BERLIN

Bayern sieht Bildungsstudie kritisch

Mangelnde Chancengerechtigkeit für junge Ausländer ist nach einer neuen Bildungsstudie eines der Hauptprobleme im deutschen Schulsystem. Für Jugendliche mit ausländischem Pass sei das Risiko eines Abbruchs mehr als doppelt so hoch wie für ihre deutschen Mitschüler. Zu diesem Ergebnis kommt der in Berlin vorgestellte „Chancenspiegel 2017“ der Bertelsmann-Stiftung, eine umfangreiche Analyse schulstatistischer Daten von 2002 bis 2014.

Während der Anteil aller Schüler ohne Abschluss bis 2014 von 6,2 auf 5,8 Prozent sank, stieg die Quote bei ausländischen Schülern auf fast 13 Prozent. Vergleicht man die Abbrecherquote ausländischer Schüler mit jener vor 15 Jahren, zeigt sich eine Besserung.

Gemeinsamer Kraftakt verlangt

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, verlangt einen gemeinsamen Kraftakt von Bund, Ländern und Gemeinden zur besonderen Förderung solcher Problemschüler. Die jährliche Zahl von bundesweit 50 000 Jugendlichen ohne Schulabschluss müsse sinken.

Im Ländervergleich zeigt sich, dass Bayern es besser schafft als die meisten anderen Bundesländer, Schüler zum Schulabschluss zu führen. Nur 4,5 Prozent der Schüler verlassen im Freistaat die Schule ohne Abschluss. Was die Zahl der ausländischen Schulabgänger ohne Abschluss betrifft, liegt Bayern im Bundesdurchschnitt.

Bayern vermittelt Schülern viel Wissen

Bei der Kompetenzförderung schneidet Bayern laut Studie sehr gut ab. Was Wissensvermittlung angehe, seien fast ausnahmslos überdurchschnittliche Leistungsstände der bayerischen Schüler festzustellen, heißt es. Damit bestätigt der Chancenspiegel Top-Ergebnisse Bayerns in der Wissensvermittlung, wie sie auch bei PISA-Tests oder bei Untersuchungen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) herauskamen.

Laut „Chancenspiegel“ hat der Freistaat allerdings sehr große Schwächen bei der Ganztagsbeschulung.

Obwohl Bayern seit dem Beginn des Erfassungszeitraums seine Ganztagsangebote deutlich ausgebaut hat, was die Studie würdigt, zählten im Freistaat zuletzt maximal 15 Prozent der Kinder zu den Ganztagsschülern – während etwa in Sachsen 80 Prozent der Kinder ganztags zur Schule gehen. „Die Entscheidung darüber, ob ein Kind eine Ganztagsschule besucht oder nicht, liegt bei den Eltern“, kommentiert der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, Ludwig Unger.

Ministerium zweifelt Aussagekraft der Studie an

Unger macht deutlich, dass in Bayerns Kultusministerium die „Aussagekraft der Bertelsmann-Untersuchung in Teilen“ angezweifelt wird. Besonders kritisch sieht das Ministerium jenen Passus der Studie, in dem es um „Zertifikatsvergabe“ geht – um Abschlusszeugnisse also. Laut Studie gehört Bayern, was die Zahl der Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife angeht, in die „untere Gruppe“ bei den Bundesländern. Nur 28 Prozent der bayerischen Schüler haben ein allgemeines Abi – bundesweit erwerben 34 Prozent der Schüler diese Qualifikation.

„Unter dem Aspekt Zertifikatsvergabe wird das Abitur von der Bertelsmann Stiftung einseitig überbewertet“, heißt es dazu aus dem bayerischen Kultusministerium. Dass Bayern für eine hervorragende berufliche Bildung stehe, falle dabei unter den Tisch. Es sei auch höchst bedauerlich, dass sich die Studie auf die klassischen allgemeinbildenden Schulen konzentriere. Die qualitätvolle pädagogische Arbeit der Fachober- oder Berufsoberschulen als zweite Säule zur Hochschulreife werde dabei übersehen. Mehr als 40 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen würden in Bayern über den beruflichen Weg erworben.

Freie Wähler kritisieren Spaenle

Die Freien Wähler nutzen die Veröffentlichung der Studie zur Kritik an Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle. Dieser habe sich in den letzten Jahren aufs Gymnasium konzentriert und andere bildungspolitische Themen wie Inklusion, Ganztagsbeschulung oder Schulausstattung vernachlässigt. Hier müsse nachgebessert werden.

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