ASCHAFFENBURG

Neue Idee: Naturwald-Verbund statt Nationalpark im Spessart?

In den geschützten Waldstücken im Spessart dürfe kein Holz genutzt werden, damit sich langfristig die „Urwälder von morgen“ entwickeln, in denen Bäume alt und dick werden und bedrohte Waldarten dauerhaft überleben, so der BN-Waldreferent Dr. Ralf Straußberger bei der Vorstellung des Konzeptes. Hier ein Symboldbild aus dem Bereich Lohr. Foto: Johannes Ungemach

Der Paukenschlag fiel bereits am 18. Juli: An diesem Tag beschloss die Bayerische Staatsregierung, nach wochenlangen Auseinandersetzungen zwischen Nationalpark-Gegnern und Befürwortern, den Spessart als Option für einen dritten Nationalpark in Bayern auszuschließen. Gleichzeitig versprach sie, „weitere substanzielle Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes sowie für den Naturtourismus“ zu ergreifen.

Darauf berufen sich jetzt die Naturschutzverbände BUND Naturschutz (BN), Landesbund für Vogelschutz (LBV), Greenpeace Bayern, WWF Deutschland, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und die „Freunde des Spessarts“. Gemeinsam haben sie ein landkreisübergreifendes Konzept erarbeitet, das alle Interessen unter einen Hut bringen soll. Ihr Ziel: Keine Grabenkämpfe mehr, sondern Kompromisse.

Kein großer Nationalpark soll es deshalb sein, sondern ein Verbund einzelner über den gesamten bayerischen Spessart verteilten Naturwaldflächen: insgesamt 4400 Hektar im Landkreis Aschaffenburg, 3300 im Landkreis Main-Spessart und 900 im Landkreis Miltenberg, erläutert Heidi Wright von der Bürgerbewegung „Freunde des Spessarts“. Die knapp 9000 Hektar Staatswald sollen in einem Biotopverbund aus Naturwaldflächen dauerhaft geschützt werden. Dafür wurden sämtliche biologisch wertvollen Flächen identifiziert und auf einer Karte zusammengetragen.

Auch Spessarteichen im Blick

„Das von uns vorgeschlagene Wald-Konzept garantiert auf großen Wirtschaftswaldflächen weiterhin die Nutzung des Rohstoffes Holz“, sagt Erwin Scheiner, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Main-Spessart auf der Pressekonferenz in Aschaffenburg. Niemand solle aus dem Wald ausgesperrt, an der Brennholzsuche oder am Pilze sammeln gehindert werden. Auch die Pflege und Ernte der wertvollen Spessarteichen sei in dem dezentralen Waldschutzkonzept garantiert, sagt Sebastian Schönauer vom BN Bayern. Mit diesen Argumenten treten die Naturschützer im Vorfeld möglichen Befürchtungen entgegen, die die Nationalpark-Debatte bestimmt hatten.

In den geschützten Waldstücken dürfe kein Holz genutzt werden, damit sich langfristig die „Urwälder von morgen“ entwickeln, in denen Bäume alt und dick werden und bedrohte Waldarten dauerhaft überleben, so der BN-Waldreferent Dr. Ralf Straußberger, Er hält nichts davon, kleine Schutzgebiete von 50 Hektar auszuweisen, denn auch dort würden anspruchsvolle Waldarten mit der Zeit aussterben.

Das Konzept der Naturschützer baut deshalb auf drei Säulen auf: einem über 3000 Hektar großen Kerngebiet, das durch einige kleinere Naturwaldflächen beziehungsweise Trittsteine sowie mehrere mittelgroße Spenderflächen ergänzt wird. Letztere sind in der Lage, Tier- Pilz- und Pflanzenarten an ihre Umgebung zu spenden.

Das Ziel, so Schönauer, sei, Buchen nicht nach der Hälfte ihrer Lebenszeit abzuernten, sondern die Bäume 300 oder 400 Jahre alt werden zu lassen. Je älter der Wald, desto höher die Artendichte, ergänzt Hartwig Brönner, Vorsitzender der LBV-Kreisgruppe Main-Spessart. Denn die alten Bäume dienen vielen Höhlenbrütern (wie dem in Deutschland hoch gefährdeten Halsbandschnäpper), Pilzen oder Käfern als Lebensraum.

Ziel: Weltnaturerbe-Titel

Langfristig werde es sicher weniger Einnahmen im Staatsforst geben, räumen die Naturschützer ein. Doch sie liebäugeln bereits mit einer Bewerbung des Spessarts als „Weltnaturerbe“. Die Chancen stünden gut, denn der Anteil des Spessarts an den als „wertvoll“ geltenden Wäldern in Bayern (dazu zählt über 160 Jahre alter Laubwald) nimmt 22 Prozent ein. Gut erhaltene Rotbuchenwälder gelten aus europäischer Sicht ohnehin als schützenswert, so Martin Niedermaier von Greenpeace Bayern. Der Spessart seit allein deshalb schon etwas ganz Besonderes. Denn er beheimatet ganze 6700 Hektar Buchenwaldfläche. Mit dem Titel „Weltnaturerbe“ stünde der „Räuberwald mit seinen wilden Wäldern“ auf einer Stufe mit Yellowstone oder dem Serengeti-Nationalpark, so Straußberger. Das würde sich touristisch auszahlen.

Detlev Drenckhahn vom WWF Deutschland sagt: „Bayern kann sich nicht von den internationalen Verpflichtungen verabschieden, die Deutschland mit dem Klimaabkommen oder zur Erhaltung der biologischen Vielfalt eingegangen ist.“ Wenn also schon kein Nationalpark, dann zumindest eine Alternative, die den von der Staatsregierung geforderten Natur- und Artenschutz voranbringt, argumentieren die Verbände.

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