Die Angst vor dem Terror

Die Angst vor dem Terror

Nach den Anschlägen in Würzburg, München, Ansbach in wenigen Tagen äußern Menschen in sozialen Netzwerken bodenlose Wut auf die Täter aber auch auf alle, die als fremd empfunden werden und auf die, die nicht mit verbalen oder realen Knüppeln dreinschlagen. Gespräche auf der Straße unter Nachbarn enden öfter mit Sätzen: „Es wird immer schlimmer!“ Die Angst scheint zu wachsen. Mit Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie an der Uni Bamberg, sprachen wir über die Angst und wie ihr zu begegnen ist.

Frage: Wie geht es Ihnen persönlich nach den Nachrichten der vergangenen Tage?

Jörg Wolstein: Natürlich nimmt einen das mit. Ich finde das erschütternd. Persönlich nehme ich aber vor allem die Botschaft mit: Die Ruhe, die wir über Jahrzehnte erlebt haben, ist nicht mehr selbstverständlich. Wir müssen dafür jetzt etwas tun. Wir müssen uns auf das besinnen, was wir wollen – nämlich friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft. Und das kann man nicht mit Hass entwickeln.

Diejenigen, die jetzt etwa in digitalen Netzwerken Hass äußern, sind also unterwegs in eine Sackgasse?

Wolstein: Naja, Hass zu äußern, ist auch eine Strategie, mit Ängsten fertig zu werden. Die Menschen bekommen das Gefühl, sie tun etwas. Problematisch wird es, wenn daraus eine subjektive Norm entsteht, sie also das Gefühl bekommen: Alle denken wie ich nur die politische Elite nicht. Dagegen helfen nur Widerworte, denn in den digitalen Netzwerken mögen solche Äußerungen gerade stark sein, im Alltag finde ich sie selten. Sie zeigen keine verbreitete Stimmung.

Spricht aus Hassworten oder dem besorgten Blick auf die Zukunft eine begründete Angst, ähnlich der vor einem wütenden Hund? Oder entwickelt die Gesellschaft gerade eine Angststörung?

Wolstein: Eine Angststörung würde bedeuten, dass man das tägliche Leben nicht mehr bewältigen kann. Die Angst, die Menschen jetzt empfinden, ist eine, die man häufig in Situationen wahrnimmt, in denen man merkt, das Unglück kann jeden treffen.

Sie ähnelt also eher der Angst vor dem Hund?

Wolstein: Ja. Und solche Angst kann sinnvoll sein. Sie schützt uns beispielsweise davor, aus großen Höhen zu fallen.

Aber warum machen Anschläge wie in den vergangenen Tagen dann so viel Angst? Denn wirklich bedroht durch Amokläufer oder Terror sind ja die wenigsten. 9000 Todesfälle bei Haushaltsunfällen jedes Jahr in Deutschland schrecken dagegen kaum.

Wolstein: Ja, auch im Straßenverkehr gibt es häufig Tote, etwa 300 im Monat, und trotzdem wird das Risiko als gering wahrgenommen. Das hängt damit zusammen, dass bei spektakulären Ereignissen die Gefahr als größer wahrgenommen wird, als sie ist. Aber das kann man nicht weg reden. Man kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass das Risiko, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, gering ist.

Wird auch durch intensive Berichterstattung in den Medien eine Gefahr als übergroß empfunden?

Wolstein: Das mag zum Teil zutreffen. Aber allein die Tatsache, dass ein Ereignis ungewöhnlich ist, führt dazu, dass es als spektakulär wahrgenommen wird. Bei Dingen, die häufig passieren, tritt dagegen ein Gewohnheitseffekt ein. Man meint, sie unter Kontrolle zu haben, etwa die Unfallgefahr beim Autofahren.

Wer Angst vor dem Autofahren hat, kann aussteigen, wer Angst vor Hunden hat, ihnen aus dem Weg gehen. Über Anschläge haben wir keine Kontrolle. Was kann die Angst davor bewirken?

Wolstein: In der Regel verselbstständigt sich auch diese Angst nicht. Sie nimmt wieder ab. Wir müssen uns als Gemeinschaft aber gut überlegen, wie wir damit umgehen. Es gibt nämlich auch Reaktionen, die Ängste schüren können. Das Oktoberfest in München abzusagen, wäre eine solche. Ein intensives Interesse am Außergewöhnlichen ist übrigens eine normale Reaktion bei Menschen und nicht zu verdammen. Ein gesunder Mensch wird mit einer solchen Situation fertig. Wer Probleme damit hat, sollte darüber sprechen und sich fachliche Hilfe holen. Manchmal reicht es ja schon, wenn man sich eine Pause gönnt und Fernsehen, Radio oder Handy einfach ausschaltet.

Die Taten in vergangenen Tagen machen vielen Angst. Aber kann nicht auch Angst eine Rolle bei denen spielen, die Halt bei Extremismus suchen oder in den Suizid flüchten?

Wolstein: Grundsätzlich wissen wir seit den ersten Forschungen dazu vor 150 Jahren, je besser Menschen in ihre gesellschaftliche Umgebung eingebettet sind, desto sicherer fühlen sie sich, desto weniger häufig gibt es Selbstmordgedanken und Suizide. Aber solche Taten wie in den vergangenen Tagen sind ganz schwer auf konkrete Ursachen zurückzuführen oder sogar vorherzusagen. Die Gemeinsamkeit besteht am Ende oft nur im reinen Gewaltakt.

Inwieweit kann Angst unsere Gesellschaft, womöglich unser Land verändern?

Wolstein: Angst kann ein Massenphänomen werden, aber in der Regel bildet sie sich zurück. Man muss jetzt nur aufpassen, dass Forderungen, die aus manchen politischen Lagern kommen und aus der Angst Profit schlagen wollen, nicht als allgemeingültig gesehen werden. Die Politik hat jetzt eine schwere Aufgabe. Aber ich bin zuversichtlich. Es gibt genügend Menschen, die aufpassen, dass die Lage nicht in eine Hasssituation kippt. Ich denke da nur an die tausenden von Flüchtlingshelfern in Bayern. Sie sind ein Beispiel dafür, wie viele sich dafür einsetzen, dass nichts schief läuft. Ihr vorbildliches Engagement ist ein wenig aus dem Blick geraten, eben weil es nicht spektakulär, sondern alltäglich geworden ist.

Was helfen Forderungen nach mehr Sicherheit?

Wolstein: Es ist völlig gerechtfertigt, dass wir geschockt sind und trauern. Aber das muss abgeschlossen werden. Es ist keine gute Idee, mehr Sicherheit zu versprechen. Die ist objektiv nicht möglich. Es kann trotzdem wieder etwas geschehen. Das macht dann die Politik unglaubwürdig. Wichtig ist, dass Menschen das Gefühl bekommen, sie können selbst etwas tun und sozialen Zusammenhalt spüren.

Selbst aktiv werden gegen die Angst?

Wolstein: Ja, es hilft Kontakt und Unterstützung zu suchen und zu geben – zum Beispiel im eigenen Umfeld von Freunden und Nachbarn, aber eben auch zu Migranten. Das hilft, das eigene Bild zurechtzurücken und vermittelt das Erlebnis: Ich bin nicht hilflos.

Prof. Jörg Wolstein

Der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, Prof. Jörg Wolstein (Jahrgang 1960), lehrt an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Von 2000 bis 2007 hatte er die Professur für Sozialmedizin im Fachbereich Soziale Arbeit. Seit 2007 betreut er die Professur für Pathopsychologie an der Fakultät Humanwissenschaften, ebenfalls an der Universität in Bamberg. FOTO: Uni Bamberg

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