SIERSHAHN/EICHENBÜHL

Heibel: „Hochmanipulative Mechanismen“

Seit 25 Jahren lässt Johannes Heibel das Thema „Missbrauch“ nicht los. Nicht etwa, weil der Sozialpädagoge selbst als Kind sexuell missbraucht worden war. Das nicht. Ihm ist eine extreme Demütigung durch einen Kirchenmann widerfahren.

Bei einer Kindermesse in der kleinen Gemeinde Siershahn in Rheinland-Pfalz zog ihn der Kaplan am Ohr durch die Kirche – vor allen Leuten. „Er setzte mich auf seinen Platz. Dort musste ich die ganze Messe über bleiben.“ Der Grund: Der damals neunjährige Messdiener schaute auf seine neue Uhr, weil sein Nachbar nach der Zeit gefragt hat. Johannes Heibel hat die Uhr erst wenige Tage zuvor zu seiner Erstkommunion geschenkt bekommen. Er war stolz. Und erfüllte den Wunsch nur allzu gerne.

Der heute 60-Jährige erzählt dieses unschöne Kindheitserlebnis aus dem Jahr 1964 so, als wäre es eben passiert. Er beschreibt das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht. Auch hinterher. Denn seine Mutter war im Gottesdienst und griff nicht ein. Erst hinterher hat sie ihren Sohn gefragt, was er bloß angestellt hätte. Der banale Anlass ließ sie blass werden. Doch sie verbot ihrem Kind, daheim dem Vater etwas davon zu erzählen, weil er wohl dann den Kaplan zur Rede stellen könnte.

Kirche war eine Institution, eine moralische Instanz. Wer sie hinterfragte oder sogar aus der Kirche austrat, hätte im Dorf kein gutes Leben mehr gehabt.

Ohnmacht, Ausgeliefertsein. Beides habe er noch öfter im Bezug auf seine Erfahrungen mit Religion und Kirche in seiner Kindheit und Jugend erlebt. Und beides sei auch auf den sexuellen Missbrauch übertragbar. „Auch da fühlen sich die Opfer genauso wie ich mich gefühlt habe.“

Gründung einer Initiative

Der Auslöser, sich für Opfer sexuellen Missbrauchs zu engagieren, begann vor 25 Jahren. Eine Freundin seiner Tochter vertraute Heibels Frau an, dass sie sich von einem Lehrer mit Blicken belästigt fühlte. „Von da an hat mich das Thema nicht mehr losgelassen, weil ich gemerkt habe, dass Kinder in diesen Situationen meist keine Ansprechpartner haben, die sie unterstützen.“

1993 gründete Heibel mit 26 Gleichgesinnten die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Der Verein ist bundesweit aktiv. Bald schon kam Johannes Heibel mit Fällen sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich in Berührung. Auch im Bistum Würzburg. Dazu gehört zum Beispiel der jahrelange Missbrauch durch den damaligen Pfarrer W.; diesen Fall hat Heibel im Buch „Der Pfarrer und die Detektive“ (Horlemann, 16,90 Euro) ausführlich dokumentiert.

So ist laut Heibel den Verantwortlichen im Bistum Würzburg seit vielen Jahren bekannt gewesen, dass W. Kinder missbraucht. Mädchen wie Jungen. Zwei der Opfer aus der Gemeinde Eichenbühl im Landkreis Miltenberg (siehe oben stehenden Artikel) haben – als sie längst erwachsen waren – Bischof Friedhelm Hofmann mit ihrem Missbrauch konfrontiert. Anlass für sie ihren Missbrauch öffentlich zu machen, war eine Lesung von Johannes Heibel in Miltenberg. Die Fälle aus Eichenbühl wurden also erst nach Erscheinen des Buches bekannt.

Aufgrund seiner jahrelangen Recherchen in Bezug auf Missbrauch in der Kirche sagt Johannes Heibel: „Bis heute hat sich nichts Wesentliches verändert. Die hochmanipulativen Mechanismen sind geblieben. Die Verantwortlichen wollen immer den Schaden von der Kirche abhalten und sind oft nicht bereit zu kooperieren.“ Heibel stellt Forderungen auf, was die Kirche tun müsste, um Missbrauch durch Priester möglichst zu verhindern. Dazu gehören zum Beispiel „einheitliche, verbindliche Regelungen aller Bistümer für die Vorgehensweise bei einem Verdacht des sexuellen Missbrauchs“.

Die von der Bischofskonferenz verabschiedeten Leitlinien von 2010 und 2013 gehen ihm nicht weit genug. Es müsse mehr Transparenz und Konsequenz geben, so Heibel. Dazu gehöre die „Offenlegung und gründliche Prüfung aller zurückliegenden und gegenwärtigen Verdachtsfälle inklusive der bereits strafrechtlich verfolgten und nach Rom gemeldeten Fälle in allen 27 deutschen Bistümern.“ Und: „Den Betroffenen muss in vollem Umfang Einblick in den Verlauf eines kirchenrechtlichen Verfahrens gewährt werden.“

Langfristige Verantwortung

Als Grund nennt er die Befürchtung, dass „in der Vergangenheit die Schwere von Integritätsverletzungen nicht ernst genug genommen wurde und die erforderlichen strafrechtlichen und disziplinarischen Maßnahmen nicht ergriffen wurden.“ Die notwendigen Konsequenzen müssten in jedem Fall noch erfolgen, unabhängig davon, ob der Fall bereits verjährt ist oder nicht.

Mehr Informationen im Internet: www.initiative-gegen-gewalt.de

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