Homosexualität im Unterricht

In Baden-Württemberg wird erbittert über Homosexualität im neuen Bildungsplan debattiert. Das SPD-geführte Kultusministerium in Stuttgart will die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Leitprinzip einarbeiten. Dagegen wendet sich die „Online-Petition“ eines Nagolder Realschullehrers. Die erste Fassung war aufgrund diskriminierender Formulierungen als Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen eingestuft und gelöscht worden. Die zweite Fassung trägt inzwischen an die 90 000 Unterschriften, allerdings aus dem gesamten Bundesgebiet. Zahlreiche Kommentare wenden sich dezidiert gegen Homosexualität und werten sie als „kranke Andersartigkeit“.

Die grün-rote Landesregierung im Südwesten will durch den neuen Bildungsplan mehr Toleranz auch gegenüber sexueller Orientierung an Schulen bringen. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) erklärte auf Twitter: „Diskriminierung darf in unserer vielfältigen Gesellschaft keinen Platz haben.“ CDU-Fraktionschef Peter Hauk hatte sich hinter die Online-Petition gestellt und „Verständnis für die Ängste“ geäußert. Dessen FDP-Kollege Hans-Ulrich Rülke benannte die Familie als „Idealbild“.

Der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Claus Schmiedel, verteidigte den Plan. Es gehe nicht darum, Homosexualität in den Mittelpunkt zu rücken, sondern um den Wertekanon an Schulen: „Toleranz und Respekt auch vor sexueller Orientierung ist ein ganz normaler Vorgang.“ Dass sich CDU-Fraktionschef Peter Hauk ungeachtet der homophoben Einträge pauschal hinter die Petition gestellt habe, sei ein Schritt in die Vergangenheit. „Die CDU wäre gut beraten, es sich genauer anzuschauen, mit wem sie sich solidarisiert“, meint der Sozialdemokrat. „Ein starkes Stück“, kommentiert auch Grünen-Fraktionschefin Edith Sitzmann. Die bundesweite Diskussion um das Coming-Out des Fußballprofis Hitzlsperger zeige ja gerade, wie nötig die Aufwertung des Themas Homosexualität sei.

FDP-Landesvize Rülke bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen. Die Jungen Liberalen (Julis) schäumen. Rülke hatte Grün-Rot kritisiert, dem Thema Homosexualität „zu hohen Stellenwert“ zuzuschreiben. Für die FDP sei die Familie die wichtigste Lebensform. Juli-Chef Sebastian Gratz schämt sich für Rülkes Aussagen, die meilenweit vom neuen Grundsatzprogramm der Liberalen entfernt und deshalb Sand im Getriebe der neuen FDP seien.

Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Doro Moritz, springt Grün-Rot bei. Sie kritisiert die nach wie vor diskriminierende Grundhaltung der Petition. In jeder Klasse seien statistisch gesehen zwei Schüler oder Schülerinnen schwul oder lesbisch. Jedes Kind habe das Recht, in der Schule bei der Identitätsfindung unterstützt zu werden, meint die Gewerkschafterin. „Wer im Zusammenhang mit dem Aufbau von Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt und im Abbau ihrer Diskriminierung von einer 'kompletten sexualpädagogischen Umerziehung' spricht, hat nichts begriffen und lebt in einem früheren Jahrhundert“, sagt Holger Henzler-Hübner vom „Netzwerk der lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgenen, intersexuellen und queeren Menschen“ (LSBTTIQ) im Südwesten.

Die beiden Kirchen in Baden-Württemberg positionieren sich schwammig. Kinder und Jugendliche dürften bei ihrer Suche nach der sexuellen Identität nicht beeinflusst werden, formulieren sie ihre „Kritik am umstrittenen Bildungsplan“. Grundlage müsse das Menschenbild sein, „das der Landesverfassung und den Schulgesetzen zugrunde liegt“. Für den „sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe“ verbiete sich jegliche Ideologisierung und Indoktrinierung. Dass dies durch die Pläne geschehe, behaupten sie nicht direkt, wenden sich gleichzeitig gegen Kritik „in Hetzportalen und diffamierenden Blog-Einträgen.“ Man sei im Gespräch mit der Landesregierung.

Die bayerische Staatsregierung hat keine Pläne, das Thema Homosexualität in der Schule anders zu behandeln als bislang. Das Thema sei bereits laut bisherigem Lehrplan „eingebettet in die Werteerziehung“, sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) am Freitag. „In diesem Zusammenhang sind die Toleranz und der Respekt vor der Würde des Menschen – unabhängig von der Lebensform – zentral“, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.

„Es ist Bayern ein wichtiges Anliegen, die Vielfalt an Lebenswirklichkeiten der Menschen auch im Unterricht und in Schulbüchern mit abzubilden“, hieß es in der Mitteilung. Das sei auch in den Lehrplänen aller Schularten verankert. „Lebenswirklichkeit bezieht sich genauso auf Menschen, die in der traditionellen Familienform leben, wie auch auf Menschen, die sich für andere Lebensformen entschieden haben.“

„Bayern ist in diesem Punkt Entwicklungsland“, kritisierte die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm. Solange das Schimpfwort „schwule Sau“ das häufigste in der Schule sei, herrsche Handlungsbedarf. Die Landtagsgrünen in München fordern einen Aktionsplan gegen Homophobie und eine Verankerung des Themas im Lehrplan. Außerdem müsse es in den Lehrerkollegien einen Ansprechpartner für schwule, lesbische oder bisexuelle Kinder geben.

„Aktuell steht im Lehrplan der 9. und 10. Klasse lediglich die Anweisung, Toleranz gegenüber Homosexuellen zu vermitteln“, bemängelte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll. Das reiche aber nicht und gehe auch in die falsche Richtung. „Es geht um völlige Akzeptanz, nicht um großzügig verordnete Toleranz.“ Mit Informationen von dpa

Homosexualität: Wie man es Kindern erklärt

Will ein Kind wissen, was Homosexualität ist, sollten Eltern ihm ruhig antworten – egal, wie alt der Sohn oder die Tochter ist. „Wenn ein Kind danach fragt, bedeutet das, dass es sich damit gedanklich beschäftigen kann“, erklärt Holger Henzler-Hübner vom Lesben- und Schwulenverband Baden-Württemberg. Die Antwort müsse aber altersangemessen sein. „Ein Sechsjähriger hat dazu andere Fragen als ein 15-Jähriger.“ Ist die Situation passend, können Eltern das Thema auch von sich aus ansprechen, ohne dass das Kind danach fragt. Allerdings sollten sie aufpassen, dass das Gespräch nicht gekünstelt oder verkrampft wirkt. Nach dem Coming-Out des Ex-Fußballprofis Thomas Hitzlsperger ist Homosexualität ein großes Thema in den Medien. Sieht die Familie zum Beispiel gemeinsam einen Fernsehbeitrag darüber, könnten die Eltern anschließend fragen: „Hast du das eigentlich verstanden?“ Ergibt sich das Gespräch nicht von selbst, sollten Eltern es nicht erzwingen. „Nie künstlich herbeiführen.“

Aber wie erklärt man einem Kind nun Homosexualität? „Eltern sollten immer sagen, dass es um Liebe und Beziehung geht. Es geht ja nicht um Sexualität“, sagt Henzler-Hübner. „Liebe und Beziehung: Das versteht auch ein Vierjähriger.“ Oft lernen Kinder Begriffe der Homosexualität als Schimpfwörter kennen. Eltern sollten erklären, dass es Homosexuelle verletzt, wenn man den Begriff als Schimpfwort verunglimpft. Text: dpa

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