Würzburg/Schweinfurt

Aus Afrika oder Asien: Diese Tiere lockt das Klima zu uns

Mit den steigenden Temperaturen verändert sich die Tierwelt in Unterfranken. Welche Arten vom Klimawandel profitieren, welche verlieren und welche neu zu uns kommen.
Die asiatische Buschmücke verbreitet sich in Deutschland. 2017 wurde sie erstmals in Würzburg entdeckt. Sie ist Überträger des in Einzelfällen tödlichen West-Nil-Virus.  Foto: James Gathany, dpa

Die Temperaturen steigen. Auch im Winter. Viele Vogelarten wie die Graugänse, die bisher nach Afrika gezogen sind, bleiben hier. Andere Vogelarten fliegen nicht mehr so weit weg. Einige nur noch bis ans Mittelmeer. Viele von ihnen kommen früher zurück.

Was harmlos klingt, hat in unserem fein vernetzten Ökosystem ernsthafte Folgen, erklärt Jochen Krauß, Professor am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie an der Uni Würzburg. Die Vögel beginnen früher mit der Eiablage. Doch oft ist die Natur dann noch nicht so weit. Das Nahrungsangebot und die Zeit, in der die Jungtiere schlüpfen, sind nicht mehr synchron. Gerade, wenn der Nachwuchs im Nest besonders viel Futter braucht, gibt es zu wenig zu fressen.

Wenn die Insekten fehlen, verhungern die Küken

Dazu kommt: 80 Prozent der Nestbrüter wie die Kohlmeise ernähren sich während der Brutzeit hauptsächlich von Spinnen und Insekten. Doch das Insektensterben, das seit Jahrzehnten voranschreitet, nimmt auch durch den Klimawandel noch zu. Wenn die Altvögel nicht genug Nahrung finden, verhungern ihre Küken.

Nestbrüter wie die Kohlmeise ernähren sich in der Brutzeit hauptsächlich von Spinnen und Insekten. Doch das Insektensterben nimmt durch den Klimawandel zu. Foto: Tim Brakemeier, dpa

Dem Kuckuck wird die innere Uhr zum Verhängnis

Das veränderte Verhalten der Zugvögel bringt weitere Arten in Bedrängnis. Der Kuckuck etwa überwintert in Zentralafrika. Seine innere Uhr lässt ihn jedes Jahr pünktlich Mitte April zurückkehren. Doch das ist jetzt zu spät; Andere Zugvögel wie der Teichrohrsänger, die nur noch bis ans Mittelmeer ziehen, erreichen im Schnitt zehn Tage vor dem Kuckuck ihre Heimat. Weil der Kuckuck seine Eier aber in fremde Nester schmuggelt, hat er jetzt ein Problem: Die anderen Vögel brüten längst. In Hessen gilt der Kuckuck bereits als gefährdet.

Der Siebenschläfer wacht zu früh auf

Ein ungutes Erwachen bereiten die steigenden Temperaturen dem Siebenschläfer. Sein Winterschlaf dauerte bisher von September bis Juni. Nach der Paarung zieht er seine Jungen in verlassenen Vogelnestern auf. Nun wacht er etwa sieben Wochen früher auf. Zu der Zeit nisten die meisten Vögel aber noch selbst in den Bäumen. Weil der Siebenschläfer nur volle Nester findet, zerstört er die Vogeleier.

Afrikanische Nilgänse fühlen sich wohl am Main

Durch die Erwärmung breiten sich neue, wärmeliebende Arten, die versehentlich nach Europa eingeschleppt wurden, rascher aus. Die Nilgänse, die beispielsweise am  Erlabrunner Badesee (Lkr. Würzburg) reichlich Gänsekot hinterlassen, leben normalerweise in Afrika. Auch der Asiatische Marienkäfer und der Bienenfresser, ein knallbunter Vogel aus dem Mittelmeerraum, fühlen sich mittlerweile in Unterfranken wohl.

Die große, aber harmlose Wespenspinne ist ein Gewinner des Klimawandels. Sie breitet sich seit Jahren nach Norden aus und kommt häufiger bei uns vor. Foto: Dieter Mahsberg

Asiatische Buschmücke in Würzburg entdeckt

Während es den heimischen Insekten, die extensives Grünland, Magerrasen, naturbelassene Weinberge oder Moore zum Leben brauchen, immer schlechter geht, profitieren Stechmücken von den steigenden Temperaturen. Der Mückenatlas, betrieben vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), der Mücken in ganz Deutschland kartiert, hat die Asiatische Buschmücke erstmals 2012 in Baden-Württemberg entdeckt. 2017 tauchte sie in Würzburg auf.

"Diese Mückenarten werden früher oder später zu uns kommen. Die Gesundheitsvorsorge wird den Staat Millionen kosten."
Jochen Krauß, Professor für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg

Sie gehört wie die Koreanische Buschmücke, die Gelbfiebermücke und die Asiatische Tigermücke zu den Aedes-Arten, die als gefürchtete Krankheitsüberträger gelten. Infizierte Tiere können Gelbfieber, Dengue-Fieber, Zika-Virus, Westnilvirus und Chikungunyafieber auf den Menschen übertragen. "Diese Mückenarten werden früher oder später zu uns kommen. Die Gesundheitsvorsorge wird den Staat Millionen kosten", sagt Tierökologe Jochen Krauß.

Erste Infektion mit West-Nil-Virus durch Mückenstich in Deutschland

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) infizierte sich 2019 zum ersten Mal ein Mensch in Deutschland durch einen Mückenstich mit dem West-Nil-Virus. Der 70-jährige Mann erkrankte in Sachsen an einer Gehirnentzündung. Mittlerweile wurden Dutzende weitere Fälle bekannt. Auch das Zika-Virus hat in diesem Sommer Europa erreicht. Erste Krankheitsfälle gab es in Südfrankreich.

Der Buchsbaumzünsler breitet sich aus. Ob der Klimawandel das begünstigt, ist nicht ganz klar. Die Art kommt aus Asien und wurde nach Europa eingeschleppt. Foto: Dieter Mahsberg

Auch Schädlinge breiten sich rascher aus. Die Marmorierte Baumwanze, als Stinkkäfer bekannt, die vor einigen Jahren in Norditalien 30 Prozent der Apfelernte vernichtete, vermehrt sich seit dem Sommer 2018 explosionsartig in Unterfranken. Wer in Würzburg Erdbeeren auf dem Balkon züchtet und Pech hat, dem bleiben am Ende nur kaputte Pflanzen.

Als Plage gelten mittlerweile der Buchsbaumzünsler im Garten sowie der Schwammspinner und der wegen seiner giftigen Härchen gefürchtete Eichenprozessionsspinner im Wald. Auch die aus dem Mittelmeerraum stammende prächtige Feuerlibelle, die nützliche Wespenspinne und der Kurzschwänzige Bläuling - ein Tagfalter, den es bislang nur am Kaiserstuhl gab - fühlen sich bereits wohl in Unterfranken.

Die Gottesanbeterin fand man früher nur am Kaiserstuhl. Sie breitet sich inzwischen nach Norden aus. Auch in Franken wurde sie bereits nachgewiesen. Foto: Dieter Mahsberg

Es sei nur eine Frage der Zeit, bis man auch Gottesanbeterinnen auf unterfränkischen Magerrasen findet, vermutet Jochen Krauß. "Seit zehn Jahren taucht in Würzburg beinahe jedes Jahr eine neue Art auf, die es vorher hier nicht gab."

"Seit zehn Jahren taucht in Würzburg beinahe jedes Jahr eine neue Art auf, die es vorher hier nicht gab."
Jochen Krauß, Professor für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg

Nicht schädlich, aber lästig sind für viele Stadtbewohner die Nordamerikanische Kiefernwanze, die oft in die Häuser fliegt und deren Aussehen an Kakerlaken erinnert, und die Orientalische Mauerwespe, die ihre Nester in die Hohlräume der Fenster legt.

Doch so einfach es für Biologen ist, eine neue Art nachzuweisen, so schwierig ist es, das Aussterben einer anderen Art zu dokumentieren. "Es kommen neue auffällige Tiere rein, während andere leise verschwinden", sagt Krauß. Gefährdet sind Arten wie die Gelbbauchunke, die in Mooren, Feuchtwiesen, Tümpeln oder stehenden Gewässern lebt, weil diese oft dauerhaft austrocknen. 

Auch Heuschrecken wie der Sumpfgrashüpfer gehören zu den Verlierern des Klimawandels. Die Eier vieler Heuschreckenarten sind zu dünn und zu wenig trockenresistent.

Neben dem Klimawandel gibt es weitere Gründe, warum der Sumpfgrashüpfer so stark gefährdet ist, beispielsweise die Trockenlegung von Feuchtgebieten. Foto: Sebastian König

Bedroht sind auch Arten wie der Alpensalamander, die an kühlere Temperaturen in den Bergen angepasst sind. Andere Arten können - selbst, wenn es unten wärmer wird - nicht weiter nach oben wandern, weil sie sich auf eine bestimmte Futterpflanze spezialisiert haben. 

Fast immer gibt es aber verschiedene Gründe für das Verschwinden einer Tierart. Abseits der Klimaerwärmung sind die Zerstörung der Lebensräume, die Homogenisierung der Landschaft, die Verwendung von Glyphosat oder hochwirksamen Insektiziden und die Trockenlegung von Flächen mindestens genauso verantwortlich für den Artenrückgang. Das gilt zum Beispiel für die Uferschwalbe, der nur noch kleine Rest-Habitate etwa im Steigerwald bleiben oder für den Kiebitz, dessen letztes Brutpaar 2018 aus dem Landkreis Würzburg verschwand.

Das Tagpfauenauge vermehrte sich mit steigenden Temperaturen, doch brachen im extrem heißen und trockenen Sommer 2018 ganze Populationen zusammen. Foto: Bernd Thissen

Klimawandel: Wenn Gewinner plötzlich zu Verlierern werden

Und schließlich gibt es die vermeintlichen Gewinner des Klimawandels, wie das Tagpfauenauge oder den Kleinen Fuchs, die sich bei steigenden Temperaturen zunächst kräftig vermehrten - bis im extrem heißen und trockenen Sommer 2018 ein Schwellenwert überschritten war und dann ganze Populationen zusammenbrachen. Plötzlich diskutierten Wissenschaftler darüber, ob sie die beiden Schmetterlingsarten ab sofort auf die Rote Liste setzen sollten.

Buchsbaumzünsler, Wespenspinne, Gottesanbeterin: Klicken Sie in unserem Quiz auf die Bilder und erfahren, welches Tier ein Gewinner oder ein Verlierer des Klimawandels ist:

 

Rückblick

  1. Klimawandel stresst den Rhöner Wald
  2. Der Speierling bei Gerolzhofen: Ein wahrer Durstkünstler
  3. Umgehen mit dem Klimawandel: Was kann der einzelne Rhöner tun?
  4. Flugreisen: Was der Preis für mein schlechtes Gewissen ist
  5. Streit um Klima-Notstand: Grüne kämpfen für ihren Antrag
  6. Kommentar: Jetzt sind die Fronten geklärt
  7. Klimawandel: Geht Unterfranken schon 2035 das Wasser aus?
  8. Kampf gegen Klimawandel: Warum die Firma Memo nicht wartet
  9. Klimawandel: Was wird aus dem Mythos deutscher Wald?
  10. Klimaschutz: Warum er für Schweinfurt eine zentrale Aufgabe ist
  11. Klimawandel in Franken: Wird die Melone die neue Zuckerrübe?
  12. Hitzschläge und Denguefieber: Welche Krankheiten drohen uns?
  13. Fridays For Future: So viele kamen zur Würzburger Klima-Demo
  14. Käferplage im Landkreis Würzburg: Tausende Tiere schocken Landwirt
  15. Fridays for Future: Hier wird heute in Unterfranken für das Klima gestreikt
  16. Klimaschutz: Wie Unternehmen von einem Coaching profitieren
  17. Warum ein Förster trotz Klimawandel auf heimisches Holz setzt
  18. 8 Fakten: Wie schädlich ist unser Fleischkonsum für das Klima?
  19. Waldschäden: Im April zeigt sich die ganze Wahrheit
  20. Parents for Future: Jetzt wollen die Eltern das Klima retten
  21. Weltweiter Wald-TÜV: Der Startschuss fiel in Würzburg
  22. Schweinfurt setzt beim Klimaschutz auch auf Photovoltaik
  23. Im Mahlholz: Das Baumsterben nimmt kein Ende
  24. Reinhold Messner: "Greta Thunberg ist nicht mein Star"
  25. Regional und saisonal: So geht klimafreundliche Ernährung
  26. Klimawandel: Warum die nächste Eiszeit sicher kommt - und wann
  27. Quiz: Welche Tiere kommen neu zu uns und welche verschwinden?
  28. Aus Afrika oder Asien: Diese Tiere lockt das Klima zu uns
  29. Wie sich Wein und Winzer dem Klimawandel anpassen
  30. Mainfranken ist ein Hotspot des Klimawandels
  31. Klimawandel: So will eine Unterfränkin die Welt retten
  32. Ökosystem in Gefahr: Zigeunersee sitzt auf dem Trockenen
  33. Klimaneutral Wohnen: So kann jeder Haushalt Energie sparen
  34. 2000 Kinder in Karlstadt für Nachhaltigkeit auf der Straße
  35. Warum der Würzburger Stadtrat das Klimaversprechen vertagt hat
  36. So wirkt sich der Klimawandel in Unterfranken auf den Main aus
  37. 15 000 neue Bäume für den Landkreis Bamberg
  38. Klima: Nur die Wahl zwischen Verzicht oder Weltuntergang?
  39. Wissen für die Mittagspause: Zehn Fakten zum Klimawandel
  40. Dürre und Wassermangel: So trifft der Klimawandel Unterfranken
  41. Klimawandelleugner: So kann man ihre Argumente entkräften
  42. Wie der Forst dem Klimawandel trotzen soll
  43. Warum die Stadt Würzburg das Klimaziel verfehlt
  44. Fürs Klima: Von Würzburg zur Straßenblockade nach Berlin
  45. Heiße Zeiten: Wie kann sich die Rhön dem Klimawandel anpassen?
  46. Der Wald verändert sein Gesicht
  47. Fridays for Future: Über 10.000 Demonstranten in Unterfranken
  48. Vor der Würzburger Klima-Demo: Neuer Vorstoß für freien ÖPNV
  49. Radverkehr: Verkehrswende-Bündnis startet Bürgerbegehren
  50. Würzburger Klimaschutz-Kongress mit spannenden Themen

Schlagworte

  • Würzburg
  • Schweinfurt
  • Karlstadt
  • Fladungen
  • Angelika Kleinhenz
  • Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
  • Infektionskrankheiten
  • Insektensterben
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Klimaveränderung
  • Klimawandel
  • Pflanzen und Pflanzenwelt
  • Robert-Koch-Institut
  • Tiere und Tierwelt
  • Tierökologie
  • Vogelarten
  • Vögel
  • Wasserknappheit
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!