Anti-Yoga mit dem Smartphone

Noch vor ein paar Jahren liefen auf den Münchner Medientagen vorwiegend ältere Männer in schwarzen Anzügen und mit bunten Laptoptaschen herum. Letztere bekam jeder beim Einlass geschenkt. In diesem Jahr gibt es bunte Umhängetäschlein fürs Tablet oder Smartphone, was ästhetisch kein wirklicher Fortschritt ist. Aber auf den Podien streiten nicht mehr Blogger, Verleger und Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wer wem die Zukunft vergällt. Stattdessen hört man einander zu und denkt über Kooperationen nach. In jeder Krise steckt eine Chance, das haben die gestern zu Ende gegangenen Münchner Medientage deutlich gezeigt. Die meisten Diskussionen waren viel optimistischer als das Motto der Tage: „Kein Spaziergang – Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit.“

Der digitale Wandel ist in der Tat kein Spaziergang, aber auch nicht die oft beschworene Krise. Im Gegenteil, die Medien gehören zu den Branchen, die die Veränderungen der digitalen Gesellschaft als eine der ersten zu spüren bekommen – darin liegt eine gewaltige Chance, diesen Wandel zu gestalten und zu bestehen. Letztlich aber kommt kein Business an dieser Aufgabe vorbei. Telekom-Chef Timotheus Höttges formulierte es zum Auftakt so: Die Wertschöpfung wandert von der Hard- in die Software. Alle Firmen müssen auch Softwareunternehmen werden. Und natürlich wird die Technik, werden die technischen Möglichkeiten auch den Journalismus verändern.

Alles ist ständig im Wandel und der nimmt schier atemberaubend Fahrt auf. Eine neue App, ein neues Netzwerk, soziale Medien, eine einzige neue Idee kann die Branche in Aufruhr versetzen. Alleine die Smartphone-Applikation „WhatsApp“ und andere digitale Messenger-Dienste, die die klassische SMS-Kurznachricht ersetzen können, haben der Telekommunikationsbranche laut Höttges weltweit in einem Jahr einen Umsatzrückgang von 40 Milliarden Dollar beschert.

Am Ende gehts immer wieder um das Geld, nicht nur bei der Frage, ob sich Qualitätsjournalismus noch finanzieren lasse. Längst fragen sich Telekommunikationsanbieter, ob sie die immer größer werdenden Datenmengen noch zu den derzeit üblichen Entgelten befördern können. Denn während auch die Umsätze der Kommunikationsbranche sinken, steigen die Gigabytes, die im Netz bewegt werden. Da fragt sich nicht nur die Telekom, ob die Inhalteanbieter – vor allem bei Video- und TV-Portalen – zur Kasse gebeten werden sollen. Beim Thema Netzneutralität wurde in München dann doch noch richtig heftig gestritten. Zu Recht, ist es doch ein Thema auch der Demokratie in einer sich zunehmend vernetzenden Gesellschaft. Schafft es doch Google schon heute, mittels leistungsstarker Server an den Knotenpunkten von Telekom, Vodafone und Co. deutlich schneller Suchergebnisse durch das Netz zu bekommen als die Konkurrenz.

Aber vielleicht ist es nicht unbedingt ein Thema von Glasfasernetzen im ländlichen Raum, sieht man den Trend, das Internet via Smartphone und Tablet mobil zu nutzen. Junior-Professor Alexander Markowetz, IT-Wissenschaftler von der Uni Bonn, hat das Nutzungsverhalten von 200 000 Smartphone-Besitzern untersucht. Er glaubt, dass die Digitalisierung genauso große Auswirkungen auf die Gesellschaft haben werde, wie die Erfindung der Dampfmaschine oder des Autos. Im Schnitt drei Stunden am Tag beschäftigen wir uns mit unserem Smartphone – checken Mails, schreiben Mitteilungen, schauen Videos und spielen.

Bis zu 90 mal am Tag schalten wir das Gerät ein und aus – unterbrechen also unseren Tagesablauf. Markowetz nennt das kollektives Anti-Yoga: „Wir bringen uns in eine orthopädisch ungünstige Position und betreiben maximale Zerstreuung, statt gedanklicher Fokussierung.“ Er will das nicht verteufeln, sei selbst ein Smartphone-Junkie, aber er ist sich sicher, dass die ständige digitale Vernetzung gesellschaftliche Folgen haben wird. Der Mensch brauche eine viertel Stunde, um in den Flow zu kommen, sich auf eine Sache wirklich konzentrieren zu können. Wer ständig unterbrochen werde, komme nie in den Flow. Markowetz ist sich sicher, dass Firmen schnell Kommunikationsregeln brauchen, wenn sie nicht massiv an Effektivität verlieren wollen.

Medien, vor allem aber Journalisten waren und sind mit die Ersten, die diese gravierenden Umwälzungen direkt erleben, begleiten und verarbeiten müssen. Eine Riesenchance. Nie hatten Redakteure derartige Datenmengen und unabhängige Informationen zur Verfügung, um den Herrschenden auf die Finger zu schauen und gegebenenfalls auch klopfen zu können. Doch sie brauchen Kooperationen, technische Hilfe, Software, sie brauchen Roboter, die ihnen helfen, die Datenmengen zu bearbeiten. Kein Journalist sollte Angst vor Robotern haben, sie erleichtern die Arbeit, geben Freiraum für Kreativität und kritisches Hinterfragen. „Aber die Maschine müsse das Objekt bleiben, der Redakteur das Subjekt“, sagte NDR-Programmdirektor Joachim Knuth. Daneben sollten alle Medien in Deutschland ihr Konkurrenzverhalten überdenken. Wir konkurrieren nicht Zeitung gegen Zeitung, Zeitung gegen Rundfunk, öffentlich-rechtlich gegen privat, sondern alle gemeinsam gegen weltweit agierende Konzerne wie Google, Facebook, Amazon, Apple und Co.

Aber auch hier gilt Bangemachen nicht. Wie sagte doch Horst Seehofer so schön in seiner Eröffnungsrede: „Ich schimpfe nicht über Google, ich nutze Google.“ Und da unterscheiden sich die Jungen im Übrigen keinen Deut von den alten Männern, egal, ob mit oder ohne Tablet-Handtäschlein. Foto: Peter Kneffel, dpa

„Ich schimpfe nicht über Google, ich nutze Google.“
Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident

Rückblick

  1. Würzburger Schüler testen Fernwartung der Zukunft
  2. Snapchat: Das unperfekte Netzwerk
  3. Medienpädagoge erklärt den Hype um Snapchat
  4. Was Google wirklich will: Von der Austernbar in die Geschichtsbücher
  5. Umstritten: Telekom plant Turbo-Internet gegen Gebühr
  6. Massive Ausfälle bei Facebook häufen sich
  7. Zuckerberg: Facebook arbeitet an «Gefällt mir nicht»-Knopf
  8. Zukunftsvisionen auf der IFA: Mikrochip unter der Haut
  9. Musikdienst Spotify will Zugang zu Fotos und Ortsdaten
  10. Auf Knopfdruck zum eigenen Sender
  11. Apples neuer Musikdienst gestartet
  12. Selfies im Sekundentakt: Youtuber treffen ihre Fans in Berlin
  13. Analyse: App-Lawine am Handgelenk zum Start der Apple Watch
  14. High-Tech-Kampf ums Handgelenk
  15. 25 Jahre Photoshop: Das Programm, das die Realität veränderte
  16. Datenschutz bei Facebook: akzeptieren oder abmelden
  17. Facebook und Instagram für kurze Zeit ausgefallen
  18. WhatsApp am PC: Nur auf Chrome und ohne Apple
  19. Cyberattacke auf Kanzleramt
  20. Computer-Panne im Rathaus München: Tagelang keine Mails
  21. Technik zum Anziehen
  22. Topthemen auf Facebook 2014
  23. Digital-Trend Dubsmash: Auf Urheberrechte achten!
  24. Mobile Media Day: Besucher beschäftigen sich mit der Zukunft der Mediennutzung
  25. Twitter: Die 10 witzigsten #Weihnachtsfussballer
  26. Werbung nach Surfverhalten: Facebook ändert Nutzungsregeln
  27. Mobile Media Day: Die Zukunft der Medien im mobilen Internet
  28. Neue Medien: Deutsche Achtklässler nur Mittelfeld
  29. Apple streicht Gratis-Hinweis
  30. Prognosen: Deutsche geben bald jeden vierten Euro im Internet aus
  31. Harte Strafen bei Datenmissbrauch
  32. Facebook für Unternehmen?
  33. Main-Post bekommt sechs Preise für exzellente Gestaltung
  34. Einbrüche vorhersehen - Polizei testet Software
  35. Anti-Yoga mit dem Smartphone
  36. Medientage München: Spotify für Zeitungen schwer machbar
  37. Der Reserve-Speicher
  38. Telekom beschleunigt Umstieg auf IP-Telefonie mit Kündigungen
  39. Apple sucht Körperkontakt
  40. Tim Cook tritt mit Apple Watch aus dem Schatten von Jobs
  41. Apple stellt Computeruhr und größere iPhones vor
  42. Bundeslagebericht: Internet-Verbrechen nehmen zu
  43. Botnet: Wenn Zombie-Rechner angreifen
  44. Riesenklau: Hacker erbeuten Milliarden Profildaten
  45. Wenn die Ferien digital werden
  46. Digitalisierung war Thema auf der Festung
  47. „Business Campus“ in Würzburg warb für mehr Vorsicht beim Umgang mit Smartphone und Laptop
  48. Experte warnt: Datenklau geht sehr schnell
  49. Schutz vor Datenklau: Experten beantworten Ihre Fragen
  50. Kleine und mittelständische Betriebe besonders stark von Wirtschaftskriminalität betroffen

Schlagworte

  • Folker Quack
  • Amazon
  • Apple
  • Deutsche Telekom AG
  • Digitaltechnik
  • Facebook
  • Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen
  • Gigabyte
  • Google
  • Horst Seehofer
  • Multimedia
  • Smartphones
  • Software
  • Tablet PC
  • Vodafone
  • Yoga
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!