MAINFRANKEN

Glyphosat hat sich mancherorts schon vom Acker gemacht

Union und SPD liegen beim Streit um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat über Kreuz. Unterdessen haben einige unterfränkische Kommunen Glyphosat schon verboten.
Glyphosat
Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist in der EU für fünf weitere Jahre erlaubt. In Unterfranken ist es in einigen Kommunen verboten. Foto: Patrick Pleul, dpa

Nach dem unabgestimmten Ja von Agrarminister Christian Schmidt (CSU) zur Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in der EU könnte die Stimmung in der geschäftsführenden Bundesregierung kaum schlechter sein. Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Schmidt am Dienstag für seinen Alleingang rügte, war in der SPD von „einer schweren Hypothek“ für mögliche Koalitionsverhandlungen die Rede. Unterdessen kündigten die Grünen im bayerischen Landtag für Mittwoch einen Dringlichkeitsantrag an. Darin wollen sie die CSU-Regierung auffordern, sich für ein nationales Verbot von Glyphosat einzusetzen. Einige Kommunen in Mainfranken sind da schon weiter.

So fasste etwa der Stadtrat in Haßfurt bereits vor wenigen Wochen den Beschluss, dass auf den städtischen Ackerflächen das Mittel nicht mehr eingesetzt werden darf. Dabei geht es um gut 50 Hektar, die von Landwirten gepachtet werden. Kontrolliert werde der Beschluss zwar nicht, sagt Dietmar Will vom Bau- und Umweltamt der Stadt. Es reiche aber das Vertrauen in die Bauern, dass sie sich daran halten.

Handarbeit ist gefragt

Mittlerweile hat Will nach eigener Aussage Anfragen von anderen Kommunen – unter anderem aus Hessen – bekommen, die ähnliche Schritte gehen wollen. Will soll ihnen als Formulierungshilfe jenen Antrag von SPD und Grünen schicken, mit denen die beiden Fraktionen im Haßfurter Stadtrat das Glyphosat-Verbot auf den Weg brachten.

Was das Unkraut zum Beispiel auf öffentlichen Grünstreifen oder auf den Friedhöfen angeht, gibt es Will zufolge seit wenigen Tagen eine Dienstanweisung aus dem Rathaus, wonach dafür kein Glyphosat verwendet werden dürfe. Deshalb setzten seine Bauhofkollegen nun auf Handarbeit.

In Bischofsheim (Lkr. Rhön-Grabfeld) ist dies ähnlich. Das Unkraut sei auf diese Weise zwar „schwierig in den Griff zu kriegen“, gibt Bauhofleiter Harald Tratt zu. Doch man habe sich in Bischofsheim schon vor Jahren „aus gesundheitlichen Gründen“ gegen Glyphosat entschieden. In Kürze werde der Bauhof wohl ein Gerät anschaffen, das Unkraut mit 95 Grad heißem Wasser umweltschonend bekämpfe, so Tratt. Auch in Haßfurt hat man sich schon umgeschaut, welche Maschinen es für den Kampf gegen das unerwünschte Grün gibt.

Bauernverband hat „kein Verständnis“

In Gerolzhofen sorgte zu Monatsbeginn das Thema Glyphosat für Wirbel. Im Stadtrat hatte ein CSU-Vertreter einen umfangreichen Antrag der Geo-net-Fraktion auf Glyphosat-Verzicht als Populismus bezeichnet und scharf zurückgewiesen. Das Gremium lehnte den Antrag schließlich ab. In der Sitzung wurde aber bekannt, dass Stadtgärtnerei und Bauhof schon seit fünf Jahren von sich aus auf den Einsatz von giftigen Unkrautvernichtern verzichten. Auch in Zellingen (Lkr. Main-Spessart) tut sich was: Dort gibt es seit wenigen Wochen eine Glyphosat-Arbeitsgruppe, die ein Konzept zum Verbot des Mittels auf Flächen der Marktgemeinde erarbeiten will.

Dem Bayerischen Bauernverband stößt die Diskussion sauer auf. Von „Stimmungsmache auf Kosten der Bauern“ ist hier die Rede. „Kein Verständnis“ habe man, wenn sich nun „einzelne Kommunen und Politiker an der völlig überhitzten Debatte beteiligen, um Schlagzeilen zu generieren und den Einsatz von Glyphosat auf Flächen verbieten, die sich im Eigentum von Kommunen befinden“, erklärte der unterfränkische Bezirksdirektor Wilhelm Böhmer gegenüber dieser Redaktion.

Entscheidend sei „ein unabhängiges und an wissenschaftlichen Grundsätzen ausgerichtetes Bewertungs- und Zulassungswesen“. Mechanische Alternativen zu Glyphosat hätten mehr Arbeit und damit höhere Kosten für den Landwirt zur Folge, die sich in höheren Erzeugerpreisen widerspiegeln müssen, so Böhmer.

Kein Glyphosat auf dem Christbaum

Wenig Verständnis für den Wirbel um Glyphosat hat man scheinbar in Mittelsinn (Lkr. Main-Spessart). Das Dorf ist für die etwa 30 Anbieter von Weihnachtsbäumen bekannt. Uwe Klug ist einer von ihnen. Der Vorsitzende des Vereins „Christbaumdorf Mittelsinn“ verteidigt den Einsatz von Glyphosat. Im Vergleich zur Menge in der klassischen Landwirtschaft verwendeten die Weihnachtsbaumanbauer aber nur ein Fünftel des Mittels – und auch nur zwischen den Baumreihen. Auf die Weihnachtsbäume selbst gelange nichts.

Mit Blick auf die Debatten rund um Glyphosat werde sein Verein „Christbaumdorf Mittelsinn“ demnächst eine Empfehlung an die Anbauer herausgeben, das Mittel nicht mehr einzusetzen. Wie viele Kollegen sich daran halten, könne man freilich nicht sagen, so Klug.

Auch im fränkischen Weinbau macht man sich Gedanken. „Beschleunigt durch die Glyphosat-Diskussion beschäftigen sich immer mehr junge Winzer auch mit ökologischem Weinbau“, heißt es im neuen „Gault Millau“, in dem Deutschlands beste Weingüter sowie Trends beleuchtet werden.

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