ANSBACH

Mann sprengte sich mitten in Ansbach in die Luft

Rucksackbomber Es wäre das erste islamistische Selbstmordattentat in Deutschland, wenn sich der Verdacht nach der Tat in Ansbach bestätigt.
Anschlag in Ansbach
Ermittler der Polizei am Tatort in Ansbach Foto: Daniel Karmann, Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Das heruntergekommene Hotel wirkt wie ein Fremdkörper in dem ansonsten sehr gepflegten Ansbacher Wohnviertel. Das Glas der Laternen mit der Werbung einer Brauerei ist gesprungen, der gelben Leuchtreklame auf dem Dach, die den Hotelnamen trägt, fehlt ein Buchstabe, überall bröckelt der Putz. Touristen steigen hier schon lange nicht mehr ab. Das Gebäude dient als Flüchtlingsunterkunft. Hier in dieser abgelegenen Straße hat er gewohnt, der Attentäter von Ansbach, der sich am späten Sonntagabend vor einem Musikfestival mitten in der Altstadt selbst in die Luft gesprengt hat.

Einen Tag später herrscht eine nur schwer greifbare Stimmung in der Ansbacher Innenstadt. Die engen Gassen zwischen Rathaus und der Stadtpfarrkirche St. Gumbertus sind gesperrt. Überall stehen Polizisten, Absperrbänder flattern zwischen Straßenlaternen und Verkehrsschildern.

Davor stehen Fernsehreporter aus der ganzen Welt. Auf Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch sprechen sie von den Ereignissen der zurückliegenden Nacht. Für viele Jugendliche der Stadt scheint das alles ein großes Abenteuer zu sein: Selfies mit TV-Kameras und Polizisten im Hintergrund sind gefragt. Endlich ist was los. Währenddessen sitzen zahlreiche Ansbacher scheinbar desinteressiert in den Straßencafés.

Unvermittelt vollendet eine Hochzeitsgesellschaft das skurrile Bild vor dem Rathaus und kreiert eine Idylle, die es so an diesem Tag eigentlich gar nicht gibt. Denn im weniger als eine Stunde entfernten Nürnberg spricht Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) das aus, was auch in Ansbach viele Menschen längst glauben: Die Umstände der Tat deuten „schon sehr“ auf einen islamistischen Hintergrund hin, sagt er bei einer Pressekonferenz.

Noch in der Nacht des Anschlags durchsucht ein Sondereinsatzkommando das ehemalige Hotel, in dem der 27-jährige Syrer untergebracht war. Dabei finden sie Material, das zum Bau weiterer Bomben geeignet gewesen wäre, heißt es. Auf einem Laptop und zwei Handys befinden sich zudem islamistische Gewaltvideos und ein Drohvideo des Attentäters selbst, in dem er Rache gegen die Deutschen schwört – weil sie Muslime umbrächten. Er handle im Namen Allahs, sagt der Täter darin.

Wie die Vergeltungstat des Syrers ausgesehen hat, erlebte Thomas Tozybinski hautnah mit. Er hatte am Sonntagabend das Festivalgelände beinahe erreicht, als er die Explosion hörte. „Es war ein lautes Knattergeräusch“, beschreibt der 32-Jährige den Knall. „Plötzlich kamen mir Leute entgegengerannt“, erzählt er der Redaktion weiter. „Viele haben direkt gesagt, dass ein Rucksack explodiert ist. Da war mir klar, dass da keine Gasflasche explodiert ist.“

Noch kein Beleg für islamistischen Hintergrund

Bislang gebe es zwar noch keinen Beleg für einen unmittelbaren Bezug zu islamistischen Organisationen, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) am Mittag in Berlin. Weder eine Verbindung zum internationalen IS-Terrorismus noch eine psychische Störung des Täters seien auszuschließen. Es könne auch eine Kombination aus beidem sein, so de Maiziere. Weit hergeholt ist das nicht. Terrorismusexperten warnen seit Monaten davor, dass gerade psychisch labile Personen ins Beuteschema der IS-Terrormiliz passen, die Einzeltäter im Westen rekrutieren will.

Dass der 27-jährige Syrer in psychiatrischer Behandlung war und als suizidgefährdet eingestuft worden sei, bestätigt Ansbachs Oberbürgermeisterin Carda Seidel, die am Nachmittag ebenfalls vor die Presse tritt. Der Kontakt der Sozialamtsmitarbeiter zu dem Mann sei allerdings „unauffällig“ gewesen, sagt sie und macht einen etwas angestrengten Eindruck.

Wieder rückt ihre Stadt auf grausame Art und Weise ins Blickfeld der Öffentlichkeit: Im September 2009 ein blutiger Amoklauf an einem Gymnasium, im Juli 2015 erschießt ein Amokläufer im nahen Leutershausen zwei Menschen und nun, ziemlich genau ein Jahr später, kommt der Terror nach Mittelfranken.

Dabei hätte der Täter gar nicht mehr in Ansbach sein sollen. Sein Asylantrag sei abgelehnt worden, bestätigt Seidel noch einmal. „Er hat sich nur mit einer Duldung in Deutschland aufgehalten.“ Am 13. Juli sei er zuletzt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aufgefordert worden, „die Bundesrepublik binnen 30 Tagen zu verlassen“. Es war nicht der erste Bescheid dieser Art. Er hätte nach Bulgarien abgeschoben werden sollen.

Durch die Explosion vor dem Eingang des Open-Air-Konzerts sind laut Seidel 15 Menschen verletzt worden, vier davon schwer. In Lebensgefahr schwebe aber niemand. Es bleibt die einzige gute Nachricht an diesem Tag.

"Vorbildliche" Integrationsbemühungen

Denn klar wird auch, dass der mittlerweile abgedroschen wirkende Satz „Absolute Sicherheit gibt es nicht“ zutrifft. 644 Flüchtlinge leben derzeit in Ansbach, verteilt auf zwölf Unterkünfte. Die Integrationsbemühungen seien in ihrer Stadt immer „vorbildlich“ gelaufen, lobt Seidel. Und nun das.

Nach den Ereignissen von Würzburg und München habe die Stadt die Sicherheitsvorkehrungen vor dem „Open Ansbach“-Festival verschärft, betont sie. Zwar sei der Täter am Eingang nur deshalb abgewiesen worden, weil er keine Eintrittskarte für das Festival besessen habe. „Hätte er ein Ticket gehabt, wäre er aber direkt in die Taschenkontrolle gekommen“, beteuert die Oberbürgermeisterin.

Stadtbrandrat Horst Settler ist während der Pressekonferenz im Rathaus die Erleichterung anzumerken. Es sei wichtig gewesen, dass die Räumung des Geländes, auf dem sich zum Tatzeitpunkt rund 2000 Besucher befanden, und die Evakuierung von 35 Anwohnern und Gästen von anliegenden Hotels so schnell über die Bühne gegangen seien.

Als der Täter vor dem Gelände die Bombe in seinem Rucksack zündet, spielt auf der Festival-Bühne Gregor Meyle. Von der Explosion bekommen der Künstler und das Publikum nichts mit. „Etwa zehn Minuten lief die Musik weiter“, so Ute Schlieker, Kulturreferentin der Stadt Ansbach. Doch dann hätten die 150 Rettungskräfte und 260 Feuerwehrleute die Menschen „sehr geordnet und sehr ruhig“ in Sicherheit gebracht und betreut.

„Heutzutage müssen wir schneller sein als Twitter oder Facebook“, sagt Stadtbrandrat Settler. Man habe erst am Freitag in München gesehen, wie schnell sich in den sozialen Netzwerken unwahre Gerüchte verbreiten und Panik losbreche. Besonders ärgert sich Settler in diesem Zusammenhang darüber, dass Unbekannte in der Nacht an anderen Stellen in der Stadt Böller gezündet haben.

Thomas Tozybinski, hofft, dass die Stimmung in seiner Stadt jetzt nicht kippt. „Ich habe Angst, dass nun alle Flüchtlinge über einen Kamm geschoren werden“, so der Augenzeuge des Anschlags. „Hier muss weiter jeder respektiert werden und willkommen sein – solange er auch unsere Regeln respektiert“, sagt er.

Auch Oberbürgermeisterin Seidel glaubt weiter, „das wirksamste Mittel gegen Gewalt und Radikalisierung ist Integration“. Man müsse nun mit „Augenmaß“ mit der Situation umgehen. Aber: „Wenn Flüchtlinge auffällig oder straffällig werden, sollte man darüber nachdenken, ob man nicht stringenter vorgehen könnte.“ Doch das sei Sache der Bundespolitik, nicht der Kommunen.

Prompt reagiert der Bundesinnenminister. De Maiziere erklärt noch am Montag, er wolle mit seinen Amtskollegen in den Ländern über mögliche Schussfolgerungen beraten. Die Bundespolizei werde ihre Präsenz an Flughäfen und Bahnhöfen sichtbar verstärken. Zudem werde im Grenzbereich das Instrument der Schleierfahndung angewandt.

Seidel will mit der Polizei nun die Gefahrenlage analysieren. Ergebnis: offen. Kurzfristige Maßnahmen sind dabei allerdings wohl nicht zu erwarten. Derzeit steht keine neue Großveranstaltung in Ansbach an. Und auch vor den Flüchtlingsunterkünften in der Stadt plant Seidel keine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen.

Vor dem heruntergekommenen Hotel, in dem der Attentäter wohnte, stehen am Montag dennoch mehrere Polizisten.

Bereits 2009 gab es einen Amoklauf in Ansbach

In jüngerer Geschichte war die mittelfränkische Bezirkshauptstadt schon einmal Schauplatz eines Amoklaufs: Im September 2009 drang ein 18-jähriger Schüler mit einem Beil, vier Messern und fünf Molotowcocktails in sein Gymnasium ein. Er verletzte zwei Mädchen schwer, sechs weitere Schüler sowie ein Lehrer erlitten leichte Verletzungen. Die Polizei konnte den Täter mit Schüssen in den Oberkörper stoppen. Das Gymnasium mit seinen 700 Schülern war evakuiert worden, die Kinder und Jugendlichen wurden von Psychologen und Notfallseelsorgern betreut.

Der Täter ging in die 13. Klasse, der damalige Schulleiter Franz Stark sagte, „er war ein guter Schüler, der Abitur anstrebte“. Im Gerichtsverfahren attestiert ein Psychologe dem 18-Jährigen eine schizoide Persönlichkeitsstörung, der Schüler habe unter einer emotionalen Kälte sowie Ausgrenzung gelitten. Er erhielt eine Strafe von neun Jahren Haft.

Der berühmteste Bewohner Ansbachs war der Findling Kaspar Hauser. 1831 nahm er in Ansbach eine Stelle als Gerichtsschreiber an. Nur zwei Jahre später starb er – wenige Tage nach einer angeblichen Messerattacke im Hofgarten. Hauser-Experten glauben jedoch, dass sich Hauser selbst ein Messer in die Brust gestoßen hat. Ein Täter wurde nie gefunden. ach/dpa

Anschlag in Ansbach
Spezialkräfte sperren in Ansbach die Zufahrt zu einem Flüchtlingsheim, in dem der 27-Jährige gewohnt haben soll. Foto: A3609/_Daniel Karmann (dpa)
Bombenanschlag in Ansbach
Ein Polizist bückt sich nach dem Rucksack des Syrers. Foto: A3609/_Daniel Karmann (dpa)
Explosion in Ansbach
Rettungssanitäter in der Nacht auf dem Schlossplatz von Ansbach. Foto: A3609/_Daniel Karmann (dpa)
Anschlag in Ansbach
Die Oberbürgermeisterin von Ansbach, Carda Seidel Foto: A3542/_Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

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