Horst Seehofer: Der Silberrücken der CSU geht

von Henry Stern
vom 17. Jan. 2019

Es war ein sonniger Tag im Spätsommer 2008, als Horst Seehofer auf der politischen Bühne in München erschien. Natürlich war er schon früher öfter da gewesen. Doch sozusagen nur zu Besuch. Jetzt wollte er bleiben. Und zwar deutlich länger, als auch manche in der eigenen Partei ihm damals zutrauten.

Seehofer stand am Münchner Rindermarkt neben seiner schweren Dienstlimousine im warmen Sonnenlicht. Er war zu diesem Zeitpunkt noch „Bundesbananenminister“, wie er es später selbst einmal spöttisch nannte – Landwirtschaftsminister in der Berliner Bundesregierung.

„So, was gibt’s denn?“, fragte Seehofer demonstrativ entspannt die wartenden Journalisten. Dabei war aus seiner Sicht für Entspannung gar kein Anlass: Bayern stand ohne Regierung vor dem Milliarden schweren Landesbank-Desaster. Und die CSU befand sich nach einer für sie desaströsen Landtagswahl mitten in der Führungskrise. Seehofer war von den Experten-Gurus gar als „letzte Patrone im Colt“ seiner Partei ausgerufen worden.

Je schlimmer die Lage, desto entspannter der Seehofer

Er war zudem gerade im Begriff, in einem schmucklosen Nachkriegs-Bürogebäude bei der frisch in den Landtag gewählten Bayern-FDP für eine Koalition zu werben – eine Erniedrigung, die sich die CSU zuvor nicht einmal in ihren schlimmsten Alpträumen vorgestellt hatte.

Horst Seehofer wurde im Oktober 2008 im Bayerischen Landtag in München von Landtagspräsidentin Barbara Stamm als bayerischer Ministerpräsident vereidigt.  Foto: Peter Kneffel, dpa

Doch Seehofer hatte augenscheinlich gute Laune und alle Zeit der Welt, um mit den Journalisten zu plaudern. Erst später wurde den Landtags-Reportern klar, dass dies eines der Seehofer-Prinzipien war: Je schlimmer die Lage, desto entspannter der Seehofer.

Ich selbst hatte Horst Seehofer das erste Mal im Winter 1999 persönlich getroffen. Ich sollte als Journalisten-Azubi, in der Main-Post-Lokalredaktion Mellrichstadt über einen Besuch des damaligen CSU-Vizes in der Rhön berichten. Er kam viel zu spät, es lag am winterlichen Wetter. Stockfinster war es, als er endlich eintraf. Aber er hatte viel Zeit für den unsicheren Reporter-Neuling – und machte es mir leicht, ein paar brauchbare Sätze für eine nette Reportage aufzuschreiben. Auch das entpuppte sich später als ein Seehofer-Prinzip: Den Reportern immer genügend Futter geben, damit die Medien-Maschine in seinem Sinne rund läuft.

Auch dafür muss Zeit sein: Henry Stern (links) schaut zusammen mit anderen Journalisten und Ministerpräsident Horst Seehofer in München nach einer CSU-Pressekonferenz auf einem iPad die Übertragung des Elfmeterschießens zwischen Brasilien und Chile im Achtelfinale der WM 2014. Foto: dpa

Seehofer zum Reporter: "Mit Ihnen hab' ich auch so Manches mitgemacht"

Gebe ich heute im Archiv dieser Redaktion für den Zeitraum seit 2008 meinen Autorennamen ein und dazu den Suchbegriff „Seehofer“, finden sich 960 Treffer. „Mit Ihnen hab‘ ich auch so Manches mitgemacht“, sagte er mir kürzlich am Rande einer CSU-Weihnachtsfeier. Ein Kompliment, das ich nur postwendend zurückgeben kann.

Da war zum Beispiel im Sommer 2013 die Geschichte mit der angedrohten „Ausweisung“ eines WDR-Fernsehteams in Würzburg: Am Rande einer Wahlkampfveranstaltung im „Luisengarten“ zog Seehofer in kleiner Runde über die Hartnäckigkeit eines „Monitor“-Reporters her, der vergeblich versucht hatte, mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) über die gerade hochkochende Verwandtenaffäre im Landtag zu sprechen. „Das geht so nicht“, echauffierte sich Seehofer noch im Hof des Lokals. „Da werde ich mich sofort drum kümmern.“ Und dann der Satz: „Die müssen raus aus Bayern.“

Ein Main-Post-Bericht über diesen Vorfall schlug hohe Wellen: Der Journalisten-Verband beschwerte sich, der WDR-Intendant ebenfalls, bundesweit berichteten Medien. Und Seehofer? Blieb jetzt erst recht trotzig.

Von Glühwürmchen und Schmutzeleien

Und dann natürlich die Sache mit den „Schmutzeleien“: Auf einer CSU-Weihnachtsfeier im Münchner Café „Reitschule“ ereiferte sich Seehofer im Dezember 2012 ausgiebig in kleinen Journalisten-Runden über gleich mehrere Parteifreunde: Seinem damaligen Finanzminister Markus Söder warf er „charakterliche Schwächen“ und „zu viele Schmutzeleien“ vor. Auch Karl-Theodor zu Guttenberg („Glühwürmchen“) oder Peter Ramsauer („Zar Peter“) bekamen kräftig ihr Fett weg.

Seehofer und Söder (CSU) 2012 in München auf ihrem gemeinsamen Weg zur Kabinettssitzung. CSU-Chef Seehofer geriet nach seinen Lästereien gegen Parteifreunde in die Defensive. Sogar Söders Rivalen in der CSU zeigen Unterstützung für den Finanzminister. Foto: Peter Kneffel, dpa

Nach ersten Berichten am nächsten Tag war die Wallung über Seehofer auch in der Landtags-CSU gewaltig. Vom „russischen Staatszirkus“ in der CSU mit Seehofer als „Oberclown Popov“ war dort gar die Rede. Seehofer selbst zog sich lange vor der Landtags-Sitzung hastig in den noch leeren Plenarsaal zurück, wo er dann mutterseelenalleine auf der Regierungsbank schmollte.

Auch Jahre später noch mit Sätzen zitiert zu werden, die man einst auf einer Weihnachtsfeier gesagt hatte, „das muss man erst mal schaffen“, witzelte Seehofer erst kürzlich über diese Geschichte – und beteuerte, seinen Auftritt damals nicht geplant zu haben. Nie endgültig aufgeklärt wurde allerdings, was genau Söders „Schmutzeleien“ gewesen sein sollen: Ein angedichtetes Verhältnis? Die Sache mit Seehofers unehelichem Kind, die ein paar Jahre vorher öffentlich wurde? Gerüchte gibt es bis heute viele. Letzte Klarheit in dieser Frage hingegen nicht.

Der "Silberrücken" sorgt selbst für den richtigen Spin

Für uns Journalisten im Landtag war Seehofer über die Jahre ein einfacher und ein schwieriger Gesprächspartner zugleich. Einfach, weil er fast immer gesprächsbereit war. Manche Landtagsabgeordnete machten sich gerne lustig über die Journalisten-Traube, die sich vor dem Plenarsaal stets um den „Silberrücken“ (O-Ton Seehofer über Seehofer) scharrte. Anders, als etwa sein Vor-Vorgänger Edmund Stoiber, der die wartende Reporter-Schar gerne mit hohem Tempo wie ein Schneepflug durchtrennte, war der Ingolstädter stets für einen griffigen „O-Ton“ zu so ziemlich allen Themen verfügbar.

Seehofer liebt das Spiel mit den Medien - und beherrscht es so gut wie kaum ein anderer Politiker. Foto: Matthias Balk

Seehofer liebte dabei die Provokation. Auch wollte er von den Reportern gefordert werden. Waren die Fragen für seinen Geschmack allzu fad, kam schon einmal ein Pampiges: „War das schon alles?“ Man musste als Reporter auch immer mit ihm rechnen: Es konnte passieren, dass plötzlich von hinten eine Hand von oben auf die eigene Schulter krachte – und der Seehofer-Bass dröhnte: „Na, was heckt ihr da schon wieder aus?“

Dienstleistung im engeren Sinne war diese intensive Pressearbeit für Seehofer allerdings nicht: Für ihn ging es wohl vor allem darum, den politischen „Spin“ zu bestimmen, indem er aktuelle Themen als erster öffentlich kommentierte. Nicht selten überraschte er damit auch seine eigenen Leute – etwa als er aus dem Nichts einen neuen Nationalpark versprach. Selbst gestandenen Fachministern blieb dann nichts anderes über, als auf die neue Linie des Regierungschefs einzuschwenken.

Nicht nur kritische Zeitungs-Leser, auch manche Neulinge unter den Berufspolitikern wundern sich manchmal, wie politische Journalisten an ihre Informationen kommen. Ohne zu viel aus dem Nähkästchen zu plaudern: Die besten Informationen kommen meist direkt von der Quelle. Auch Seehofer gehörte schon immer zu den Politikern, die „unter Drei“ – also ohne offene Namensnennung des Informanten – sehr kommunikativ sind.

Politik? Für Seehofer Schach, nicht Halma.

Sein aus einem aufgezeichneten Fernseh-Interview stammendes „Das können Sie alles senden“-Image ist deshalb nur ein Teil der Seehofer-Wahrheit. Und auch seine mitunter dünnheutige Reaktion auf anonyme Kritik an seiner Person mag in seiner eigenen Kommunikationsfreude begründet liegen: Weiß er doch nur zu gut, was er selbst an Stelle seiner internen Gegner alles durchstechen würde.

Video

Einfach war die Seehofer-Berichterstattung trotzdem nie. Zwar konnte der Politiker Seehofer sehr offen sein. Aber eben auch sehr berechnend: „Schach, nicht Halma“ – so lautet seine Definition von Politik. Also immer ein paar Züge voraus denken. Und Journalisten waren in diesem Spiel mitunter eben nützliche Bauern, denen man nur einen Knochen mit gerade so viel Fleisch daran hinwerfen musste, dass sie für ein paar Stunden mit dem Abfieseln beschäftigt waren.

"Ich könnte gar nicht so viele Kalaschnikows kaufen, wie ich bräuchte, um Sie zu erschießen."
Horst Seehofer zu einem Journalisten

Auch für unvermittelte Journalisten-Attacken war Seehofer immer wieder gut: Eine Reporterin stellte er etwa bei einem Neujahrsempfang seiner Gattin Karin mit dem Satz vor: „Das ist die Frau, die mir beim Frühstück immer die Laune verdirbt.“ Einem Agentur-Journalisten sagte er einmal: „Ich könnte gar nicht so viele Kalaschnikows kaufen, wie ich bräuchte, um Sie zu erschießen.“

"Crazy Horst" und das journalistische "Mäusekino"

Seehofer machte keinen Hehl daraus, dass er die meisten Landtags-Beobachter für politische Zwerge hielt: „Mäusekino“ nannte er deshalb die aus seiner Sicht oft viel zu kleinteilige Berichterstattung über nachrangige „Zwieseligkeiten“. Zu „Dichtern“ adelte er gar manche Reporter, die ihm etwas in den Mund legten, was er angeblich nie gesagt hatte. Doch in der Kunst, etwa einen „Koalitionsbruch“ drohend ins Gespräch zu bringen, ohne das Wort auch nur ein einziges Mal zu verwenden, war Seehofer ein echter Meister.

Gefragt nach seinem Verhältnis zu den Medien, fiel dem Ministerpräsidenten einst mit recht royaler Attitüde ein: „Pressefreiheit? Wird in Bayern gewährt.“ Auf solche Sätze angesprochen, wiegelte Seehofer ab: War doch nur Spaß – bei ihm am Ende hart und lang betont auf dem scharfen „S“.

"Ich gebe zu, dass mein Humor etwas schwierig ist."
Horst Seehofer auf einem CSU-Parteitag im Jahr 2011

Doch nicht jeder konnte mit Seehofers Späßen etwas anfangen - auch in der eigenen Partei nicht. Das hatte vor allem damit zu tun, dass bei Seehofers politischer Ironie die Grenze zum Zynismus oft fließend war. „Crazy Horst“ nannte die renommierte FAZ Seehofer deshalb im Jahr 2012 – eine Bezeichnung, die ihn noch Jahre später mächtig auf die Palme brachte. „Ich gebe zu, dass mein Humor etwas schwierig ist“, räumte er 2011 auf einem CSU-Parteitag ein: „Aber er ist immer gut gemeint.“

Seehofer verfolgt 2014 im bayerischen Landtag die Plenarsitzung - offenbar bei bester Stimmung. Foto: Sven Hoppe

Eine Einschätzung, die nicht jeder Parteifreund teilen mochte. Einen „großen Volksschauspieler“ hatte ein führender CSU-Mann Seehofer schon vor dessen Aufstieg zur Macht in Bayern genannt: „Immer große Gefühle.“ Überliefert ist auch der zu später Stunde bei einem Neujahrsempfang geleistete Schwur des Vor-Vorsitzenden Erwin Huber, er werde „bis zum letzten Atemzug“ kämpfen, um Seehofer an der Parteispitze zu verhindern.

Seehofer: Politischer Zyniker und begnadeter Machtpolitiker

Es kam bekanntlich anders - weil Seehofer eben nicht nur ein politischer Zyniker sein konnte, sondern auch ein begnadeter Machtpolitiker. Als politischer Beobachter konnte man deshalb von ihm über das Handwerk der Politik viel lernen: Zum Beispiel über das „Teile und Herrsche“, mit dem er seine Kronprinzen über Jahre in Schach hielt.

Seehofer bezeichnete Migration als die "Mutter aller Probleme" - eine bewusste Provokation? Foto: Marc Müller

Oder dass man Politik immer „vom Ende her“ denken muss – also von der Wahlurne her. Dass man für den politischen Erfolg oft die kontrollierte Provokation braucht und bereit sein muss, vielen Menschen damit mächtig auf die Nerven zu gehen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Dass es oft schlichte Themen sind, die Wähler mobilisieren – die Pkw-Maut zum Beispiel oder Abstandsregeln für Windräder. Dass Politiker in der Regel nicht über eine Verfehlung oder einen Fehler stolpern. Sondern, wie die Ex-CSU-Ministerin Christine Haderthauer, über die eigene Unfähigkeit zum Krisenmanagement – in Seehofer-Diktion „Sekundärfehler“ genannt.

"Das sind politische Prozesse. Da kann man nichts machen."

Und dass sich seit den Zeiten des florentinischen Staats-Theoretikers Niccolo Macchiavelli zwar die Staatsformen geändert haben, nicht aber die Regeln der Macht: Wenige Tage bevor Seehofer in der Spätsommer-Sonne vor der Münchner FDP-Zentrale plauderte, hatte zum Beispiel die CSU-Spitze mit Seehofers Zustimmung beschlossen, dass Erwin Huber für ihn den Partei-Vorsitz räumen soll, man aber gemeinsam versuchen wolle, Günther Beckstein als Ministerpräsidenten im Amt zu halten.

Doch schon am nächsten Tag vermied Seehofer jede öffentliche Solidaritätsbekundung für Beckstein. Nur wenige Tage später musste auch der Nürnberger für Seehofer seinen Hut nehmen. Warum er Beckstein nicht unterstützt habe, obwohl man das doch vereinbart hatte, wurde Seehofer deshalb später gefragt. Seine kolportierte Antwort ist zwar nicht belegt. Dementiert wurde sie allerdings auch nie: „Das sind politische Prozesse. Da kann man nichts machen.“

Video

Seehofer, Stern und der Rücktritt
Die Politik von Horst Seehofer hat der Münchner Main-Post-Korrespondent Henry Stern in unzähligen Reportagen über viele Jahre hinweg umfangreich ausgeleuchtet und dabei auch intensiv den Menschen hinter dem Politiker kennengelernt. Einmal hat Stern den damaligen CSU-Chef allerdings sogar lautstark zum Abgang aufgefordert: "Herr Ministerpräsident, treten Sie zurück!" Stern trug jedoch nur die Bitte der Fotografen vor - und erntete von Seehofer sein berühmtes Lächeln. 

In der vergangenen Dekade hat Horst Seehofer als CSU-Chef und Ministerpräsident die Politik Bayerns maßgeblich mitbestimmt. Wie bewerten Sie sein politisches Vermächtnis? Vielleicht haben Sie ihn sogar bei seinen vielen Besuchen in Unterfranken selbst erlebt. Diskutieren Sie mit oder schreiben Sie uns Ihre Erlebnisse.

Der Autor

Kommentare

Kommentar Verfassen

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!