MÜNCHEN

„Bist Du's?“

70 Jahren DRK-Suchdienst
Wieder vereint: Die beiden Geschwister Lydia Brigitte Teuber (rechts) und Inge Wolf schauen sich im Archiv des DRK-Suchdienstes um. Foto: Marc Müller, dpa

Als kleines Baby wurde Brigitte Teuber zur Adoption freigegeben. Ihre Mutter fühlte sich in den Nachkriegswirren mit zwei kleinen Kindern überfordert. Die ältere Schwester blieb bei der Mutter. Nach 65 Jahren haben sich die beiden nun wiedergefunden.

Die gemeinsame Kindheit von Inge Wolf und ihrer Schwester Brigitte Teuber endete abrupt. Irgendwann war das Baby nicht mehr da in der Abstellkammer des niederbayerischen Bauernhofes, in dem die aus Polen geflohene Mutter mit ihren beiden kleinen Mädchen Unterschlupf gefunden hatte. Es war das Jahr 1947. Nachkriegswirren in Deutschland. „In ihrer Not hat meine Mama meine Schwester zur Adoption freigegeben“, erinnert sich Inge Wolf, die damals vier Jahre alt war. „Wir hatten nichts – wie es halt nach dem Krieg war. Und da kam mein Schwesterlein Brigitte auf die Welt. Mama stand wirklich in der Not da.“

Nach 65 Jahren vereint

65 Jahre sollte es dauern, bis die beiden Schwestern sich wieder in die Arme nehmen konnten. Am Münchner Ostbahnhof gingen die beiden Frauen, die sich so unglaublich ähnlich sehen, füreinander aber Fremde waren, aufeinander zu. „Ich bin dagestanden und war total geplättet“, sagte Brigitte Teuber (heute 69). „Sie schaut mich an, ich schaue sie an und ich frage: Bist Du's?“

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hat die beiden Schwestern zusammengeführt. Im Jahr 2011 stellte Inge Wolf die Suchanfrage, etwa ein Jahr später hatte sie eine Nachricht von ihrer kleinen Schwester auf dem Anrufbeantworter. Sie habe sich erst nach dem Tod der Mutter zu diesem Schritt entscheiden können, sagt Wolf. „Die Mama hat sich geniert vor den Leuten. Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen.“

Seit 70 Jahren spürt der Suchdienst verlorenen Menschen nach: Soldaten, die aus dem Krieg nicht heimkehrten und Familienangehörigen, die sich in den Kriegswirren aus den Augen verloren. In diesem Jahr feiert der Dienst Jubiläum.

Heute erzählen 53 Millionen inzwischen digital erfasste Karteikarten die Geschichten von rund 20 Millionen Menschen, von zerrissenen Familien und jahrelanger Ungewissheit. Oder vom Schicksal der Kinder, die in den Kriegswirren ihre Eltern verloren und bis heute nicht wissen, woher sie wirklich kommen.

Im Jahr 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Plakate mit dem „Aufruf zur Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermißten“ hingen überall in Deutschland. Die Zahl stieg nach der Erfassung zwischen dem 1. und 11. März 1950 auf 2,5 Millionen Vermisste. Rund die Hälfte der Fälle ist heute noch ungeklärt, wie der Historiker Christoph Raneberg sagt, der die Dokumentation am Suchdienst-Standort in München leitet.

„Wir waren damals 600 Mitarbeiter“, erinnert sich Marianne von Geldern, eine Mitarbeiterin der ersten Stunde. „Wir haben immer versucht zu helfen, wo man noch helfen konnte“, sagt sie. „Eine Karte war ein Mensch und diesem Menschen musste man helfen.“

Auch das Schicksal von Inge Wolf und ihrer Schwester steht auf diesen Karteikarten. Jahrelang lebten die beiden in Bayern – nur 40 Kilometer voneinander entfernt, ohne davon zu wissen. Heute sehen sie sich regelmäßig und irgendwann sollen auch ihre Kinder sich kennenlernen. „Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht“, sagt Brigitte Teuber, und ihre Schwester sagt: „Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben.“

DRK-Suchdienst ist 70 Jahre alt

1945 nahm der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) seine Arbeit auf. Er nahm sich verzweifelter Familien an, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Suche waren nach Söhnen, Ehemännern und Brüdern. 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Bis Mai 1950 wurden rund 16 Millionen Suchanträge gestellt. Der Suchdienst konnte 8,8 Millionen Schicksale klären und die Angehörigen informieren. Heute erzählen rund 53 Millionen inzwischen digital erfasste Karteikarten die Geschichten von rund 20 Millionen Menschen. Nach Angaben der Organisation gibt es immer noch 1,3 Millionen ungelöste Fälle. Text: dpa

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