„Ein demokratisches Instrument“

Freier Zugang zum Wissen: Ein Student liest in einer Universitätsbibliothek.
Freier Zugang zum Wissen: Ein Student liest in einer Universitätsbibliothek. Foto: dpa

Wenn wir etwas wissen wollen, googeln wir uns die Informationen im Internet zusammen. Die Kinder sitzen sowieso am liebsten am Computer. Braucht es heute noch Bibliotheken? Offenbar schon: Zumindest zählen die rund 11 500 deutschen Bibliotheken 670 000 Besucher – täglich! Im Vorstand des Deutschen Bibliotheksverbands sitzen seit diesem Jahr gleich zwei Mitglieder aus Würzburg: Dr. Karl Südekum und Ralph Deifel. Ein Gespräch zum Bayerischen Bibliothekstag, der heute und morgen in Augsburg stattfindet.

Kindheitserinnerung an die Bücherei: Fleckig-speckige Bände und ganz blöde Öffnungszeiten. Und die Bücher, die man lesen wollte, waren immer schon weg. Was bieten Bibliotheken heute?

Ralph Deifel: Gute öffentliche Bibliotheken zeichnet heute nicht aus, dass sie möglichst viele Bücher haben, die möglich eng aneinandergequetscht stehen oder in der Höhe gestapelt sind. Sie verstehen sich nicht als Archive, sondern als Gebrauchseinrichtung, in der kein Titel älter als zehn Jahre sein sollte. Wir sind benutzungsorientiert, nicht mehr bestandsorientiert.

Karl Südekum: Bibliotheken sind längst keine tristen Ausleihstationen mehr, sondern Orte mit sehr guter Medienausstattung. Wissenschaftliche Bibliotheken wie unsere Universitätsbibliothek sind Lernorte geworden. Die Studenten können hier an sieben Tagen in der Woche arbeiten, wir bieten PCs, WLAN, E-Learning-Plattformen oder E-Tutorials.

Den Bibliotheken geht es also gut?

Südekum: Was ihre Benutzung betrifft – ja, sogar sehr gut. Was ihre Finanzierung angesichts der erwarteten Haushaltsdefizite schon im kommenden Jahr betrifft, bin ich skeptisch. Bibliotheken leisten jedenfalls unglaublich viel, doch immer noch viel zu oft unbeachtet.

Deifel: Politische Entscheidungsträger oder Verwaltungsleute haben meist – Ausnahmen bestätigen die Regel – mit Bibliotheken wenig zu tun. Sie erkennen in der Regel nicht, was Bibliotheken leisten und brauchen. Wenn es finanziell eng wird, kommen die Klischees sehr schnell zu tragen: Ältere verbinden mit der heutigen Gemeindebücherei gerne die Karl-May-Bücher, die sie selbst früher unter der Bettdecke gelesen haben, und kommen dann zu dem Schluss: Für so eine Einrichtung müssen wir nicht allzu viel Geld zur Verfügung stellen. Da liegt es an der Bibliotheksleitung klarzumachen, dass die Bücherei beispielsweise ganz wichtig ist für die Leseförderung und entsprechende Ausstattung braucht.

Deshalb betreiben Sie Lobbyarbeit?

Südekum: Die Lobbyarbeit ist für den Bibliotheksverband ein ganz wichtiges Thema geworden. Immerhin wurden 2008 die Bibliotheken erstmalig überhaupt im Abschlussbericht der Enquetekommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages erwähnt. Der Bericht empfiehlt, Aufgaben und Finanzierung der öffentlichen Bibliotheken in Pflichtgesetzen zu regeln. Leider haben wir in Deutschland immer noch kein Bibliotheksgesetz, das diese Vorschläge übernimmt.

Das was regeln würde?

Südekum: Es würde regeln, dass Bibliotheken als kulturelle Einrichtungen Dienstleister der Bildung sind. Und es könnte ihre Finanzierung auf sichere Beine stellen. Da hakt es natürlich: Es ist niemand bereit, ein Gesetz zu verabschieden, das mit Kosten verbunden ist, deren Träger nicht geklärt sind.

Deifel: Auf kommunaler Ebene gelten Bibliotheken als „freiwillige Leistungen“. Damit kann man also verfahren, wie man möchte. Ihre Existenz steht jederzeit auf dem Spiel.

Machen Sie sich Sorgen um das gedruckte Buch?

Südekum: Wir wissen nicht, was in fünf Jahren sein wird. Im Moment bieten wir als sogenannte Hybridbibliotheken das klassische Angebot der Druckmedien an sowie elektronische Zeitschriften oder auch E-Books, die sehr gut von den Studierenden angenommen werden. Das Gedruckte wird nach meiner Einschätzung seinen Platz neben den neu entstehenden E-Angeboten erhalten können, gerade im Bereich der Belletristik.

Ihr Verband zählt 21 Gründe für gute Bibliotheken auf. Was ist für Sie der wichtigste Grund?

Südekum: Bibliotheken retten Wissen. Die Pflege des Altbestands ist für mich momentan das Dringlichste, weil sie völlig aus dem Blickfeld geraten ist. Bei der Bestandserhaltung haben wir riesige Defizite. Der Mittelbedarf, um den begonnenen Papierzerfall aufzuhalten und unsere Defizite in der Buchrestaurierung zu beseitigen, beläuft sich allein in Bayern auf über 180 Millionen Euro. Wenn hier nicht rasch etwas passiert, erleben wir eine Kulturgutsvernichtung immensen Ausmaßes. Unser kulturelles Gedächtnis zerbröselt, man schätzt, dass in deutschen Bibliotheken 60 Millionen Bücher vom Zerfall bedroht sind. Und noch ein wichtiger Grund für gute Bibliotheken: Sie sind und bleiben für mich ein demokratisches Instrument.

Wie das?

Südekum: Bibliotheken gewährleisten den freien Zugang zur Information. Sie demokratisieren den Zugang zu Wissen. Dafür stehen wir Bibliothekare jedenfalls. Aber dafür brauchen wir auch ein bürger- und wissenschaftsfreundliches Urheberrecht.

Herr Deifel, ihr bester Grund?

Deifel: Das Entscheidende ist für mich die Medienvielfalt. Das Angebot soll den Mediennutzungsgewohnheiten der Bevölkerung entsprechen. Basis ist und bleibt das gedruckte Buch, klassische Büchersammlungen werden bleiben. Aber Hörbücher, DVDs sind nicht mehr wegzudenken. Die Nutzer heute möchten das passende Format für jeden Zweck: zum kurzen Nachschlagen und Suchen das E-Book, zur Unterhaltung das Hörbuch und zum intensiven Studium oder Schmökern das gedruckte Buch.

Bibliothekare

Ralph Deifel (links) leitet seit 1999 die Würzburger Außenstelle der Bayerischen Staatsbibliothek, Abteilung Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen. Dr. Karl Süde-kum, ist Direktor der Unibibliothek.

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