REGENSBURG

Mollath: „Ich rechne mit allem“

Gefährlich oder nicht? Gustl Mollath kämpft um die Wiederherstellung seines Rufs. Foto: Peter Kneffel, dpa

Es hat schon viel Theater um Gustl Mollath gegeben, bevor am Montag das Wiederaufnahmeverfahren am Landgericht Regensburg startet: Nach seiner überraschenden Freilassung vor einem Jahr aus der Psychiatrie wuchs der rebellische 57-Jährige in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in die Rolle als Justizopfer. Als solches war er in Podiumsdiskussionen, Talkshows, Interviews zu sehen – und auf der Bühne.

Das Mainfrankentheater in Würzburg hatte kürzlich Premiere für das Stück „Mollath, Neues von der bayerischen Justiz“ – ein beklemmendes Schauspiel um ein Komplott von Politik, Justiz, Psychiatrie und eine Bank. Ein Schauspieler wurde als Mollath immer wütender, hilfloser. Ein gepanzerter Polizist überwältigte ihn, ein Psychiater versicherte: „Herr Mollath, gegen das System kommen Sie nicht an!“

An der Stelle schüttelte ein Zuschauer in Reihe drei den Kopf – ob verneinend oder aus Fassungslosigkeit, war nicht ganz klar: Der echte Mollath hatte sich ins Publikum gemischt, um als Zuschauer auf die Bühne und sein eigenes Leben zu blicken. Angespannt wirkte er, ergriffen davon, dass er es sogar ins Theater geschafft hat – und ganz und gar nicht sprachlos: „Ich hoffe nach wie vor, dass sich in meiner Sache alles zum Guten wendet“, sagte er mit Blick auf den Prozess zu Besuchern, die ihn umringten wie einen Volkshelden.

Der 57-Jährige mit dem bleistiftdünnen Bart, den stechenden Augen und dem sanften Nürnberger Dialekt gibt inzwischen Interviews professioneller als mancher Oppositionspolitiker. Mag sein, dass ihm sein Anwalt Gerhard Strate – ein gewiefter Prozesstaktiker – für den Prozess geraten hat, zu schweigen. Aber 40 Medienvertreter im Gerichtssaal fangen jeden Blick, jede Geste, jedes Tuscheln ein – und ebenso viele, die keinen Platz bekommen haben, werden jedem Beteiligten vor Betreten des Gerichtssaales besonders eifrig ihr Mikro unter die Nase halten. „Ich rechne mit allem und sehe noch nicht, wie sich die bayerische Justiz um 180 Grad zur wirklichen Wahrheitsfindung wendet, ich hoffe darauf und wünsche es mir,“ sagte er bei der Theaterpremiere.

Viel Rummel ist nun in dem prestigeträchtigen Prozess zu erwarten, in dem nicht nur Gustl Mollath um die Wiederherstellung seines Rufes kämpft. Für die Richter geht es auch darum, das angekratzte Image der Justiz nicht weiter zu beschädigen. Sie stehen vor einer Mammutaufgabe, Antworten auf heikle Fragen zu finden: Geschah Mollath Unrecht? Haben sich Justiz und Psychiatrie willfährig vor einen Karren spannen lassen? Welche Rolle spielte seine Frau – und Mollaths Attacken gegen ihre Schwarzgeld-Geschäfte bei einer Bank? Oder ging seine beharrliche Starrköpfigkeit doch über die Grenze des Tolerierbaren hinaus?

Man hat sich aufwändig vorbereitet für den Prozess, in dem 17 Verhandlungstage angesetzt sind und 44 Zeugen gehört werden sollen. Das juristische Ritual verlangt es, dass Mollath sich zu Beginn noch einmal die Vorwürfe anhören muss, die schon 2006 Gegenstand des Verfahrens waren: Seine Frau – die wieder Nebenklägerin ist – hatte ihn beschuldigt, sie misshandelt zu haben. Vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth war er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen worden. Die Richter wiesen ihn unter zweifelhaften Umständen in die Psychiatrie ein. 2013 kam er frei.

Einen Schuldspruch muss er nun nicht fürchten, im Strafprozess gilt ein Verschlechterungsverbot. Aber der Gutachter Norbert Nedopil soll Auskunft geben, ob Mollath gefährlich war und vielleicht noch ist. Am Ende könnte (theoretisch) auch die neuerliche Einweisung stehen.

Wenn sich Mollath überlegt, was er zur Sache sagen will, erinnert er sich vielleicht an den Theaterabend in Würzburg. Da wurde vor dem Mollath-Stück William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ gezeigt – ein Schauspiel über das Unrecht, das einem Menschen widerfährt. Später wurde Mollath gefragt, ob es ihn nicht in den Fingern jucke, aus Shakespeares Stück im Gerichtssaal zu zitieren – vielleicht Shylocks zynisches Lob: „Oh, Ihr höchst gerechter Richter“. Der Gedanke schien ihm zu gefallen: „Da gäbe es manches, was man sagen könnte.“

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