NÜRNBERG

Komplexes Kammerspiel: So war der Franken-„Tatort“

Puh! Einen Krimi der emotionalen Härte hatten die Macher angekündigt. Und das war er dann auch, dieser vierte Franken-„Tatort“. Eine Kritik.

Unter dem Titel „Ich töte niemand“ hat das Erste am Sonntagabend den vierten Franken-„Tatort“ ausgestrahlt. Verantwortlich für den Film zeichnete die Crew um Regisseur Max Färberböck und BR-Redakteurin Stephanie Heckner.

Was war der Inhalt?

Während die Mordkommission Franken ausgelassen – inklusive eines erotischen Techtelmechtels der Kommissare Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) – die Einweihung der neuen Wohnung von Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) feiert, werden am Rande von Nürnberg zwei Leichen gefunden. Ein Geschwisterpaar, das aus Libyen stammt, wurde brutal erschlagen. Ahmad Elmahi (Josef Mohamed), der Ziehsohn der beiden, ein „Super-Moslem“, ein hochbegabter und bestens integrierter Student, ist verschwunden. Schnell stellt sich heraus, dass der Anschlag wohl ihm gegolten hat. Ins Visier der Ermittler gerät das Umfeld dreier Jugendlicher, die aufgrund einer Zeugenaussage Ahmads wegen einer Gewalttat im Gefängnis sitzen. Doch zunächst kommen die Kommissare nicht weiter.

Als dann der Polizist Frank Leitner (André Hennicke) völlig überraschend während einer Autofahrt an einer Wechselwirkung von Medikamenten stirbt, gerät Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) an ihre psychischen Grenzen. Der Kollege ist ein guter Freund von ihr, er hatte zuletzt noch versucht, sie zu erreichen.

Das Haar einer Perücke, das im Haus der toten Libyer gefunden wurde, bringt die Fälle zusammen. Gudrun Leitner (Ursula Strauss), die Frau des toten Polizisten, hat die Perücke einst für eine Faschingsveranstaltung gekauft. Das Ehepaar ist im gleichen Sportverein aktiv wie die verurteilten, jugendlichen Gewalttäter.

Derweil wird der trauernde Ahmad in einem dunklen Hinterhofversteck vom muslimischen Schneider Nasem Attalah (Nasser Memarzia) auf Rache eingestimmt. Attalahs Freund Omar (Hadi Khanjanpour) kann bei einer Verfolgungsjagd die Rechten Udolf Rasch (Marko Dyrlich) und Theodor Pflüger (Hansjürgen Hürrig) als Mörder der beiden Libyer ausmachen. Ahmad wird beide daraufhin niederschießen – und sich schließlich selbst richten.

Der Rechtsradikale Pflüger ist der Vater von Gudrun Leitner. Sie erweist sich als Mitwisserin des Anschlags auf die Libyer. Ihr Mann, der Polizist, das wird beim Showdown mit Paula Ringelhahn klar, wollte nicht (mehr?) mitmachen und hatte deshalb versucht, seine Freundin und Kollegin telefonisch zu erreichen. Letztlich bekam Leitner von seiner Frau die tödlichen Medikamente verabreicht. In letzter Sekunde verhindert Felix Voss, dass seine Kollegin mit der Dienstpistole Rache nimmt.

Ist die Geschichte plausibel?

Eher nicht. Aber das muss sie auch nicht, schließlich handelt es sich um Fernsehen. Dennoch: Der Kriminalfall wird viel zu komplex, zu verschachtelt erzählt. Trotz aller Spannung, verliert der Zuschauer den Überblick über die Zusammenhänge, vieles erschließt sich erst beim zweiten Zusehen. Das ist schade, da wäre der eine oder andere Haken weniger mehr gewesen.

Was ist die Philosophie hinter der Gesichte?

Es geht um die Pervertierung von Werten wie Würde und Ehre. Da gleichen sich Rechtsradikale und Islamisten. „Muss denn immer ein Gott für diesen Unsinn stehen“, fragt Voss. Es geht um Freundschaft, um Rache und Verrat. „Gucken Sie nicht so tief in die Dinge hinein, sonst gucken sie zurück“, zitiert Paula ihren Ausbilder in der DDR. „Wir hätten uns viel zu sagen. Egal, woher Sie kommen“, heißt es an anderer Stelle über die Sprachlosigkeit unter den Menschen. Vieles dreht sich um menschliche Abgründe, entsprechend düster hat Regisseur Max Färberböck den Krimi inszeniert. In seinen stärksten Szenen wird er zum beklemmenden Kammerspiel.

Wie agieren die Schauspieler?

Großartig. Dank Färberböck, der als Autor und Regisseur schon des ersten Franken-„Tatorts“ die Charaktere maßgeblich mitentwickelt hat, gewinnen die Kommissare Ringelhahn und Voss an Konturen. Und auch ihr Miteinander nimmt Fahrt auf. Endlich kann die Berlinerin Dagmar Manzel auch im „Tatort“ ausführlich zeigen, warum sie zu den renommiertesten Schauspielerinnen in Deutschland gehört. Die Verzweiflung über die menschlichen Abgründe, über das falsche Spiel mit Begriffen wie Ehre, Würde und Glauben nimmt man Paula ab. Höhepunkt ist der Showdown mit Ursula Strauss in der Schlussszene. Derweil agieren die Franken Eli Wasserscheid, Andreas Leopold Schadt und Matthias Egersdörfer diesmal mehr als sonst im Hintergrund.

Wie Fränkisch war der Franken-„Tatort“ diesmal?

Färberböck zeigt das großstädtische Nürnberg, den Frankenschnellweg, den Quelle-Turm, das Leuchten der Stadt bei Nacht. Ein bisschen Wald ist auch wieder dabei. Für Lokalkolorit sorgen die Aktiven und das Vereinsheim des TSV Katzwang, der im Film zu „Blau-Weiß Traunheim“ wird. Den Hauswart spielt der Nürnberger Kabarettist Roman „Bembers“ Sörgel – natürlich mit breitem Mittelfränkisch.

Woher stammt die Musik?

Der Soundtrack stammt von Richard Ruzicka, der zuletzt unter anderem auch die Musik für den Münchner „Tatort: Hardcore“ komponierte. In beklemmenden Szenen erklingt der Song „So far“ des Isländers Olafurs Arnalds. Das passt.

Fazit

Der vierte Franken-„Tatort“ beeindruckt mit schauspielerischen Höchstleistungen, allen voran von Dagmar Manzel. Leider kann die erzählte Geschichte da nicht mithalten, sie wird trotz bester Absichten, in die menschlichen Abgründe zu gucken, nicht gradlinig genug erzählt.

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