WÜRZBURG

Die ganze Region Unterfranken steht unter Strom

SuedLink-Trasse: Der Netzbetreiber Tennet hat neue Vorschläge für die Stromautobahnen der Zukunft unterbreitet, und der Dialog mit Bürgern, Verbänden und Politik beginnt von vorne. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung bei Tennet TSO GmbH (Bayreuth), dem Betreiber der SuedLink-Stromtrasse. Aufgenommen bei einem Pressegespräch in der Main-Post am 28.09.2016
Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung bei Tennet TSO GmbH (Bayreuth), dem Betreiber der SuedLink-Stromtrasse. Aufgenommen bei einem Pressegespräch in der Main-Post am 28.09.2016 Foto: Jürgen Haug-Peichl

Der SuedLink ist ein gemeinsames Projekt der Übertragungsnetzbetreiber Tennet und TransnetBW. Als SuedLink werden die beiden Gleichstromleitungen von Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) nach Großgartach (Baden-Württemberg) und von Wilster (Schleswig-Holstein) nach Grafenrheinfeld (Bayern) bezeichnet. Sie sollen in weiten Teilen auf einer gemeinsamen Stammstrecke geführt und gleichzeitig beantragt werden.

Tennet veröffentlichte am Dienstag seine Vorschläge für die Stromtrassen SuedLink und Suedostlink, nun ist der Dialog mit der Bevölkerung in den betroffenen Regionen, mit Kommunen, Interessenverbänden und der Politik gefragt. Am Mittwoch beantwortete Tennet-Vorstandsmitglied Lex Hartmann Fragen der Redaktion.

Wie konkret sind die Vorschläge?

Die von Tennet und TransnetBW vorgestellten Korridore sind das Ergebnis erster Voruntersuchungen, keine verbindliche Planung. Nun findet ein Dialog mit Bürgern, Verbänden und Politikern statt, in dessen Verlauf aktuelle Vorschläge wegfallen oder aber neue hinzukommen können. Dieser Prozess dauert etwa ein halbes Jahr. Im Frühjahr 2017 wollen die Netzbetreiber der Bundesnetzagentur eine favorisierte Trasse und eine oder mehrere Alternativtrassen vorschlagen.

Werden ausschließlich Erdkabel verlegt werden?

Erdkabel haben den Vorteil, dass das Landschaftsbild so gut wie unberührt bleibt. Die aktuellen Planungen beruhen auf den Vorgaben des Bundesgesetzgebers und sehen nach Angaben von Lex Hartmann zunächst einmal „zu 100 Prozent“ Erdkabel vor. Das heißt aber nicht, dass am Ende ausschließlich Erdkabel verlegt werden. Wenn vor Ort der Wunsch nach Freileitungen besteht, so Hartmann, werde Tennet neu planen.

SuedLink soll eine Gleichstromtrasse werden. Warum?

Um Strom der Windparks auf See, der sogenannten Offshore-Windparks, an Land zu transportieren, ist bei großen Entfernungen eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) die bevorzugte Lösung, weil die Übertragungsverluste deutlich geringer sind. Auch bei SuedLink kommt diese Technik zum Einsatz. Tennet hat nach eigenen Angaben bereits mehrere Tausend Kilometer Offshore-Anbindungen und in diesem Zusammenhang rund 1000 Kilometer landseitige HGÜ-Kabel verlegt. Die derzeit maximal einen Kilometer langen Teilstücke werden durch Muffen verbunden.

Wie teuer sind Erdkabel?

Nach ersten Schätzungen werden unterirdische Stromtrassen etwa dreimal so teuer wie Freileitungen. Wie andere Experten beziffert auch Lex Hartmann die Kosten für die 700 Kilometer lange SuedLink-Trasse von Wilster in Schleswig-Holstein bis ins baden-württembergische Großgartach auf rund 10 Milliarden Euro, sieben Milliarden Euro mehr als für Freileitungen veranschlagt waren. Dem stehen beträchtliche Einsparungen gegenüber, sagt Hartmann, denn die unterirdische Stromautobahn lässt sich vermutlich schneller bauen und der Windstrom aus dem Norden lässt sich dann auch eher zu den Verbrauchern im Süden transportieren und verkaufen.

Und wer bezahlt die Kabel?

Letztendlich der Stromverbraucher. Die Netzbetreiber refinanzieren sich über die Netzentgelte, die die Bundesnetzagentur festlegt. Ersten Schätzungen zufolge dürften die Erdkabel den Strompreis um bis zu vier Prozent verteuern.

Wie werden Erdkabel verlegt?

Erdkabel werden in einen Graben von 1,80 bis 2 Metern Tiefe verlegt. Für die derzeit marktüblichen Leitungen zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) von 320 Kilovolt (KV) wird eine Trasse von 25 Metern Breite benötigt, in der Bauphase ist etwa die doppelte Breite erforderlich. Diese Trasse muss zugänglich sein und darf nicht bebaut werden. Außerdem dürfen auf der Trasse keine Bäume wachsen. Landwirtschaft hingegen ist ohne Weiteres möglich, sagt Hartmann.

Kann man eine Stromautobahn nicht direkt neben eine Autobahn wie die A 71 legen?

Nein, planerisch geht das nicht, weil der Bund die Randstreifen neben Fernstraßen beansprucht, etwa für weitere Fahrstreifen. Außerdem liegen Siedlungen und Gewerbegebiete oft direkt neben der Autobahn. Schließlich muss man die Topografie der Landschaft berücksichtigen. Stromleitungen kann man nicht einfach an die Autobahnbrücken hängen, macht Lex Hartmann klar, sie müssen der Topografie folgen. Wasserwege oder wichtige Naturschutzgebiete müssen unter Umständen untertunnelt werden.

Zahlt Tennet eine Entschädigung für die Inanspruchnahme des Bodens?

Ja, der Netzbetreiber handelt mit dem Eigentümer entsprechend der gesetzlichen Vorgaben eine einmalige Entschädigung aus. Teil der Abmachung ist, dass die Trasse nicht bebaut werden darf und dort kein Wald wachsen darf.



Wie viel Strom werden die neuen Stromautobahnen transportieren können?

Der SuedOstLink soll eine Leistung von 2000 Megawatt Strom haben, der SuedLink wird auf die doppelte Leistung ausgelegt sein. Davon wiederum ist nur die Hälfte für Bayern bestimmt, die andere Hälfte fließt nach Baden-Württemberg.

Wann fließt auf den Stromautobahnen erstmals Strom?

Ursprünglich sollten die beiden Stromtrassen 2022 fertig sein – pünktlich zur Abschaltung des letzten aktiven Atommeilers Isar 2. Durch die Widerstände gegen die Freileitungstrassen und die Privilegierung unterirdischer Trassen durch die Politik sowie die dadurch erforderlichen Neubewertungen und Neuplanungen verzögern sich der Bau und die Fertigstellung um mindestens drei Jahre. „2025 ist möglich, aber sportlich“, sagt Tennet-Vorstandsmitglied Hartmann. Das bestätigt, was andere Experten sagen: Der Fertigstellungstermin 2025 ist eine eher optimistische Prognose.

Woher kommt der Strom in der Zwischenzeit?

Im Freistaat Bayern sind etliche hochmoderne Gaskraftwerke derzeit nicht ausgelastet, darunter das Gas-und-Dampf-Kraftwerk an der Friedensbrücke in Würzburg. Wenn Atomkraftwerke abgeschaltet werden und die Stromautobahnen noch nicht fertig sind, können sie einspringen. Außerdem wird demnächst die Thüringer Strombrücke von Sachsen-Anhalt nach Bayern mit einer Leistung von rund 2000 Megawatt fertiggestellt.

Wird es noch große Widerstände gegen die neuen Trassen geben, insbesondere gegen SuedLink?

Möglich, aber die ersten Reaktionen aus der Politik lassen das nicht vermuten. Die Abgeordneten aus der Region äußerten sich nach Bekanntwerden der neuen Trassenvorschläge überwiegend positiv. Auch im bayerischen Wirtschaftsministerium wurden die Pläne begrüßt, Ministerin Ilse Aigner (CSU) bezeichnet den nun folgenden Dialog mit den Bürgern als „zentrales Anliegen“.

Wie wird Tennet damit umgehen, wenn es Widerstand gegen seine Vorschläge gibt?

Wir bevorzugen Strecken, auf denen es am wenigsten Widerstand gibt, sagt Lex Hartmann und versichert, sein Unternehmen sehe sich zu maximaler Transparenz verpflichtet. Andererseits könne die Lautstärke des Widerstandes nicht das einzige Kriterium für Entscheidungen sein.



Was erwartet der Tennet-Chef von betroffenen Bürgerinnen und Bürgern und der Politik?

Lex Hartmann wünscht sich für den nun folgenden Dialogprozess aus der Bevölkerung jede nur mögliche Information und jede Menge Ideen für einen optimalen Trassenverlauf (Veranstaltungskalender auf www.tennet.eu). „Von der Politik erwarten wir Unterstützung.“

Wie sieht das weitere Prozedere aus?

Wenn die Bundesnetzagentur den Antrag der Netzbetreiber erhält, beginnt die Bundesfachplanung. Die Agentur rechnet mit dem Antrag im Frühjahr 2017. Ziel der Fachplanung ist die Festlegung eines 500 bis 1000 Meter breiten Korridors, in dem die Leitung einmal verlaufen wird. Erst im Anschluss, im Planfeststellungsverfahren, werden der exakte Leitungsverlauf und die genaue Technologie festgelegt.

Das Genehmigungsverfahren wird Jahre dauern und die Bürgerinnen und Bürger werden bei jedem Schritt die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen.

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