgesamt war Michael Wiesinger mit der Vorstellung der Nürnberger Mannschaft hochzufrieden.
Manchmal musste er sich auch ärgern, aber insgesamt war Michael Wiesinger mit der Vorstellung der Nürnberger Mannschaft hochzufrieden. Foto: Daniel Karmann

Vorher hatte sogar Club-Legende Javier Pinola, den man mit seinem Bart fast nicht erkannte, noch ein aufmunterndes Video aus Argentinien gesendet. Hinterher pfiff Ministerpräsident Markus Söder auf die sonst gebotene Unparteilichkeit und verlieh als Nürnberger mit Club-Gesichtsmaske bei Facebook seiner Erleichterung Ausdruck. Nach dem 2:0 (2:0)-Sieg des 1. FC Nürnberg im Hinspiel der Relegation gegen den FC Ingolstadt sieht es nämlich so aus, als ob der Altmeister der Zweiten Bundesliga doch erhalten bleibt. Alle Hoffnungen, die sich mit der Aktivierung des eigentlich als Nachwuchsleiter beschäftigten Michael Wiesinger als Interimstrainer verbunden hatten, waren am Dienstagabend in Erfüllung gegangen. Der 47-jährige Ex-Profi, ein Cluberer mit Leib und Seele, erweckte eine tot geglaubte Mannschaft wieder zum Leben. Mit Worten und Taten.

Ingolstadts Trainer Tomas Oral, selbst ein mit allen Wassern gewaschener Motivationskünstler, kommentierte es belustigt, wie Wiesinger die Spieler öffentlich und offenbar auch intern stark geredet hatte. Das, sagte Oral sinngemäß in der Pressekonferenz vor dem Spiel, entspreche eigentlich so gar nicht dem Naturell von Wiesinger. Nach der Partie ruderte Oral zurück. Eigentlich habe er sich schlecht ausgedrückt und alle Nürnberger Verantwortlichen gemeint. Aber Wiesinger gab ihm in einem freundschaftlichen Geplänkel sogar Recht: "Vielleicht bin ich das gar nicht. Aber ich musste Gas geben." Dass Kapitän Christian Mathenia nach dem Sieg sagte, Wiesinger und Co-Trainer Marek Mintal hätten die Herzen der Profis erreicht, schien dem Trainer fast peinlich: "Darum geht's nicht!" Tut es aber doch.

Ins lange Eck: So traf Club-Youngster Fabian Nürnberger zum 1:0. Ingolstadts Keeper Marco Knaller war chancenlos.
Ins lange Eck: So traf Club-Youngster Fabian Nürnberger zum 1:0. Ingolstadts Keeper Marco Knaller war chancenlos. Foto: HMB Media/Heiko Becker via Sportfoto Zink/Daniel Marr/Pool

Fachlich drehte Wiesinger an den richtigen Stellschrauben. Er verpasste der Mannschaft eine funktionierende Struktur über ein neues System, mit dem 4-4-2 kam sie sehr gut zurecht. Zudem nutzte er die Rückkehr von Fabian Nürnberger nach dessen Verletzungspause, um den 20-Jährigen auf  die linke Offensivposition zu schicken, statt ihn wie Vorgänger Jens Keller im defensiven Mittelfeld einzusetzen. Mit klarem Kalkül. Im Training war Wiesinger nämlich aufgefallen, dass "Fabian einen guten Schuss hat. Wenn er den Ball am linken Fuß hat, dann trifft er sicher in die lange Ecke." Genauso erzielte Nürnberger, der aus Hamburg kommt und das Nachwuchsleistungszentrum des FCN durchlief, dann den Führungstreffer (22.). Das stärkte sein Selbstvertrauen und beim 2:0 lief er sogar goldrichtig im Strafraum ein, als Mikael Ishak eine Flanke verlängert hatte (45.).

"Der erste Satz ist für uns ausgegangen, aber wir wissen sehr wohl, was uns in Ingolstadt erwartet."
Club-Trainer Michael Wiesinger

Fast hätte Nürnberger, der in 16 Zweitliga-Spielen zuvor nie getroffen hatte, auch noch das 3:0 erzielt, aber der Pfosten stand im Weg (66.). "Er ist sehr reflektiert und macht sich Gedanken um alles, was hier passiert", beschrieb Wiesinger seine Torjäger-Neuentdeckung. Von daher dürfte es ihm also nicht so schwer fallen, Nürnberger "für Samstag wieder in die Spur" zu kriegen.  Die Ausgangslage vor dem Rückspiel (18.15 Uhr/ZDF) bewertete Wiesinger mit der gebotenen Zurückhaltung. "Der erste Satz ist für uns ausgegangen, aber wir wissen sehr wohl, was uns in Ingolstadt erwartet. Wir müssen demütig bleiben. Wenn wir die Null halten, sieht es gut aus."

Das hätte das 3:0 sein müssen: Michael Frey schaufelte den Ball in der Nachspielzeit über das Ingolstädter Tor. Schlussmann Marco Knaller und Innenverteidiger Tobias Schröck wären machtlos gewesen.
Das hätte das 3:0 sein müssen: Michael Frey schaufelte den Ball in der Nachspielzeit über das Ingolstädter Tor. Schlussmann Marco Knaller und Innenverteidiger Tobias Schröck wären machtlos gewesen. Foto: Heiko Becker/HMB Media via Sportfoto Zink/Daniel Marr/Pool

Ohne Gegentor zu bleiben, das sei auch seine Forderung in der Halbzeitpause des Hinspiels gewesen. "Wir wollten kompromisslos verteidigen. Ingolstadt dann so vom Tor wegzuhalten, das war schon Klasse." Bei einigen Standards des Drittligisten geriet Wiesinger in der Schlussphase zwar noch leicht ins Transpirieren, aber der hervorragende Abwehrchef Konstantinos Mavropanos - wie Nürnberger ein Rückkehrer aus einer Verletzung - war im Zweifel die letzte Instanz zur Klärung. Der eingewechselte Michael Frey hätte das Rückspiel spannungsarm machen können,  aber er schaufelte den Ball in der Nachspielzeit über das Ingolstadter Tor. "Wir haben einiges liegen lassen", monierte Wiesinger.

Vielleicht schlägt im Rückspiel auch noch die Stunde von Nikola Dovedan. Am Dienstag setzte Wiesinger den Ex-Heidenheimer gar nicht ein, weil der Spielverlauf es nicht hergab. Doch für ein beabsichtigtes Konterspiel in Ingolstadt könnte der flinke Dovedan, den der neue Trainer als Zentrums- und nicht als Flügelspieler sieht, eine Alternative zu Adam Zrelak sein, der in einer geschlossenen Mannschaftsleistung als einziger Nürnberger etwas abfiel. "Mit Nikola haben wir noch eine gewaltige Waffe in der Hinterhand", sagte Wiesinger etwas martialisch, wollte aber nicht zu tief in Personaldiskussionen einsteigen: "Wir brauchen jeden Spieler."

Was ist von Ingolstadt noch zu erwarten? Der Zeitraum von nur 72 Stunden zwischen letztem Punkt- und erstem Relegationsspiel war kurz. "Wir klagen nicht. In der zweiten Halbzeit hat man gesehen, dass die Mannschaft topfit ist", sagte FC-Trainer Oral. Der Grund für die relative Chancenlosigkeit sei ein anderer gewesen. "Nürnberg hat seine Qualität dieses Mal einfach auf den Platz gebracht. Die Zielsetzung war vor der Saison ja auch eine ganz andere als jetzt  in der Relegation zu kämpfen." Man müsse sich jetzt "schütteln und am Samstag eventuell zurückschlagen". Eventuell, das Wort hätte Oral im nachhinein wohl lieber gestrichen.

Rückblick

  1. Kommentar: Das könnte passen beim Club
  2. Club-Kommentar: Arbeit für den Aufsichtsrat
  3. Der Irrsinn von Ingolstadt
  4. Lichtblick für den Club: Wiesinger hilft mit Worten und Taten
  5. Fabian Nürnberger lässt Nürnberg jubeln
  6. Was bewirkt Wiesingers Weckruf?
  7. Michael Wiesinger führt viele Einzelgespräche
  8. Wiesinger sprudelt nur so vor Motivation
  9. Michael Wiesinger soll den Club retten
  10. Club muss durch die Mühle der Relegation
  11. Gerüchte um Trennung von Jens Keller
  12. Eine Mannschaft in labiler Verfassung
  13. Der Club blamiert sich und muss bangen
  14. Joker Raum lässt Greuther Fürth jubeln
  15. 0:1 im Derby: Jetzt wird es ganz eng für den Club
  16. Club nur der Beste im Schneckenrennen
  17. Einer von 300: Als Reporter beim Geisterspiel
  18. Der Club verpasst einen Befreiungsschlag
  19. 1. FC Nürnberg: Die Legende lebt - noch
  20. Die Emotionen kochen hoch beim Club
  21. Zwei schöne Tore zum wichtigen Club-Sieg
  22. Beim Club ist gute Laune befohlen
  23. HSV für den Club eine Nummer zu groß
  24. Jens Keller macht den Club-Fans Hoffnung
  25. Jens Keller und sein Matchwinner Robin Hack
  26. Robin Hack macht den Unterschied
  27. Kieler Ausgleich sorgt für Entsetzen beim Club
  28. Der Club wirkt gezeichnet vom Abstiegskampf
  29. Die Nürnberger Talfahrt geht weiter
  30. Keller sieht keinen Anlass für Panik
  31. Unangenehmer Gang in die Nordkurve
  32. Ein 0:0, das niemand richtig glücklich macht
  33. Geis hat keine Angst vor Pfiffen
  34. Rachid Azzouzi: "Wir haben  hohe Ansprüche an uns selbst"
  35. Wo Jens Keller beim Club ansetzen muss
  36. Das Maß war einfach voll
  37. Marek Mintal springt beim Club ein
  38. Nürnberger Krise verschärft sich in Bochum
  39. Der Club und die nervigen Achterbahnfahrten
  40. Pokal-Drama endet mit Club-Aus
  41. Der Club kann kein Ergebnis sichern
  42. Die Großzügigkeit von Johannes Geis
  43. Aues Torwart nimmt Vorwürfe an den Club zurück
  44. Club verliert ein verrücktes Spiel
  45. Eine Premiere für Georg Margreitter
  46. Trotz des verpassten Sieges: Auf dem Weg zum Canadi-Club
  47. Club bringt sich um Lohn für starken Auftritt
  48. Der Club auf dem Weg aus der Krise: Geis trifft zum Sieg
  49. Die Nürnberger Baustelle
  50. Erschreckend schwacher Club

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Hans Strauß
  • 1. FC Nürnberg
  • FC Ingolstadt 04
  • Facebook
  • Javier Pinola
  • Jens Keller
  • Kapitäne
  • Markus Söder
  • Michael Wiesinger
  • Strafraum
  • Waffen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!