WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Keuchhusten breitet sich in der Region aus

Husten
In Unterfranken gibt es in diesem Jahr bereits doppelt so viele Fälle mit Keuchhusten wie 2015. Foto: Angelika Warmuth (dpa)

Es klingt dramatisch: Allein heuer wurden bis zum 24. Oktober bereits 521 Keuchhusten-Fälle (Pertussis) in Unterfranken gemeldet. Im ganzen vergangenen Jahr waren es mit 258 Fällen aber gerade einmal halb so viele. Und für 2014 meldete das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 282 Fälle.

Ministerin ruft zur Impfung auf

Am stärksten sind dem Landesamt zufolge die Keuchhusten-Fälle in Stadt und Landkreis Würzburg, Schweinfurt und Bad Kissingen gestiegen. Gesundheitsministerin Melanie Huml ruft mit Blick auf die bayerischen Zahlen (2085 Fälle, das sind bereits über 500 Patienten mehr als im Vergleichszeitraum 2015) zur Impfung auf. Die Ministerin warnt: „Keuchhusten darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden – und ist auch nicht mit normalem Husten zu vergleichen.“ Die Patienten leiden wochenlang unter heftigen Hustenanfällen. Die häufigste Komplikation ist eine Lungenentzündung. Noch monatelang haben Betroffene bei körperlicher Anstrengung, kalter Luft oder Zigarettenrauch Reizhusten. Fast alle Todesfälle bei Keuchhusten betreffen ungeimpfte Säuglinge unter sechs Monaten.

Nicht auf die leichte Schulter nehmen

Ab dem dritten Lebensmonat sollte mit der Impfung begonnen, mit fünf bis sechs Jahren sollte diese fortgeführt und zwischen neun und 17 Jahren noch einmal aufgefrischt werden, meist in Kombination mit Tetanus und Diphterie. Auch Erwachsene, besonders Eltern und Geschwister, Tagesmütter, Babysitter oder Großeltern sollten die Impfung spätestens vier Wochen vor Geburt eines Kindes auffrischen lassen. „Bei Säuglingen kann der Keuchhusten schnell zum Atemstilstand führen“, warnt Alfred Wohlfeil vom Gesundheitsamt in Schweinfurt.

Erkrankungswelle etwa alle fünf Jahre

Dennoch sollte die Krankheit nicht als Kinderkrankheit abgetan werden, sind sich die Experten einig. Denn mittlerweile sind es vor allem Erwachsene, die erkranken. „Kinder sind in der Regel geimpft“, sagt Alfred Wohlfeil und fügt hinzu, dass die meisten von Keuchhusten betroffenen Patienten im Raum Schweinfurt älter als 16 Jahre sind.

Laut Robert-Koch-Institut lässt der Impfschutz im Laufe der Zeit nach, etwa sieben bis acht Prozent pro Jahr nach der letzten Impfung. Selbst Patienten, die einmal Keuchhusten hatten, sind nicht automatisch ihr Leben lang gegen die Krankheit immun. Daher gehen die Experten davon aus, dass sich die Krankheit niemals völlig ausrotten lässt. „Auch dann nicht, wenn nach einer Erkrankungswelle die Immunitätslücken wieder kleiner werden“, sagt Judith Petschelt vom Robert-Koch-Institut. Ihrer Ansicht nach deuten die ansteigenden Zahlen in Unterfranken möglicherweise eine Erkrankungswelle an, wie sie etwa alle fünf Jahre zyklisch auftritt.

Krankheit ist seit 2013 meldepflichtig

Trotz des scheinbar eindeutigen Trends nach oben in einzelnen Städten und Landkreisen, sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Denn ob ein Keuchhusten-Fall in der Statistik auftaucht, hängt von vielen Faktoren ab. Daneben kommt es darauf an, ob ein Hausarzt seine hustenden Patienten auf Keuchhusten testen lässt oder nicht. Die Krankheit ist erst seit April 2013 bundesweit meldepflichtig. „Es muss sich erst einmal herumsprechen“, sagt Alfred Wohlfeil. „Manche Ärzte lassen alle hustenden Patienten testen, manche überhaupt keine, weil sie es nicht für so wichtig erachten“, fügt Nicole Eberbach, Ärztin beim Gesundheitsamt in Würzburg, hinzu.

Wenn sich in einer Familie oder Schule die Keuchhustenfälle häufen, dann schauen Ärzte auch bei allen anderen Personen in deren Umfeld genau hin, sagt Aleksander Szumilas vom Bayerischen Landesamt. Die Krankheit sei auch nicht immer von typischen Symptomen begleitet. Daher hänge die Diagnose manchmal stark von der Interpretation des jeweiligen Arztes ab.

Keuchhusten-Symptome und das Dilemma mit den Zahlen

Die Krankheit beginnt meist relativ harmlos mit einer leichten Erkältung. Anschließend kommt die Phase eines vier bis sechs Wochen dauernden trockenen Hustens, häufig begleitet von einem keuchenden Geräusch.

Betroffene werden vor allem nachts von krampfartigen minutenlangen Hustenstößen gequält, die manchmal zum Erbrechen führen. Die Patienten leiden unter Appetit- und Schlaflosigkeit.

Vermutet ein Arzt bei jemandem Keuchhusten, so kann er das Sputum (ausgehusteter Auswurf) des Patienten im Labor auf Erreger oder das Blut auf Antikörper testen lassen.

Hat ein Hausarzt einen Verdacht oder das Labor ein Ergebnis, melden sie den Keuchhustenfall dem Gesundheitsamt. Auch Schulen und Kindergärten sind bei Häufungen zur Meldung verpflichtet.

Vom Gesundheitsamt gehen die Zahlen an das Bayerische Landesamt und schließlich zum Robert-Koch-Institut. Aus den manchmal bis um ein Vielfaches höheren Fallzahlen der Gesundheitsämter werden die Fälle herausgefiltert, bei denen der Betroffene neben den typischen Symptomen entweder mit einer von Keuchhusten infizierten Person in Kontakt kam oder ein Labornachweis vorhanden ist.

 

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