MÜNCHEN

Betrügern auf der Spur

Lebensmittelkontrolle: EHEC, Vogelgrippe oder Gammelfleisch – wann immer ein Lebensmittelskandal über Bayern hereinbricht, versucht das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit aufzuklären, zu koordinieren und den Schaden zu begrenzen.
Alles okay? Dr. Tanja Grünewald begutachtet Fleischproben im Labor. Foto: Schuller, LGL

Pfifferlinge, Pfirsiche und Tomaten stehen im Eingang der Abteilung „Rückstände R1“ im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen. Der Lebensmittelchemiker Magnus Jezussek und sein Team prüfen Lebensmittel auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, Nitrosaminen, Dioxinen oder Radioaktivität. Sind gesundheitsschädigende Rückstände auf den Früchten, wird der Erzeuger benachrichtigt und muss das Obst vom Markt nehmen.

Im Labor werden die Pfifferlinge zerkleinert, eingefroren und schließlich in einem Mixer zu Brei verarbeitet. Dann füllt Jezussek das Material in Röhrchen ab. Im Jahr 2012 wurden 2165 pflanzliche Lebensmittel auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersucht, darunter waren 16 Prozent Produkte aus biologischem Anbau. „Fast 90 Prozent der Bio-Produkte wiesen keine Rückstände auf“, sagt Jezussek.

Im konventionellen Landbau dürfen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nach den Vorgaben der amtlichen Zulassung eingesetzt werden. Bei den Proben wiesen 73 Prozent Rückstände auf.

Allerdings war bei nur drei Prozent der Proben die Überschreitung des Grenzwertes so hoch, dass das Lebensmittel vom Markt genommen werden musste. „Der Verbraucher will eine extrem hohe Qualität, zu einem niedrigen Preis“, beschreibt Jezussek das Dilemma.

Pferdefleisch, Keime in der Wurst oder Analogkäse: Immer wenn ein Lebensmittelskandal über Bayern hereinbricht, versucht das LGL aufzuklären, zu koordinieren und den Schaden zu begrenzen. Die Lebensmittelkontrolleure prüfen regelmäßig Waren aus allen Bereichen, an denen Lebensmittel verkauft werden: Supermärkte, Märkte, Restaurants, Metzgereien.

Kontrolliert wird nicht nur der Schadstoffgehalt, sondern auch eventuelle Keime, Schimmelpilze, Schwermetalle, Krankheitserreger, Haltbarkeit und Hygiene. Doch: „Lebensmittelkontrollen können immer nur Stichproben sein, selbst bei der hundertfachen Anzahl an Kontrolleuren wäre das so“, erklärt Martin Rücker, Sprecher der Verbraucherschutzorganisation foodwatch.

Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ist vor elf Jahren als Konsequenz aus der BSE-Krise (Rinderwahnsinn) entstanden. Es gilt als Nachfolger der früheren Landesuntersuchungsämter. Derzeit arbeiten dort 1100 Menschen an sechs Dienststellen, 400 davon in Erlangen. Auch in Würzburg befindet sich eine Zweigstelle, dort ist das Zentrum für die Untersuchung und Bewertung von Getränken angesiedelt. Die Proben finden nach Plan statt oder wegen eines Verdachts, oft auch aufgrund konkreter Verbraucherbeschwerden.

Bundesweit werden laut foodwatch zwölf Prozent der analysierten Proben beanstandet und 26 Prozent der kontrollierten Betriebe. Mit anderen Worten: Jeder vierte Lebensmittelbetrieb muss bei den amtlichen Kontrollen wegen mehr oder weniger massiver Gesetzesverstöße beanstandet werden. „Die Quote liegt Jahr für Jahr in diesem Bereich, es ändert sich nichts, obwohl die heutige Anzahl von Lebensmittelkontrolleuren bereits so viele Verstöße feststellt“, so Rücker. Die Aufgabe des LGL ist es, „gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung zu erfassen, zu bewerten und zu bewältigen“, betont Claudia Schuller, Pressesprecherin des LGL. Je nach Nachrichtenlage hat sie in der Pressestelle viel zu tun. „Derzeit haben wir viele Anfragen zum Thema Bio-Tomaten“, sagt sie. Zuletzt hat das LGL die Wasserqualität in fünf Schnellbau-Pools untersucht. Auch die Schadstoffe, die beim Grillen der Coburger Bratwurst entstehen können, waren in diesem Sommer ein viel angefragtes Thema.

In Erlangen ist auch die „Spezialeinheit Lebensmittelsicherheit“ beheimatet. „Bei großen Lebensmittelskandalen wie zuletzt dem Hygieneskandal der Müller-Brot GmbH in Neufahrn bei Freising kommen die Mitarbeiter dieser Einheit zum Einsatz“, erklärt die Sprecherin. Dieser deutschlandweit einmaligen Sondereinheit gehören Lebensmitteltechniker und -chemiker, Veterinäre, IT-Spezialisten und Juristen an.

Neben Lebensmitteln prüft das LGL auch Futtermittel, kümmert sich um Tiergesundheit und Tierseuchen, erfasst die gesundheitliche Situation der Bevölkerung in Bayern und ist zuständig für die Sicherheit von Produkten.

Auch Verbrauchertäuschung ist ein Thema beim LGL. Handelt es sich tatsächlich um italienisches Olivenöl? Stammen die fränkischen Tomaten wirklich aus Franken? Ist es echter oder Klebeschinken? Ist Bio wirklich Bio? Zuständig für bestimmte Fleischuntersuchungen ist Dr. Tanja Grünewald, Fachtierärztin für Lebensmittel. Aktuell untersucht sie eine bestimmte Salami. Sie überprüft Aufmachung, Kennzeichnung und Zusammensetzung. „Manche Produkte unterziehe ich auch einer sensorischen Prüfung und probiere sie“, erklärt sie. Beim Probieren darf, wie bei Weinproben, geschluckt oder ausgespuckt werden.

Unter einem Digitalmikroskop werden hauchdünn geschnittene Scheiben der Rohwurst auf mögliche Fremdstoffe untersucht. Grünwald vergleicht, ob die richtigen Inhaltsstoffe auf der Packung angegeben sind. Dann schreibt sie ein Gutachten. Gibt es etwas zu beanstanden, wird der Lebensmittelkontrolleur am zuständigen Gesundheitsamt informiert. „Manchmal genügt eine Verwarnung“, sagt sie. Kleinere Verstöße gelten als Ordnungswidrigkeit, bei groben Schummeleien kann es zu einer Geldstrafe oder Vorladung vor Gericht kommen.

Die gute Nachricht für Verbraucher: Der überwiegende Teil der Lebensmittel und Produkte in Bayern ist sicher. Das betonte auch der Präsident des LGL, Andreas Zapf, anlässlich der Vorstellung des LGL-Jahresberichts. Bei über 70 000 Proben, die im vergangenen Jahr untersucht wurden, ging lediglich von einem kleinen Bruchteil ein gesundheitliches Risiko aus. „Die Quote lag bei 0,2 Prozent und blieb auf dem Vorjahresniveau. Zu Beanstandungen führten meistens fehlerhafte Kennzeichnungen oder die mangelhafte Beschaffenheit“, erklärte Zapf. „Gemeinsam mit den Landkreisen und Städten sorgen wir für einwandfreie Nahrungsmittel und hochwertige Produkte. Davon profitieren alle Verbraucher in Bayern.“

Für Thilo Bode, Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation foodwatch, sind die bisherigen Gesetze nicht ausreichend, um Verbraucher vor Lebensmittelskandalen zu schützen. „Es müssen endlich Gesetze her, die für mehr Transparenz sorgen“, fordert er.

Lebensmittelskandale

1985: In Deutschland und Österreich taucht mit Glykol gepanschter Wein im Handel auf. Das süß schmeckende Diethylenglykol wird sonst als Frostschutzmittel verwendet.

1989: In französischen Weichkäsesorten und deutschen Leberpasteten werden Listeriose-Bakterien nachgewiesen.

1996: Abgelaufenes Fleisch wird in einem Supermarkt des Metrokonzerns umetikettiert.

2001: Fleischhersteller aus dem gesamten Bundesgebiet strecken Produkte wie Kochschinken oder Schnitzel heimlich mit Wasser.

November 2005: Der Ekelfleisch-Skandal erstreckt sich von Nordrhein-Westfalen bis Bayern.

Januar 2006: Wegen verfaulter Fleischproben ruft das bayerische Verbraucherschutzministerium Wild-Produkte der Firma Berger Wild aus Passau zurück.

August 2006: Polizei und Staatsanwaltschaft stellen bei einem bundesweit tätigem Münchner Döner-Großlieferanten tonnenweise Gammelfleisch sicher, dessen Haltbarkeitsdatum zum Teil bereits vor vier Jahren abgelaufen war.

2008: Die italienische Polizei warnt, dass Händler tonnenweise vergammelten Mozzarella aufbereitet und ihn unter anderem nach Deutschland verkauft haben.

April 2009: Das ZDF-Magazin „Frontal 21“ berichtet, dass Hersteller und Gastronomie immer öfter ein Gemisch aus Eiweißpulver, Pflanzenfett, Wasser und Geschmacksverstärkern verwenden anstatt Käse, beispielsweise auf Pizzen.

Dezember 2011: Durch den Skandal um gefälschten Etiketten geraten zuletzt auch Bio-Lebensmittel in den Blickpunkt. Sie kommen Ende 2011 aus Italien und offenbar auch in den deutschen Handel.

Mai 2011: Der Darmkeim EHEC kommt über verunreinigte Sprossensamen aus Ägypten nach Deutschland. Bei der Epidemie sterben 53 Menschen, rund 4000 erkranken, mehr als 800 davon schwer.

Februar 2013: Tonnenweise wurde Verbrauchern in Fertiggerichten Pferdefleisch statt Rind untergejubelt. Der gigantische Betrugsfall legte die Schwächen im Kontrollsystem offen – vor allem bei den Handelskonzernen.

Juni 2014: Der Antibiotika-Einsatz bei Tieren wie Hühnern, Puten und Schweinen sorgt für resistente Keime in der Wurst. Text: clk

Es geht um die Wurst: Durch den Antibiotika-Einsatz bei Hühnern, Puten und Schweinen gelangten im Juni 2014 resistente Keime in Mett und Teewurst. Foto: Martin Schutt, dpa

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