WÜRZBURG

Kritik am Druck in der Grundschule

Für rund 105 000 Viertklässler ist am Freitag ein wegweisender Schultag: Sie erhalten ihre Übertrittsempfehlungen. Diese Bewertungen der Lehrer bilden die Entscheidungsgrundlage über den weiteren Bildungsweg der meist zehnjährigen Schüler. Mittelschule? Realschule? Gymnasium? Wie soll es weitergehen für die Kleinen? In vielen betroffenen Familien birgt diese Frage gehörigen Zündstoff.

Während das bayerische Kultusministerium das vierjährige Grundschulmodell für bewährt hält und für die Übertrittsbewertung eine hohe Akzeptanz der Eltern von 80 Prozent reklamiert, spricht Ursula Walther vom Bayerischen Elternverband von einem „Übertrittstheater“, einer „Augenwischerei“ und „einem Irrweg im Bildungswesen“: Bayern sei das Extrem in Deutschland, „was den Druck in der Grundschule angeht“, sagt Walther im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Man kann doch von einem zehnjährigen Kind noch nicht sagen, wohin es sich entwickeln wird“, so die Verbandssprecherin. Nach einer solch frühen Festlegung, „müssen die Eltern dann das Elend ausbaden“. Sie widerspricht zudem dem Vorurteil, dass die meisten Eltern versuchen würden, mit Gewalt ihr Kind auf das Gymnasium zu bekommen. Richtig sei vielmehr, dass viele Eltern an der Mittelschule für ihre Kinder keine guten Zukunftschancen erkennen. „Eine Imagerettung der Mittelschule wird doch schon seit den 80er Jahren vergeblich versucht. Deshalb gehört die jetzige Schulform abgeschafft“, fordert Walther. Die Alternative sollte ein gemeinsames Lernen bis zur sechsten Klasse sein, anschließend sollten Eltern entscheiden können.

Dieter Janecek, Vorsitzender der bayerischen Grünen, fordert gar eine neunjährige gemeinsame Schulzeit. „Das wäre sinnvoll und ein Schritt, um den Leistungsdruck zu mindern“, sagte er auf Anfrage dieser Zeitung. Er spricht sich zudem dafür aus, dass Eltern die Entscheidungshoheit bei Übertritten haben sollten. „Die Noten in der Grundschule gehören abgeschafft“, so Janecek, der diese absolute Einteilung in Gut und Schlecht für eine Fehlentwicklung hält. Bewertungen sollten individuell in Gesprächen erfolgen „und nicht im Spiegel von Zahlen“.

Andere Bildungspolitiker wie der Landtagsabgeordnete Günther Felbinger (Freie Wähler) aus Gemünden (Lkr. Main-Spessart) halten diese Argumentation für zu einfach: Schließlich würden Eltern mit dazu beitragen, dass der Druck in der vierten Klasse so groß ist. „Jeder will für seine Kinder die bestmögliche Bildungschance und sieht dabei manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Was Felbinger meint: Das Gymnasium sei im bayerischen Bildungssystem keinesfalls „der einzige Königsweg“, so der Landtagsabgeordnete, der früher selbst Lehrer war. „Es gibt über 20 Wege zum Abitur. Manchmal habe ich nur das Gefühl, dass die Eltern um diese vielfältigen Chancen gar nicht wissen.“

Dennoch ist Günther Felbinger über die derzeitige Situation in den Grundschulen nicht erbaut: Jede Probearbeit in der vierten Klasse, auch wenn sie angesagt ist, habe einen Finalcharakter, Felbinger spricht gar von einem „Grundschulabitur“, das in Bayern abgelegt werden müsse. Er würde einen sensibleren Umgang mit den Kindern begrüßen: „Vielleicht wäre es förderlich, die fünften und sechsten Klassen als Orientierungsstufen mit einer flexiblen Wechselmöglichkeit zwischen den Schularten anzusehen“, sagt Felbinger. Eine längere gemeinsame Schulzeit wäre sinnvoll, könne aber nicht isoliert betrachtet werden: „Das hieße nämlich auch, dass wir nicht mehr über G 8 oder G 9 sprechen, sondern über G 6 oder G 7.“ Dies hätte eine Revolution des Schulsystems zur Folge, „aber davor schrecke ich zurück, weil unser Bildungswesen einfach mal Ruhe braucht.“

Viertklässler und der Übertritt

Seit wenigen Jahren bekommt jeder Schüler in der vierten Klasse in Bayern eine sogenannte Übertrittsempfehlung. Vorher musste das Zeugnis beantragt werden, was oft zu Missverständnissen führte, wie der Bayerische Elternverband beklagt.

Laut aktuellem Bildungsbericht von 2012 sind in Bayern die Übertritte aus der vierten Jahrgangsstufe ans Gymnasium angestiegen: Waren es 2007 noch 47 964 Schüler (Quote 37,1 Prozent), waren es drei Jahre später 48 594 (39,5 Prozent). Auf die Realschule wechselten im Jahr 2007 rund 29 000 Schüler (22,3 Prozent), im Jahre 2010 waren es bereits 34 078 (27,7 Prozent). In der Mittelschule sank die Zahl an Übertrittsschülern im gleichen Zeitraum von 50 239 (38,8 Prozent) auf 38 557 (31,3 Prozent). In Unterfranken verzeichnete im Jahr 2010 die Stadt Würzburg die meisten Übertritte aufs Gymnasium (48,8 Prozent), während der Wert im Kreis Schweinfurt am niedrigsten war (31,6 Prozent). Dafür verzeichnete der Kreis Schweinfurt den höchsten Wert an Realschulabgängern (34,2 Prozent), der Landkreis Bad Kissingen verbuchte den höchsten Wert an Mittelschülern (40,4 Prozent). Text: ach

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