MÜNCHEN

Herkunft bestimmt Schullaufbahn

Weiterführende Schule: SPD und Grüne fordern das Aus für Übertrittszeugnisse in Bayern. Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Gymnasium? Realschule? Mittelschule? Am Montag haben Bayerns Viertklässler ihre Übertrittszeugnisse bekommen, die mit fixen Notenhürden eindeutige Empfehlungen für die weitere Schullaufbahn geben sollen.

Doch SPD, Grüne und Lehrerverbände kritisieren nicht nur den Druck, der durch die Notengrenzen aus ihrer Sicht zumindest in den Monaten davor auf Schülern, Eltern und Lehrern lastet. Bayerns Schulsystem siebe auch wie kein anderes in Deutschland die Bildungskarrieren der Kinder nach sozialer und regionaler Herkunft aus.

In der Tat sind die regionalen Unterschiede der Übertrittsempfehlungen etwa aufs Gymnasium gewaltig: Während in den oberbayerischen Landkreisen München oder Starnberg mehr als siebzig Prozent der Grundschüler als geeignet fürs Gymnasium eingestuft werden, sind es etwa im oberfränkischen Hof nur 37,3 Prozent. Auch in Unterfranken ist die Spanne groß: Von knapp vierzig Prozent Gymnasialempfehlung in der Stadt Schweinfurt bis zu 57,4 Prozent in der Stadt Würzburg.

„Oberbayern sind sicher nicht intelligenter als Unterfranken.“
Grünen-Bildungsexperte Thomas Gehring zu den Übertrittsquoten

„Scheinobjektiv“ nennt ob dieser weiten Spreizung der Grünen-Bildungsexperte Thomas Gehring das bayerische Auswahlsystem: Zwar behaupte Schulminister Ludwig Spaenle (CSU) immer, jedes Kind bekomme eine „passgenaue“ Empfehlung für den bestmöglichen eigenen Weg durch das vielgliedrige Schulsystem.

Aber: Diese Behauptung widerlege sich durch mehr als 7,5 Prozent Empfehlungsabstand etwa zwischen Oberbayern und Unterfranken selbst, findet Gehring: „Denn Oberbayern sind sicher nicht intelligenter als Unterfranken.“

Vor allem die soziale Herkunft entscheide über die Wahl der weiterführenden Schule, bemängeln die Kritiker – wobei auch geeignete Schüler nicht aufs Gymnasium geschickt würden, während etwa Akademiker-Eltern alle Hebel in Bewegung setzten, um die geforderte Hürde zu überspringen: „Diese Eltern überfordern ihre Kinder teilweise massiv“, hat der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll beobachtet.

Auf dem Land verzichteten manche Eltern trotz Eignung der Kinder aber nicht nur wegen des befürchteten Leistungsdrucks auf das Gymnasium, glaubt der Grüne Gehring: „Auch die Entfernung zur nächsten Schule ist ein Problem.“

Dennoch habe es die CSU-Staatsregierung längst aufgegeben, in strukturschwachen Gebieten neue Gymnasien zu gründen: Von 18 zuletzt neu gebauten oder derzeit geplanten Gymnasien sei etwa kein einziges in Nordbayern, kritisieren die Grünen.

Schulminister Spaenle sieht dagegen in den regional unterschiedlichen Übertrittsquoten kein Problem: „Im durchlässigen bayerischen Schulsystem stehen den Kinder viele Wege offen“, teilt er mit. Die Eltern würden über die möglichen Schullaufbahnen gut informiert und hielten laut einer Umfrage des Ministeriums zu gut drei Vierteln die Übertrittszeugnisse für sinnvoll.

„Übertrittszeugnisse per se zu verteufeln, hilft nicht weiter“, findet auch der Freie-Wähler-MdL Günther Felbinger.

Diese seien gar eine gute Richtschnur, um die Kinder an den weiterführenden Schulen nicht zu überfordern: Denn wichtig sei bei der Schulwahl vor allem, „einen Weg zu finden, mit dem die Kinder ein zufriedenes Leben führen können.“

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