WÜRZBURG

Masern und Keuchhusten: Unterfranken hat ein Problem

Keuchhusten-Fälle haben sich 2017 verdreifacht
Ein Impfbuch mit markierten Feldern Diphterie (l-r), Tetanus (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten), Polio und Masern. Foto: Daniel Karmann (dpa)

Der Herdenschutz funktioniert einfach nicht. Zwar sind die Impfraten in den vergangenen Jahren auch in Unterfranken erheblich gestiegen, doch die letzten entscheidenden Prozentpunkte fehlen. Und während Gesundheitsexperten aus Politik und Ärzteschaft sich redlich mit Präventionsarbeit und der Formulierung von Zielsetzungen abmühen, läuten im Bundesland regelmäßig die Alarmglocken, muss Gesundheitsministerin Melanie Huml immer wieder öffentlich zu Impfungen aufrufen. So auch im vergangenen Jahr, als sich die Zahl der an Masern erkrankten Menschen zum Vorjahreszeitraum verdoppelt hatte.

Unterfranken trauriger Spitzenreiter

Bayern hat ein Problem, was Masern und Keuchhusten angeht – und Unterfranken steckt mittendrin im Dilemma. Mehr noch, ist sogar trauriger Spitzenreiter. Kein anderer Regierungsbezirk hatte 2017 mehr Fälle Keuchhusten pro 100 000 Einwohner zu verzeichnen. 820 Meldungen sind bei den Gesundheitsämtern eingegangen. Bei der als höchst gefährlich eingestuften Kinderkrankheit Masern rangierte Unterfranken laut Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 2017 mit elf Fällen ebenfalls an der Spitze.

Eine Woche lang dreht sich seit diesem Montag in Bayerns Gesundheitsämtern und Arztpraxen und Apotheken bei der 5. Bayerischen Impfwoche nun wieder alles rund ums Thema Impfen und Impfaufklärung. Und es geht um mehr als Masern und Keuchhusten: Windpocken, Gebärmutterhalskrebs, Grippe, Zecken und viele andere vermeidbare Krankheiten. Im Fokus in diesem Jahr: Junge Familien.

Persönliche Aufklärung wichtig

Ob die seit Jahren generalstabsmäßige Aufklärungsaktion der Staatsregierung inklusive Kinospots, Flyer, Broschüren und Aktionen vor Ort diesmal besser fruchten, daran zweifelt der unterfränkische Sprecher des Bayerischen Verbandes Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Jürgen Marseille. „Die Eltern wollen persönlich vom Arzt aufgeklärt werden. Flyer oder Broschüren bringen da gar nichts.“

Über 7000 Patienten hat der erfahrene Kinder- und Jugendarzt schon in seiner Praxis in Röttingen im Landkreis Würzburg behandelt. Die Impfrate bei ihm sei äußerst zufriedenstellend, allerdings würden sich Landpraxen da auch von Praxen in der Stadt unterscheiden, zudem sei die Durchimpfungsrate auch stark von der Region abhängig. So seien die Impfraten bei Masern im südlichen Teil Bayerns und vor allem um München herum extrem niedrig.

Gefährliche Nachlässigkeit

Ausbrüche sind häufig genau dort zu beobachten. Warum das so ist, könne man nicht wirklich sagen. „Man vermutet, dass es etwas mit dem Bildungsgrad zu tun hat. Höher Gebildete hinterfragen mehr, sind skeptischer. Viele Impfgegner wollen sich schlicht auch einfach nichts vorschreiben lassen“, so Marseille. Dabei gehören Masern zu den ansteckendsten Viruskrankheiten. Weltweit sind sie eine führende Todesursache bei Kindern. 2003 starben weltweit mehr als eine halbe Million Menschen an Masern

Was die Erfahrung laut Kinderarzt Marseille zeigt: Die fehlenden fünf Prozent für eine komplette Durchimpfungsrate in Deutschland und damit einer Ausrottung der Masern sind nicht ausschließlich auf Impfverweigerer zurückzuführen. Das sei nur ein sehr geringer Anteil. Da zu kämpfen, lohne fast nicht, denn mit Argumenten aus medizinischer Sicht sei da nichts zu machen. Insgesamt acht Kinder hat Jürgen Marseille im Patientenstamm, deren Eltern jegliche Impfung verweigert haben. Ab 16 Jahren dürfen Jugendliche selbst entscheiden, ob sie geimpft werden wollen oder nicht. Das Hauptproblem beim Impfen aus Marseilles Sicht: „Da wird einfach zuviel verschlumpft.“

Kinderärzte klären auf

Insofern verstehe er den diesjährigen Schwerpunkt der Impfwoche, Aufklärung junger Familien, nicht so ganz. „Das sind doch genau die, die über die Früherkennungsuntersuchungen ganz pünktlich auf der Matte stehen und im Rahmen dieser Untersuchung ja auch automatisch über anstehende Impfungen aufgeklärt werden und beraten werden.“

Auch im Bereich der Prävention vor und direkt nach einer Geburt läuft es aus seiner Sicht bereits sehr gut. „Die meisten Kinderärzte greifen sich automatisch auch die Eltern, fragen nach deren Impfstatus und dem der nahen Kontaktpersonen des Kindes und klären über die große Ansteckungsgefahr bei Säuglingen auf.“ Auch Gynäkologen und Gynäkologinnen seien größtenteils vorbildlich am Bau eines Schutz-Netzes beteiligt.

Säuglinge schutzlos

Viel wichtiger sei es, all jene Erwachsene zu erreichen, denen das Wohl der Allgemeinheit bislang egal gewesen sei. Oder die aus Unwissenheit heraus handelten, wenn sie sich nicht impfen ließen und dabei nicht nur eine schwere Erkrankung bei sich riskierten, sondern auch bei anderen. Das Risiko, einen ungeschützten Säugling mit Masern oder Keuchhusten anzustecken, ist hoch. Vielen aber eben nicht bewusst. Junge Erwachse, so heißt es auch vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, gingen selten zum Arzt, fallen insofern raus aus einer regelmäßigen Impfkontrolle.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben 2016 zwar erstmals alle Bundesländer bei der ersten Masernimpfung die Quote von 95 Prozent erreicht. Bei der entscheidenden zweiten Impfung ist die Quote aber bei Kindern bis zum Schulanfang nur geringfügig auf 92,9 Prozent gestiegen. Die aktuelle Impfquote in Unterfranken liegt bei 97 Prozent für die erste Impfung und 93,6 Prozent für die zweite.

Dass mittlerweile eine Impf-Aufklärungspflicht bestehe, bevor Kinder in eine Kita gehen, hält Kinderarzt Marseille für sinnvoll. „Noch besser wäre allerdings eine Impfpflicht im Sinne der Durchsetzung von Konsequenzen, eben dass ein ungeimpftes Kind nicht in eine Kita darf.“ Eine gesetzliche Impfpflicht, die ins Sorgerecht der Eltern eingreifen würde, befürwortet Marseille indes nicht.

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