WÜRZBURG

Noten ade? Gespräch statt Zeugnis

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An dem Lernentwicklungsgespräch zwischen Erziehungsberechtigten und Klassenlehrer dürfen auch die Schüler teilnehmen. Foto: Thinkstock

Leistungsdruck durch Noten – muss man das den Schulanfängern wirklich schon antun? Offenbar nicht, denn immer mehr Grundschulen setzen heuer zum ersten Mal nach einem erfolgreichen Probelauf in Bayerischen Modellschulen in den ersten drei Schuljahren auf ein Lernentwicklungsgespräch. Das findet zwischen Eltern und Klassenlehrer statt, dauert eine halbe Stunde und je nach Vereinbarung oder dem jeweiligen Gesprächsmodell dürfen auch die Kinder dabei sein.

Während sich in diesen Tagen in vielen Familien noch alles ums klassische Halbjahreszeugnis dreht, das an diesem Freitag in Bayern ausgegeben wird, hat Carlotta (6) keine Ahnung, wie ein Zeugnis aussieht oder sich anfühlt. Dabei hat die Schulanfängerin ihr erstes „Zeugnis“ zum Halbjahr schon bekommen. Nicht in Papierform, nicht mit Zahlen von 1 bis 6 hinter den Fächern, sondern in einem Gespräch mit ihrer Lehrerin und ihren Eltern. Es war ein gutes Gespräch. Finden die Erwachsenen. Aufschlussreich für die Eltern, hilfreich für die Lehrerin, weil sie über die Eltern ein direktes Feedback bekommen hat und zusätzlich eine Einschätzung dessen, wie Carlotta außerhalb der Schule agiert.

Bloß Carlotta hat das Ganze nicht so richtig verstanden. Was ein Lernziel ist, weiß Carlotta nicht. Aber die Frage „Was willst du noch üben, was klappt denn noch nicht so gut?“ – die versteht sie. „Also, ich will noch besser lesen können und besser in der Zeile schreiben.“ Am Ende des Gesprächs darf sie das Protokoll unterschreiben. Genau wie Mama und Papa. Und ihre Lehrerin. Und die Protokollantin.

Und dann stellt Papa die Frage aller Fragen: „Und wie ist Carlotta jetzt eigentlich notenmäßig in der Schule zu bewerten?“ Schallendes Gelächter ertönt. Es ist, so erfährt er, offenbar die typische Eltern-Frage. Dabei ist der Sinn des Gespräches ja genau ein anderer. Weg von der Beurteilung durch Noten, hin zu Gesprächen.

Noten allein sagen nicht genug über die Schüler aus, sagen Experten. Sie spiegeln eine momentane Leistung wider. Beurteilungen müssten differenzierter erfolgen. Das Potenzial und vor allem die Entwicklung eines Kindes müssten detaillierter erfasst werden. Noten lassen nicht erkennen, ob die 3 in Mathe ein toller Erfolg ist oder eine Enttäuschung. Der Würzburger Bildungsforscher Johannes Jung, der am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik der Uni Würzburg forscht und lehrt, kennt die Vor- und Nachteile des schulischen Bewertungssystems, hat selbst jahrelang als Grundschullehrer Erfahrungen gesammelt. Lernentwicklungsgespräche, so sagt er, seien sinnvoll, denn beide Seiten könnten Fragen stellen und gemeinsam Ziele vereinbaren. „Eltern bekommen unmittelbar mit, wie ihr Kind in der Schule tickt.“ Doch nicht immer verlaufen Gespräche so einvernehmlich und entspannt wie bei Erstklässlerin Carlotta.

„Es gibt Situationen, in denen man wortgewaltigen Eltern gegenübersteht, die jede kritische Einschätzung als persönliche Verletzung aufnehmen“, so Jung. Man müsse im Vorfeld klarstellen, dass es sich hier nicht um ein Tribunal handle, sondern um eine Rückmeldung über das Verhalten des Kindes in der Schule. „Wenn die Kinder bei dem Gespräch dabei sein können, ist das sehr gut.“

Dass eine Sechsjährige wie Carlotta auf ihrem Selbsteinschätzungsbogen ziemlich genau die Einschätzung ihrer Lehrerin getroffen hat, überrascht den Experten nicht. „Ich weiß aus Erfahrung, wie entspannt und weitsichtig die meisten Kinder sich selbst taxieren. Vor allem die erfolgsorientierten Kinder sind da sehr genau.“ Es gibt aber jene, die sich nichts zutrauen, die liegen bei der Selbsteinschätzung häufig daneben, bewerteten sich viel schlechter als sie sind. Dann gilt es, das Selbstbewusstsein zu stärken. Und genau um dieses Mutmachen, um dieses Kümmern um die persönliche Entwicklung gehe es bei den Lernentwicklungsgesprächen.

Bildungsforscher Jung versteht allerdings auch die Kritiker, die sagen, Wortgutachten oder Gespräche seien nur eine blumige Umschreibung von Noten und damit letztlich auch nicht gerechter. Solange Schule in der Gesellschaft eine so starke Selektionsfunktion habe, Schüler sich nur noch über Noten definierten und Noten die Eintrittskarte ins Leben seien, seien Alternativen wie Zeugnis-Gespräche nur ein kleiner Ansatz in einem insgesamt fragwürdigen Bewertungssystem. Ein radikaler Umbruch mit Schulen ohne Noten sei nur machbar, wenn auch die nachfolgenden Institutionen wie Uni oder Arbeitgeber eigene Testverfahren durchführten.

Auch die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann beklagt, dass Noten in der Gesellschaft eine zu große Rolle spielten. Lernentwicklungsgespräche seien deshalb gut. Man sollte sie dann aber nicht in der vierten Klasse wegen zu erreichender Übertrittsnoten abbrechen, sondern weiterführen.

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