Bayern

Prost also! Eine Liebeserklärung ans Weißbier

Aufs Reinheitsgebot ein Weißbier: Unser Autor spricht mit seiner geliebten Halben.KARL-JOSEF HILDENBRAND, DPA Foto: Foto:

Wie immer beim Beginn einer großen Liebe waren die Umstände damals recht speziell, also so, dass man später umso mehr davon erzählt. Und später, das ist jetzt. Ich schenke erstmal ein, Du wirst es gleich erfahren.

Doch vorneweg vielleicht noch das: Der Anlass unserer Zusammenkunft in schummriger Stube ist dieses Mal ja ein ganz besonderer, ist nicht das übliche Beisammensein, bei dem eben etwas aufschäumt und die Stunden spritzig werden.

Nein, diesmal hocken wir ja quasi offiziell beinander, es gibt – folgt man dem ganzen Trara in diesen Tagen – schließlich etwas zu begießen. Nämlich 500 Jahre. 500 Jahre, die umso schwerer wiegen in einer Zeit, da Vergangenheit und Tradition alles zu sein scheinen, alleine weil sich der Rest verflüssigt. Ich schenke nochmal nach, ich sag vor allem: Prost!

Prost also und auf dieses Reinheitsgebot, auf das wir in Bayern so unbändig stolz sind, weil irgendwas muss man der Welt ja schenken, wenn die den Leberkäse schon nicht annehmen will. Wobei, nüchtern betrachtet ist es ja auch mit der Akzeptanz dieser Verordnung vom 23. April 1516 nicht weit her, also global besehen. Und global besehen wird heutzutage schließlich alles, nur scheren sie sich halt einen Dreck darum, was die Herzöge Wilhelm IV.

und Ludwig X. seinerzeit in Ingolstadt erlassen haben. Es ist halt kein TTIP, war ja lediglich die Anweisung, dass „füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unnd auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer Stückh / dann allain Gersten / Hopffen / und Wasser / genommen und gepraucht sölle werden“.

Kein Gedöns also, keine Geheimverhandlungen, kein Leseraum, in den nur ein paar Abgeordnete dürfen, um den letzten Verhandlungsstand in Sachen Chlorhähnchen nachzuschlagen, stattdessen: klare Ansage, Gerste, Hopfen, Wasser, Schluss. So einfach kann das sein, und da schenken wir doch nochmal ein . . .

Aber hoppla! Einmal aufs Etikett geschaut, und schon müssten der Willi und der Wiggerl eigentlich rotieren in ihrem immerwährenden, herzöglichen Bierkeller. „Zutaten: Weizenmalz, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe“ steht da knapp über dem Haltbarkeitsdatum und knapp unter der breiten Zeile „Gebraut nach dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516“. Das ist zwar jetzt keine Chlorhenne, aber trotzdem: von Hefe und Weizen im Ursprungstext kein Wort!

Und jetzt? Erstmal nun vielleicht ein der umständehalber eher etwas verhaltene Schluck, ich hoffe, du siehst's einem nach. Umso mehr die drängende Frage: Hat sich da, im Lauf der Jahre, Jahrhunderte etwa was verändert zwischen uns?

Dabei ist das mit dem „Reinheitsgebot“ schnell erklärt, weil dem Namen nach gibt es dieses erst seit 1918, als sich ein Abgeordneter im Bayerischen Landtag explizit auf die besagte, derzeit hochgejubelte herzogliche Vorschrift berief – und damit eigentlich nur Tradition beschwören wollte. Weil es gab schon vorher unzählige ähnliche, heute würde man sagen auf Mindeststandards zielende Verordnungen. Etwa aus dem Jahre 1156 und dem wenig oberbayerischen Augsburg.

Der Erlass von 1516 hielt jedenfalls auch nicht lange, schon wenig später konnten wieder Koriander, Lorbeer und Kümmel in den Sud. Und selbst der kostbare, eigentlich der Brotherstellung vorbehaltene Weizen durfte alsbald wieder vergoren werden, zumindest von den feineren Herrschaften, was nur einmal mehr belegt, dass sich der Gesetzgeber seit je geschmeidig zeigte, wenn es darum geht, Privilegien zu verteilen. Doch ich schweife ab und reg' mich auf.

Um das „Reinheitsgebot“ gab es auf jeden Fall immer wieder viel Gezerre, und auch jetzt wird wieder darüber diskutiert, weil einige junge Brauer sowie Bier-Tüftler aus der kleinen, handwerklichen „Craft-Bier“-Szene sich mehr Freiheiten wünschen. Zu einem deutschlandweiten Begriff wurde das Reinheitsgebot ohnehin erst in den letzten Jahrzehnten, als es wieder einmal gegen die in Brüssel und das „Chemie-Bier“ aus dem Ausland ging. Sicher abartige Geschichten, aber wer würde hierzulande schon ernsthaft eine Halbe trinken, die nach Schwarzwälder Kirsch schmeckt?

Das Importverbot war rechtlich nicht zu halten, und trotzdem: Das Getrommel um das vermeintlich älteste Lebensmittelgesetz der Welt ist seither groß, und seit 1995, als die Unesco den 23. April zum Welttag des Buches ausrief, feiert man in Deutschland an diesem den „Tag des Deutschen Bieres“, und da sag ich doch gleich nochmal Prost.

Lehnt man sich also zu weit über den Wirtshaustisch, wenn man sagt: Selbst bei einem so grundehrlichen Getränk geht es mittlerweile nur noch ums Marketing? Der Versuch, mit der Marketing-Frau jener Brauerei zu sprechen, die sich zum einen rühmt, die älteste der Welt zu sein, und die zum anderen in Gestalt des damaligen Landtagsabgeordneten und eigenen Angestellten das „Reinheitsgebot“ überhaupt in die moderne Welt gesetzt hat, schlug jedenfalls fehl: Keine Zeit, leider. Und das, nachdem die Fragen zuvor schriftlich eingereicht werden mussten.

Da trinken wir doch noch einen Schluck, und jetzt sag Du's mir: Lag's tatsächlich daran, dass momentan wirklich alle nach dem geschissenen Jubiläum fragen, oder doch vielleicht an den Fragen selbst?

Doch Du stehst jetzt typischerweise wieder nur so da, halb voll und schweigst, musst Dir das Ganze anhören und perlst auch nicht mehr so wie früher, also wie gerade eben kurz nach dem Einschenken.

Doch geschenkt. Man braucht ja nun auch wirklich keinen Wirbel machen, so, als hätte man gleich das Bier erfunden. Das war nämlich schon ein paar tausend Jahre früher, in Mesopotamien, als die frühen Menschen sesshaft wurden und anfingen, Getreide anzubauen. Ein bekannter Evolutionsbiologe sagt sogar, sie hätten es nur wegen des Biers getan. Und so oder so: Die Zivilisation entstand jedenfalls nicht in München.

Um regionale Unterschiede auszumachen, muss man aber natürlich nicht bis in den Irak. Manchmal langt es ja schon, in der falschen Wirtschaft zu sitzen. Klar ist: Im Norden wird mehr Pils getrunken, das überhaupt der Deutschen liebste Sorte zu sein scheint. Doch obacht: Der für die bittere Note zuständige Hopfen macht das Bier nicht nur haltbar, sondern laut Hildegard von Bingen auch melancholisch. Und vielleicht wäre eine Einteilung in unter- und obergärige Typen, also je nachdem, mit welcher Hefe und bei welchen Temperaturen gegärt wird, auch aus psychologischer Sicht mal ganz interessant.

Pils beispielsweise ist untergärig, und ich bin jedenfalls eindeutig der obergärige Typ. Nicht von Geburt, im Gegenteil. Denn obwohl in Bayern aufgewachsen, war mir alles vermeintlich Bierdimpfelige fremd. Aber wie es manchmal so geht: Ausgerechnet beim Studium in der Fremde greift man dann mal haltlos zu. Und in diesem Fall warst es halt Du. Ein Weißbier, aus Bayern. Seither ist es Liebe.

Geht noch eins?

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