Coburg/Würzburg

Brose-Gesellschafter beklagt illoyale Mitarbeiter

Interview: Michael Stoschek spricht Klartext. Der Brose-Gesellschafter verteidigt Jobverlagerungen ins Ausland und beklagt den hohen Krankenstand im Unternehmen.
Brose-Gesellschafter: „Größe macht uns langsam“
Michael Stoschek, Brose-Gesellschafter und Enkel von Firmengründer Max Brose. Foto: Brose

Brose entwickelt und produziert in 23 Ländern mechatronische Komponenten und Systeme für Fahrzeugtüren und -sitze sowie Elektromotoren. Brose beschäftigt rund 26.000 Mitarbeiter. Zuletzt kündigte Brose an, bis 2022 deutschlandweit 2000 von 9000 Stellen abzubauen. Davon betroffen sind auch die Werke in Coburg, Bamberg, Hallstadt und Würzburg. Das Gesicht von Brose ist Gesellschafter Michael Stoschek.

Frage: Herr Stoschek, wie stark sind Sie noch in operative Entscheidungen von Brose eingebunden?

Michael Stoschek: Gar nicht mehr. Ich habe vor 13 Jahren den Vorsitz in der Geschäftsführung abgegeben. Seitdem nehme ich an den Sitzungen der Geschäftsführung nicht mehr teil und erfahre vom Vorsitzenden der Geschäftsführung in regelmäßigen Unterredungen Resultate. Den Hintergrund dieser Ergebnisse kann ich allerdings nicht mehr beurteilen. 

Wir gehen dennoch davon aus, dass nichts bei Brose passiert ohne die Zustimmung oder das Wissen von Michael Stoschek.

Stoschek: Das ist ein Irrtum. Wenn dem so wäre, hätten wir heute vermutlich eine andere Situation.

Was missfällt Ihnen?

Stoschek: Ich vermisse in vielen Teilen unserer Organisation das Unternehmertum. Schnelle, klare, auch mutige Entscheidungen und keine Bürokratie und Politik. Ich bin ein pragmatischer Mensch und spreche gern Klartext.

Ist das eine Kritik an der jetzigen Geschäftsführung?

Stoschek: Natürlich ist Brose sehr stark gewachsen. Das hat die Geschäftsführung voll und ganz in Anspruch genommen. Als ich die Leitung abgegeben habe, hatten wir rund 10.000 Beschäftigte. Heute sind es 26.000 an über 60 Standorten. Die Komplexität ist gewachsen und dadurch sind die Führungsaufgaben viel anspruchsvoller geworden.

Aber?

Stoschek: Durch die Größe sind wir langsamer und bürokratischer geworden, und unsere Personalkosten in der Administration sind überproportional gestiegen. Mit Unterstützung der Unternehmensberatung McKinsey haben wir jetzt ein umfangreiches Programm aufgelegt, um unser Unternehmen wieder fit zu machen. Die Berater haben uns einen Spiegel vorgehalten, wo wir im Vergleich zu den Besten stehen.

Nochmals: Kritisieren Sie die Geschäftsführung?

Stoschek: Die Geschäftsführung geht mit der Situation selbstkritisch um. Sie weiß, dass Einiges aus dem Ruder gelaufen ist und treibt das Programm uneingeschränkt voran.

Von Ihnen stammt der Satz, Brose müsse sich wieder auf seine Wurzeln als Familienunternehmen besinnen.

Stoschek: Auch schon während meiner Führung hatte ich die Sorge, dass Bürokratie und Anonymität der Preis unseres Wachstums sein könnten. Das „Konzerndenken“ passt nicht zu einem intelligenten Familienunternehmen.

Und jetzt?

Stoschek: Jetzt wollen wir aus dem Öltanker wieder ein Schnellboot machen.

Von wem wird sich Brose trennen?

Stoschek: Selbstverständlich werden wir die Personalanpassungen so sozialverträglich wie möglich durchführen. Kein Leistungsträger muss um seinen Job bangen.

Welche Mitarbeiter sind bei Brose gefragt?

Stoschek: Der IT-Bereich wird stark wachsen. Wir suchen vor allem Elektronik- und Informatik-Ingenieure und wir legen schon immer großen Wert auf interne Weiterbildung. Aber auch hier müssen wir darauf achten, dass unser Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis steht. Beim Thema Krankenstand ist das zum Beispiel nicht der Fall.

Der Krankenstand bei Brose: Der ist Ihnen schon seit längerem ein Dorn im Auge.

Stoschek: Das stimmt, weil er unangemessen hoch ist und mit seinen Kosten die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter gefährdet. Wir haben in Coburg und Bamberg das aufwendigste Gesundheitsmanagement in unserer Firmengruppe und in der Region. Damit können die meisten Fitnessstudios nicht mithalten. Trotzdem haben wir gerade hier die höchsten Abwesenheitsraten in unserer Firmengruppe wegen angeblicher Krankheiten. Das kann nicht sein.

Warum sprechen Sie von „angeblichen“ Krankheiten?

Stoschek: Ich meine nicht die wirklich kranken Mitarbeiter, denen unser Mitgefühl gilt. Ich spreche von Mitarbeitern, die wiederholt am Freitag oder am Montag nicht zur Arbeit erscheinen oder sich wegen einer Bagatelle unangemessen lange krankschreiben lassen. Viele Unternehmer kennen dieses Problem und ich spreche es jetzt deutlich an.

Was wollen Sie dagegen tun?

Stoschek: Wir werden uns noch intensiver mit Einzelfällen befassen und dafür sorgen, dass illoyale Mitarbeiter nicht die Arbeitsplätze ihrer loyalen Kollegen gefährden.

Auf was wollen Sie hinaus?

Stoschek: Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produktionen hängt ja nicht nur mit den Einkommensunterschieden unserer Mitarbeiter in den europäischen Werken zusammen, sondern insbesondere mit der Anzahl der geleisteten Arbeitstage. Die sind in Deutschland dramatisch geringer, da wir überdurchschnittlich viele Fehltage durch Krankheit, tariflich vereinbarten Urlaub von 30 Tagen und zusätzlich noch die 35- Stunden-Woche haben – was nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt einmalig ist. Diese Verzerrungen führen zu dem Verlust von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen in der Automobilzulieferindustrie in den nächsten Jahren. Das ist meine Befürchtung.

Brose baut Jobs in Würzburg ab und in Serbien ein neues Werk auf. Warum?

Stoschek: Wir verlagern die Produktion von Kühler-Lüfter-Modulen, Lüftungsmotoren und Ölpumpen nach Serbien. Zu den Bedingungen, unter denen wir in Würzburg produzieren, bekommen wir keine Aufträge mehr. Unsere Kunden sind nicht bereit, die Kosten zu übernehmen, die dadurch entstehen, dass unsere Mitarbeiter wegen der angesprochenen Freizeiten nur noch an jedem zweiten Tag im Jahr zur Arbeit kommen. Das ist leider nachvollziehbar. Die Personalkosten im Umkreis von Belgrad liegen bei einem Viertel der Vergleichswerte von Würzburg.

Ist Brose selbstgefällig geworden?

Stoschek: Das ist wie bei einem Sportler. Jahrelanger Erfolg wird zur Selbstverständlichkeit, man nimmt seine Wettbewerber nicht mehr sehr ernst und der Trainingsfleiß lässt nach. Plötzlich ist man im Wettbewerb nur noch zweiter Sieger.

Beschreiben Sie gerade Brose?

Stoschek: Ja, wir müssen wieder mehr trainieren, Fett in Muskelmasse umwandeln und den steigenden Wettbewerb selbstkritisch verfolgen. Zur Finanzierung unseres Wachstums brauchen wir eine Netto-Rendite von fünf Prozent. Davon sind wir gerade weit entfernt.

Würzburg hat sein Fett weggekriegt. Ist das nur der Anfang?

Stoschek: Um auch in Zukunft Produktionskapazitäten auszulasten, möchte die Geschäftsführung den Anlauf neuer Erzeugnisse, sofern sie in Deutschland entwickelt wurden, auch hier realisieren, um dann nach einiger Zeit die Fertigung in eines unserer ausländischen Werke zu verlagern.

Brose hat große Bedeutung für Franken. Beeinflusst das Wissen darum die unternehmerischen Entscheidungen?

Stoschek: Wir beschäftigen in Franken derzeit 7400 Mitarbeiter direkt und 2000 bei unseren Zulieferern. Wir sind uns der großen Bedeutung und Verantwortung für die Region bewusst und wollen deshalb alles tun, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Dass dies aktuell mit schmerzhaften Maßnahmen verbunden ist, ist nicht zu bestreiten.

Kann zu den schmerzhaften Dingen auch gehören, das Sponsoring zurückzufahren?

Stoschek: Wenn wir intern Kosten reduzieren, müssen wir natürlich auch unsere freiwilligen Leistungen nach außen zurückfahren. Schließlich erwarten das auch unsere Mitarbeiter.

Was bedeutet das für die Basketballer?

Stoschek: Dass der Anteil von Brose an den Einnahmen sinken wird. Das ist auch gerechtfertigt, denn wir sind nach wie vor der größte Einzelsponsor in der Bundesliga und müssen die Last auf mehr Schultern verteilen.

Könnte Brose komplett aus dem Basketball-Sponsoring aussteigen?

Stoschek: Eine solche Entscheidung unserer Gesellschafter erwarte ich nicht. Das Gremium wünscht allerdings, dass die Bereiche Kultur, Bildung und Soziales neben dem Sport stärker berücksichtigt werden.

Wäre es denkbar, dass die Basketballer nicht mehr als „Brose Bamberg“ auflaufen?

Stoschek: Denkbar ist das. Wenn wir einen Partner mit entsprechendem Budget gewinnen, könnte Brose ins zweite Glied rücken.

Spielt es für Brose eine Rolle, welcher Antrieb in Autos künftig verbaut wird?

Stoschek: Nein, im Grunde nicht. Wir machen uns eher darüber Sorgen, dass die öffentliche Auseinandersetzung über den Klimawandel und die negative Stimmung, die gegen das Automobil verbreitet wird, den Fahrzeugabsatz negativ beeinflusst. Die damit verbundene rückläufige Beschäftigung hinterlässt natürlich auch bei uns ihre Spuren.

Bosch hat in Bamberg zugesichert, den Personalabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen vorzunehmen.

Stoschek: Das Gleiche ist natürlich auch unser Ziel. Allerdings haben wir kein grundsätzliches strukturelles Problem mit unserem Produktprogramm, sondern müssen kurzfristig Maßnahmen ergreifen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Michael Stoschek

Unternehmer Michael Stoschek war 23 Jahre alt, als er im Oktober 1971 die Führung des Unternehmens übernahm, das damals 1000 Mitarbeiter hatte. 2006 zog sich der heute 71-Jährige aus der Geschäftsführung zurück. Als Sprecher der Gesellschafterversammlung ist der Enkel des Firmengründers nach wie vor stark mit den Entwicklungen bei Brose vertraut.

Hobbys Stoscheks Leidenschaft gilt vor allem dem Sport. Das Unternehmen ist Hauptsponsor des Basketball-Bundesligisten „Brose Bamberg“.

Podiumsdiskussion Am 19. November diskutiert Stoschek in Bamberg mit SPD-Politiker Martin Schulz und Bosch-Geschäftsführer Stefan Hartung über Veränderungen in der Automobilbranche und die Auswirkungen auf die Region. wirtschaftsclub-bamberg.de

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