DACHAU

Ein KZ-Besuch als Pflichtaufgabe?

NS-Gedenken: Der Landtag will, dass jeder bayerische Schüler einen Erinnerungsort für die Nazi-Barbarei besucht. Ein Ziel, auf das die Gedenkstätten weder inhaltlich noch personell vorbereitet sind.
KZ-Gedenkstätte Dachau
Rund 800 000 Besucher im Jahr kommen ins ehemalige Konzentrationslager Dachau. Foto: Andreas Gebert, dpa

Ein Bild, so heißt es, sagt mehr als tausend Worte. Und manchmal kann ein Bild sogar spannende Diskussionen auslösen: Bei Schülerführungen in der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen habe er deshalb stets gleich am Zugang eine alte Luftaufnahme vom März 1945 gezeigt, erzählt Yariv Lapid. Darauf sind links die KZ-Baracken zu sehen, in denen Tausende vom harten Arbeitseinsatz geschwächte KZ-Häftlinge elend krepierten. Und rechts daneben, keine 50 Meter entfernt, ein Fußballplatz mit Zuschauertribünen, auf dem bis zur Befreiung des Lagers öffentliche Fußballspiele stattgefunden haben.

Kein Bewohner Mauthausens könne sich diese Spiele im Angesicht des Todes freiwillig angeschaut haben, hätten die Schüler meist entgegnet, berichtet Lapid, ein renommierter Gedenkstätten-Pädagoge aus Israel, der vor ein paar Jahren in Mauthausen das Besucherprogramm neu konzipierte. Genau dies sei damals aber geschehen, das KZ sei „Teil der Gesellschaft“ gewesen. Eine verstörende Information, die bei vielen Schülern das erhoffte Nachdenken ausgelöst habe: „Denn Erkenntnis öffnet Verständnis“, so Lapid.

Wie kann man heute Jugendlichen die Schrecken der Konzentrationslager und die Verbrechen des NS-Staates vermitteln? Diese Frage treibt Historiker, Pädagogen, Gedenkstättenleiter und verantwortliche Politiker bereits seit einiger Zeit um. Denn die neue Generation ist die erste, die ohne die Zeitzeugen auskommen muss, die frühere Schüler-Generationen mit ihren sehr persönlichen Schicksalen nachhaltig beeindruckten.

Auch in den Familien kann selbst die Generation der Großeltern oft nicht mehr aus eigener Anschauung über die NS-Zeit berichten. Die zeitliche Distanz zu den Nazi-Verbrechen wächst. „Und wir müssen leider feststellen, dass auch das historische Wissen nachlässt“, sagt Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte in Dachau.

Gleichzeitig sei die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Bildungsarbeit in den Gedenkstätten vor dem Hintergrund von Fremdenhass, Neo-Nazismus und Antisemitismus riesengroß: Nicht weniger als eine „Immunisierung“ junger Menschen vor der NS-Ideologie werde erwartet, glaubt Hammermann: „Aber ein Besuch bei uns allein kann das nicht schaffen.“

Trotzdem ist es das erklärte Ziel der bayerischen Landespolitik, möglichst jeden Schüler im Freistaat zumindest einmal die KZ-Gedenkstätten in Dachau oder Flossenbürg oder eines der NS-Dokumentationszentren in Nürnberg, München oder Berchtesgaden besuchen zu lassen. Nach zunächst kontroverser Debatte in der Landtags-CSU könnte diese „Soll-Bestimmung“ schon bald auch auf alle Mittelschulen ausgeweitet werden.

Ein ohne Zweifel ehrenwertes Vorhaben, das aber nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch eine gewaltige Herausforderung ist: Rund 5000 Klassen mit etwa 120 000 Schülern müssten auf diese Weise jährlich von den fünf Einrichtungen betreut werden, hat der SPD-MdL Martin Güll hochgerechnet – fast doppelt so viele wie heute.

Dabei können sich die bayerischen Erinnerungsorte schon jetzt über mangelndes Besucherinteresse nicht beklagen: In Flossenbürg stieg die Besucherzahl in den letzten zehn Jahren von rund 40 000 pro Jahr auf nun über 80 000, am Obersalzberg in Berchtesgaden von 130 000 auf 170 000 und in Nürnberg – zur Eröffnung im Jahr 2001 ausgelegt für etwa 80 000 Besucher – auf 250 000. Nach Dachau kommen sogar rund 800 000 Menschen im Jahr, laut Hammermann rund ein Drittel davon Schüler.

„Unser Problem ist nicht, dass wir zu wenig Besucher haben – im Gegenteil“, sagt deshalb Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Dennoch sei es „für uns selbstverständlich, alle Schularten zu betreuen“, beteuert er. „Entgegen der Auffassung einer Überdrüssigkeit sind die meisten Schüler sehr interessiert“, ergänzt seine Dachauer Kollegin Hammermann: „Das gilt auch für Migranten, deren Familien ja oft eigene Verfolgungsbiografien haben.“

Das Problem ist also nicht der gute Wille, sondern die begrenzten Möglichkeiten: „Es hakt schon jetzt an allen Ecken und Enden“, stöhnt Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg: Schließlich wolle man sich nicht nur um Schüler kümmern: „Auch ältere Leute dürfen bei uns lernen. Selbst Amerikaner.“

Sowohl baulich, vor allem aber auch personell gibt es in den Einrichtungen gewaltigen Verbesserungsbedarf, klagten die Gedenkstättenleiter kürzlich bei einem von der SPD organisierten Fachgespräch im Landtag: So gibt es etwa in Dachau derzeit nur zwei beheizbare Räume, die von Schülergruppen genutzt werden können. Die Sanitäranlage muss verbessert, der Parkplatz saniert und die Barackenausstellung neu gestaltet werden. Auch die Dauerausstellung in Dachau sei „vor allem aus didaktischen Gründen überarbeitungsbedürftig“, räumt selbst das Kultusministerium ein. Die Neugestaltung könne aber erst nach 2020 erfolgen.

In Berchtesgaden ist die Neugestaltung der inzwischen 17 Jahre alten Ausstellung inklusive der Erweiterung des Zugangs in die Bunkeranlagen inzwischen vom Landtag beschlossen. In Nürnberg kapituliert die Belüftungsanlage mitunter vor den Besuchermassen. Auch eine komplette Überarbeitung der nun 15 Jahre alten Ausstellung steht an.

Große Aufgaben, die überall mit äußerst schmaler Personalausstattung geleistet werden müssen: So gibt es am Obersalzberg bei 785 Führungen etwa im Jahr 2013 nur zwei Museumspädagogen und zwölf freie Mitarbeiter. In Nürnberg ist sogar nur eine halbe Stelle eingeplant, der Großteil der Bildungsarbeit für zuletzt rund 35 000 betreute Besucher ist an externe Partner ausgelagert.

In Dachau und Flossenbürg stehen immerhin 26 abgestellte Lehrer für die Schülerbetreuung zur Verfügung. Allerdings müssen in Dachau auch bis zu 25 Angebote täglich organisiert werden, was nur mit Hilfe externer Partner geht. In Flossenbürg wurden im Jahr 2013 rund 26 500 Schüler in speziellen Bildungsprogrammen betreut.

Die Mitarbeiter vor Ort machten zweifellos das Beste aus der schwierigen Lage, lobt der SPD-Politiker Güll. Angesichts der stetig wachsenden Besucherzahlen und der geplanten Schüler-Pflichtbesuche sei „eine wirklich gute Arbeit ohne ausreichendes, gut bezahltes Personal und ausreichende Räumlichkeiten aber gar nicht möglich“. Zumal sich alle Experten einig sind, dass gerade Schülerbesuche nur dann sinnvoll sind, „wenn sie gut vorbereitet, nachbereitet und vor Ort gut betreut sind“.

„Ohne mehr Personal und bessere Strukturen wird es nicht gehen“, findet auch der Grünen-Kulturpolitiker Sepp Dürr. Zu viele Verantwortliche blockierten sich derzeit aber gegenseitig – und damit den nötigen Wandel: So ist die Stiftung Bayerische Gedenkstätten für Dachau und Flossenbürg zuständig, das Institut für Zeitgeschichte für den Obersalzberg, die Städte München und Nürnberg für ihre Dokumentationszentren. Mitzureden haben zudem das Kultusministerium, das Finanzministerium und die Landeszentrale für politische Bildung. Eine gut organisierte Verantwortlichkeit für alle Erinnerungsorte unter einem Dach könnte viel helfen, glaubt Dürr. Auch SPD-Mann Güll fordert eine „Professionalisierung der Strukturen“.

Karl Freller, der ehrenamtliche Vorsitzende der Stiftung Gedenkstätten, räumt personellen Verbesserungsbedarf zwar ein, sieht die Verantwortung für gelingende Schülerbesuche jedoch vor allem bei den Schulen und Lehrern. Auch das Argument, es gebe im Unterricht zu wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung, lässt der frühere CSU-Schulstaatssekretär nicht gelten: „Wenn der Wille da ist, dann ist das auch machbar“, glaubt er.

Ist ein KZ-Pflichtbesuch für alle Schüler in Bayern also eine gute Idee? Im Prinzip ja, findet Gedenkstättenpädagoge Yariv Lapid – aber nur, wenn es richtig gemacht wird. Ob Lehrer oder Betreuer vor Ort: Es gelte heute mehr denn je, eine Verbindung der historischen Ereignisse in die Aktualität zu ziehen: Wieso brauchen wir Grundrechte? Was bedeutet staatliche Willkür? Wieso ist Zivilcourage wichtig? Und vor allem: Was hat das alles mit mir zu tun?

Dafür müsse man den Schülern viele offene Fragen stellen – und auch unangenehme Antworten zulassen. „Das Totschweigen von unterschiedlichen Lebensrealitäten macht das Problem nur noch größer“, warnt Lapid. Vielmehr müssten die Schüler eingeladen werden, selbst nachzudenken und miteinander zu diskutieren: „Die Angst vor falschen Antworten darf uns dabei nicht bremsen.“

Keine leichte Aufgabe in einer bunten Gesellschaft mit einer Vielzahl von familiären, ethnischen und religiösen Hintergründen. Und auch ein Schuss, der schnell nach hinten losgehen kann, warnt Lapid: „Wir sollten deshalb zuerst sicherstellen, dass alle die bestmögliche Arbeit machen können, bevor wir die Schüler dorthin schicken.“

KZ Dachau - Befreiung
Historische Bilder wie diese aus dem KZ Dachau und seinem Außenlager Kaufering bei der Befreiung bekommen Besucher heute... Foto: dpa

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