MÜNCHEN

Bäumchen wechsle dich

Streit im Spessart: Staatsforsten wollen Greenpeace nach Austauschaktion verklagen
Wäldchen in Töpfen: junge Douglasien, im Spessart ausgegraben, vor dem Münchener Forstministerium.
Wäldchen in Töpfen: junge Douglasien, im Spessart ausgegraben, vor dem Münchener Forstministerium. Foto: Bente Stachowske/Greenpeace

In den Streit um alte Buchenwälder im Spessart kommt keine Ruhe. Gestern haben Greenpeace-Aktivisten 1967 junge Douglasien, die sie am Dienstag im Spessart ausgegraben hatten, vor dem Bayerischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten aufgereiht. Die Bayerischen Staatsforsten wollen die Umweltschutzorganisation für die Aktion verklagen. Währenddessen wirft der ehemalige Staatsminister und Forstdirektor a.D. Eberhard Sinner den Aktivisten Doppelmoral und versteckte wirtschaftliche Interessen vor.

„Wir haben die Douglasien als Beweismaterial gesichert“, sagt Gesche Jürgens, Waldaktivistin bei Greenpeace. Die Umweltschützer beschuldigen die Bayerischen Staatsforsten, in einem sogenannten Natura-2000-Schutzgebiet nicht-einheimische Douglasien anzupflanzen und damit gegen EU-Naturschutzrecht zu verstoßen. Eine entsprechende Beschwerde hat Greenpeace nach eigenen Angaben am Donnerstag bei der EU eingereicht.

„Der Wald gehört den Bürgern“

Anstelle der Nadelbäumchen hatte Greenpeace Buchensetzlinge eingepflanzt. Die Bayerischen Staatsforsten als Bewirtschafter des Staatswaldes sind darüber stinksauer: „Für uns ist damit endgültig eine Grenze überschritten“, sagt Pressesprecher Philipp Bahnmüller, „das ist Sachbeschädigung – wir werden die rechtlichen Mittel ausschöpfen.“ Auch Forstminister Helmut Brunner (CSU) ist überzeugt, dass der Abtransport illegal sei, bestätigte Pressesprecher Hubertus Wörner. Schließlich gehöre der Staatswald dem Freistaat Bayern, es handele sich um eine Beschädigung von Eigentum. Greenpeace-Frau Jürgens hält dagegen: „Der Wald gehört nicht dem Freistaat, er gehört den Bürgern.“

Über den aufgereihten Douglasien vor dem Forstministerium in München prangte ein Transparent mit der Aufschrift „Buchenwälder sind keine Industrieforste, Herr Brunner“. Schließlich übergaben die Umweltaktivisten die bis zu 30 Zentimeter hohen Douglasien in Töpfen an Mitarbeiter des Münchner Forstbetriebs, also an die Bayerischen Staatsforsten. Die jungen Nadelbäume aus dem Spessart sollen nun auf der Münchner Schotterebene wurzeln, sagt Forstbetriebsleiter Wilhelm Seerieder. Jedoch: „Die Douglasien sind in extrem schlechten Zustand. Maximal zehn Prozent sind noch verwendbar“, schätzt Seerieder. Aktivistin Gesche Jürgens hält dagegen, man sei pfleglich mit den Bäumen umgegangen. Den jungen Buchen, die im Spessart nun statt der Douglasien wachsen sollen, geht es laut dem zuständigen Rothenbucher Forstbetriebsleiters Jann Oetting auch nicht besonders. „Wildschweine haben schon etwa zehn Prozent rausgerissen und die Wurzeln gefressen“, sagt er auf Anfrage.

Die verbliebenen Buchensetzlinge werden nun von den Staatsforsten begutachtet. „Buche ist nicht gleich Buche“, sagt Philipp Bahnmüller, „sie muss genetisch zum Standort passen.“ Jann Oetting hat nach eigener Aussage den Lieferschein von Greenpeace bereits angefordert. Laut Umweltschützerin Jürgens habe man in jedem Fall genetisch passende Buchen eingepflanzt, der Nachweis sei kein Problem.

Unterdessen hat der Landtagsabgeordnete Sinner bei einem Pressegespräch im Sägewerk Försch in Gössenheim (Lkr. Main-Spessart) gefragt, warum Greenpeace „mit der Douglasie in den Stadtwäldern von Freiburg und auch in Lohr überhaupt kein Problem habe“. Im Freiburger Stadtwald zähle die Douglasie mit einem Anteil von etwa 19 Prozent zu den „Big Five“- Baumarten. „Im Spessart reden wir jetzt von zwei bis drei Prozent“, sagt Sinner. „Zwischen 80 und 90 Prozent“, so Sägewerk-Inhaber Johannes Försch, liegt in seinem Betrieb der Anteil der Douglasie beim Schnittholz. Eine Art Doppelmoral hält Sinner den Umweltschützern vor.

Das könne daran liegen, dass dort die Douglasie FSC-zertifiziert sei, eine Zertifizierung, die Greenpeace unterstützt. „Ich sehe hier die Glaubwürdigkeit in hohem Maße gefährdet“, sagt Sinner und fürchtet den Wandel von „Greenpeace“ hin zu „Greenwar“, mit der Absicht, die eigene Zertifizierung nach vorne zu bringen, um lukrative Geschäfte abwickeln zu können. Nur so kann sich Sinner erklären, dass im Spessart nur Wälder von den Aktivisten „heimgesucht“ würden, die das konkurrierende PEFC-Gütesiegel tragen. So werde beispielsweise der FSC-zertifizierte Stadtwald Lohr gelobt. FSC Deutschland und Greenpeace weisen den Vorwurf auf Anfrage weit von sich, beides seien Non-Profit-Organisationen.

Wertvolle Mischbaumart

Eine Störung des ökologischen Gleichgewichts durch Douglasien-Anbau in einem vernünftigen Maß kann Sinner nicht ausmachen. Im Gegenteil sieht er eine Bereicherung des regionalen Holzangebots durch eine Baumart, die es bereits seit rund 120 Jahren in unseren Breiten gibt, schnellwüchsig und beim Verbraucher sehr beliebt ist. Die höchste Douglasie Bayerns steht im Forstbetrieb Heigenbrücken und ist etwa 62 Meter hoch, 110 Jahre alt und hat einen Durchmesser von 85 Zentimetern. „Das Alter dieser Douglasie markiert die Einbürgerung der Baumart in Deutschland und im Spessart.“ Heute ist die Douglasie mit etwa zwei bis sechs Prozent in den deutschen Wäldern vertreten.

Auch in Zukunft sei die Douglasie hierzulande eine wertvolle Mischbaumart, die schon vor der Eiszeit bei uns heimisch war. Umso grotesker ist für den Landtagsabgeordneten die Aktion von Greenpeace, die Douglasie aus dem Spessart zu verbannen. Profitieren davon würden nur die amerikanischen Exporteure. Leidtragende wären dagegen Sägewerke, die einheimische Douglasie verarbeiten. „Leidtragend wäre aber auch die Umwelt: Das Holz der kurzen Wege wird ersetzt durch das Holz der langen Wege“, so Sinner.

Wald-Zertifizierung

Zwei Zertifizierungssysteme für die Forstwirtschaft gibt es weltweit: FSC (Forest Stewardship Council) und PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes). FSC wurde 1993 zum Schutz der primären Tropenwälder entwickelt. PEFC ist eine europäische Entwicklung. FSC wird von Greenpeace unterstützt. Beide Systeme garantieren nachhaltige Holzproduktion und die Durchgängigkeit vom Wald bis zum Endverbraucher. Im Detail gibt es Unterschiede in der Kontrolle und in der Mitwirkung von NGOs. Die Bayerischen Staatsforsten sind PEFC-zertifiziert.

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