ERLANGEN

Medizintechnik: Museum gibt viele Einblicke

Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte 1895 die Röntgenstrahlung. In Erlangen gibt es nun von Siemens ein Museum für Medizintechnik. Von Hörhilfen in der Tasche bis hin zum Computertomografen.
Schichten und Schnitte: In dünnen Schichten bildet die Computertomografie das Körperinnere ab. Im Siemens-Museum für Medizintechnik in Erlangen sind Originalgeräte ausgestellt – und viel Wissen rund um die Bildgebung. Für den Laien gilt die Unterscheidung: Im Computertomografen gibt es Strahlung, im Magnetresonanztomografen nicht.
Schichten und Schnitte: In dünnen Schichten bildet die Computertomografie das Körperinnere ab. Im Siemens-Museum für Medizintechnik in Erlangen sind Originalgeräte ausgestellt – und viel Wissen rund um die Bildgebung. Für den Laien gilt die Unterscheidung: Im Computertomografen gibt es Strahlung, im Magnetresonanztomografen nicht. Foto: Siemens AG

In den lebenden menschlichen Körper hineinzuschauen – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das ein undenkbares Unterfangen. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte die nach ihm benannte Strahlung Ende 1895. Erste Aufnahmen schickte er Kollegen als Neujahrsgruß, darunter ein Bild der Hand seiner Frau Bertha, auf denen die Knochen ebenso zu sehen waren wie der Schmuck am Ringfinger. Anfänglich wurde die neu entdeckte Strahlung noch bestaunt, schon bald aber auch für medizinische Zwecke nutzbar gemacht.

Als eine der ersten Firmen, die Röntgenröhren und andere elektromedizinische Geräte herstellten, gilt die Erlanger Firma Reiniger, Gebbert und Schall in Deutschland, die später in der Medizintechnik-Sparte von Siemens aufging. Beim „Reiniger“ bestellte Röntgen damals seine Röhren, nicht ohne in den Briefen vorsorglich nach einem Rabatt zu fragen, da „Ihre Röhren in der That sehr gut, aber für meine Verhältnisse zu theuer“ sind.

Mehr als ein Jahrhundert später hat der Siemens-Konzern nun in Erlangen, seinem Zentrum für Medizintechnik, in einer ehemaligen Fabrikhalle von Reiniger, Gebbert und Schall ein Medizintechnikmuseum eröffnet. Es zeigt die Geschichte der Medizintechnik seit ihren Anfängen ebenso wie zahlreiche Original-Exponate und Geräte, darunter die ersten Ultraschallsysteme, Computertomografen und Magnetresonanztomografen von Siemens. Wie stellt man einen so gewaltigen Themenbereich auf gerade mal 400 Quadratmetern Fläche dar – noch dazu mit Exponaten, die schon für sich ein halbes Zimmer ausfüllen? Museumsleiterin Doris-Maria Vittinghoff beschrieb es bei der Eröffnung so: „Wir präsentieren keine tote Technik, sondern wir lassen Pioniere und Produkte zu Wort kommen.“

An die Leuchtschirme der Ärzte in den Krankenhäusern angelehnt, präsentieren leuchtende Tafeln die Begründer der Röntgentechnik ebenso wie ihre Opfer. Denn die neue Strahlung, die anfänglich „X-Strahlung“ genannt wurde, fügte bei langer Anwendung ihren Opfern regelrechte Röntgenverbrennungen zu.

Zahlreiche Forscher, Ärzte und Röntgenassistentinnen verletzten sich schwer oder starben an der Strahlenkrankheit, bis man herausgefunden hatte, wie man sich vor der energiereichen Strahlung schützt. Ihrer Namen wird in Hamburg auf einer Stele gedacht; ein Foto davon ist in Erlangen zu sehen. Ein trauriges Kapitel einer neuen, damals noch nicht ausreichend erforschten Technik, die den Menschen aber auch viel Segen gebracht hat. Präzise Bilder von gebrochenen Knochen und Tumoren, Darstellungen von Gefäßen – sie sind Weiterentwicklungen der damaligen Technik.

Die neuere Forschung geht inzwischen dahin, die klinischen Bilder verschiedener Gerätearten zu überlagern – das ermöglicht noch präzisere diagnostische Aussagen. Immer mehr wird daran gearbeitet, mit der Bildgebung auch den Fortschritt der Therapie zu kontrollieren, um diese umso genauer auf den Patienten zuzuschneiden. Zudem werden die Geräte immer schonender und schneller. So ist eine Aufnahme des Herzens heute in weniger als einer Viertelsekunde möglich, die Strahlenbelastung liegt nur noch bei 0,42 Millisievert, wie Siemens-Kundenbetreuer Wolfgang Merkel berichtet. Diese Schnelligkeit ist kein Selbstzweck, sondern kann für den Patienten nach einem schweren Unfall oder einem Infarkt lebensrettend sein.

Das Museum streift aber auch andere Produkte der Medizintechnik, die von Siemens entwickelt und auf den Markt gebracht wurden, darunter das „Phonophor“, das erste elektrische Siemens-Hörgerät von 1913. Es ist auch in einer speziellen Ausführung für Damen, integriert in eine Handtasche, zu sehen.

Aber auch dunkle Kapitel der Firmengeschichte werden nicht verschwiegen wie der Einsatz von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit oder die Gleichschaltung der Belegschaft in der Deutschen Arbeitsfront. Auch die Zwangssterilisierung von KZ-Insassen mittels Röntgenstrahlung wird im Museum dargestellt. 7200 Menschen hat der SS-Arzt Horst Schumann in Auschwitz auf diese Weise misshandelt. Die meisten von ihnen starben entweder am Schock, den Röntgenverbrennungen oder weiteren grausamen Operationen. Das sind bedrückende Fakten, die aber in ein Museum gehören, das sich einer Technik widmet, die dem Menschen immer Fluch und Segen zugleich war.

„Eine CT-Aufnahme des Herzens ist heute in unter einer Viertelsekunde möglich.“
Wolfgang Merkel, Siemens-Kundenbetreuung in Erlangen
Röntgenbild: Die Hand von Albert von Koelikers. Aufgenommen hat sie Wilhelm Conrad Röntgen am 23. Januar 1896.
Röntgenbild: Die Hand von Albert von Koelikers. Aufgenommen hat sie Wilhelm Conrad Röntgen am 23. Januar 1896. Foto: Wikipedia
Vergangenheit: Diese Röntgenanlage von Friedrich Dessauer (rechts) war ab 1902 bei Dr. Joseph Kolb in Neuötting am Inn im Einsatz.
Vergangenheit: Diese Röntgenanlage von Friedrich Dessauer (rechts) war ab 1902 bei Dr. Joseph Kolb in Neuötting am Inn im Einsatz.
So entsteht ein MRT-Gerät: Das Bild zeigt das Löten in der Gradientenfertigung. Diese Arbeit erfordert neben Fachkenntnissen eine ruhige Hand und viel Augenmaß.
So entsteht ein MRT-Gerät: Das Bild zeigt das Löten in der Gradientenfertigung. Diese Arbeit erfordert neben Fachkenntnissen eine ruhige Hand und viel Augenmaß.

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