BAMBERG/MÜNCHEN

Neuer Franken-"Tatort": Starke Szenen und einige Klischees

Franken-Tatort
Angespannte Stimmung in der Flüchtlingsunterkunft: Said Gashi (Yasin El Harrouk, von links) vermittelt Basem Hemidi (Mohammed Issa) und dem undercover arbeitenden Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) Arbeit. Foto: Bernd Schuller, BR

Als Redakteurin Stephanie Heckner und Autor Holger Karsten Schmidt („Mord in Eberswalde“) Ende 2014 begannen, am Drehbuch für den dritten Franken-„Tatort“ zu arbeiten, konnten sie nicht ahnen, wie sehr das Thema Flüchtlinge im Lauf der kommenden Jahre Fahrt aufnimmt. Wenn das Erste den Krimi am Sonntag, 9. April, um 20.15 Uhr ausstrahlt, kommt er ziemlich aktuell daher.

Die Kommissare ermitteln nach einem Brandanschlag auf eine Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Bamberg, bei dem die Kamerunerin Neyla Mafany (Dayan Kodua) ums Leben gekommen ist. Sie hat sich nicht aus einem Vorratsraum befreien können. Hat jemand die Situation ausgenutzt und die Tür von innen verriegelt? Gibt es zwei Täter, einen in der GU und einen, der den Brandsatz geworfen hat? Die Bewohner haben Angst, keiner macht eine Aussage.

Voss schleicht sich in die GU ein

Schnell entwickeln die Ermittler um Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) die Idee, ihren Kollegen Felix Voss (Fabian Hinrichs), der gerade zurück vom Familienurlaub im Kaukasus kommt, als vermeintlichen Flüchtling aus Tschetschenien verdeckt ermitteln zu lassen. Als Erso Maschadow zieht Voss in die GU ein. Schnell gewinnt er Freunde, Nähe entwickelt er zum traumatisierten jungen Syrer Basem (Mohammed Issa).

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Drehort 3. Franken-Tatort

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In diesen Momenten, wenn Bassem dem väterlichen Freund seine Fluchtgeschichte erzählt, die Leiden der Familie in Syrien, seine Hoffnung, in Deutschland den geliebten Bruder wieder zu treffen, dann ist dieser „Tatort“ ganz stark. Auch andere Schicksale werden nahbar erzählt. Spürbar die Enge, in der die Flüchtlinge leben, in Stockbetten ohne Privatsphäre. Der Film zeigt auch, wie zäh die Mühlen der Bürokratie mahlen. „Am Ende geht man nackt“, lautet der Titel. Ein Appell an die Humanität. Ein jeder, egal, wo er herkommt, wie er aussieht, was er tut, ist zunächst einmal Mensch.

Flüchtling mit krimineller

Franken-Tatort
Am Tatort: Fleischer (Andreas Schadt), Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Goldwasser (Eli Wasserscheid). Foto: (Bayerischer Rundfunk)

Mit viel Feingefühl hat die Produktion die Rollen der Flüchtlinge besetzt, viele Schauspieler haben selbst Migrationshintergrund. So auch Yasin El Harrouk. Der Deutsch-Marokkaner aus Stuttgart, der bereits im Münchner „Tatort“ zu Ehren gekommen ist („Der Wüstensohn“), spielt Said Gashi, einen Flüchtling mit krimineller Ader, den Aufzocker in der Unterkunft, der Hehlerware anpreist, gegen Provision illegale Jobs vermittelt.

Auch unter Flüchtlingen gebe es „Arschlöcher“, sagt El Harrouk, „so wie sonst auch in der Gesellschaft“. Glaubwürdig verkörpert der 25-Jährige, der es als Hauptschüler ohne Abschluss zum Schauspielstudium geschafft hat, diesen Part.

Daneben gibt es dann auch noch den gierigen Immobilienhai, der die Not der Flüchtlinge schamlos ausnützt, den Abteilungsleiter, der eine Lieblingsaffäre mit einer Asylbewerberin hat, die Ehrenamtliche mit Helfersyndrom, die rechtsradikalen Schläger, Polizisten, die den Nazis eher glauben als den Flüchtlingen, und, und ... Typen, von denen ein jeder schon gehört hat.

Ein bisschen viel indes für einen Fernsehabend. Am Ende will der Kommissar gar noch einen Flüchtling adoptieren. Etwas weniger Klischee wäre hier mehr gewesen. So nimmt der Film manch starker Szene die Wirkung. Schade.

Kommissare sind erfrischend normal

Viele Pluspunkte sammelt der Franken-„Tatort“ bei der Entwicklung seines Stammpersonals. Hier werden keine Stereotype bedient, diese Kommissare zelebrieren nicht ihre Macken, sie sind erfrischend normal. Wenn sich Ringelhahn und Voss am Stephansberg auf der Treppe treffen, wächst Vertrautheit. Das macht Lust auf mehr. Fränkisch trocken die Kommissare Schatz (Matthias Egersdörfer) und Fleischer (Andreas Leopold Schadt), cool Kollegin Goldwasser (Eli Wasserscheid). Die lakonischen Zwischentöne machen ihren Charme aus, die eigentliche Ermittlungsarbeit gerät zur Nebensache.

Und Bamberg? Man sieht die mittelalterliche Stadt, ja. Touristikern wird's gleichwohl zu wenig sein. Dieser Krimi könnte auch in jeder anderen Stadt spielen.

Franken-Tatort
Brutal: Ein Neonazi (Stuntman Alexander Mack) verprügelt Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs). Foto: (Bayerischer Rundfunk)

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