BAMBERG

Sexueller Missbrauch aus Forschungsdrang?

Klinikum Bamberg: Ein Arzt soll Patientinnen betäubt und sich an ihnen vergangen haben. Foto: David Ebener, dpa
Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Bamberger Chefarzt versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen und schickt früheren Kollegen Briefe aus dem Gefängnis: Er habe zur wissenschaftlichen Aufklärung beitragen wollen.

Ein einfacher Brief. Und möglicherweise auch mehr. Eine mit der Hand geschriebene Botschaft aus dem Gefängnis in die Welt draußen. Mit ihr bricht der Beschuldigte des Bamberger Missbrauchsskandals sein Schweigen.

Rolle des verrückten Doktors

Kein Schuldeingeständnis. Keine Reue. Wie der Ärztliche Direktor des Klinikums Bamberg, Georg Pistorius, bestätigte, sieht sich der 48-jährige Gefäßspezialist offenbar als Opfer eines Justizirrtums. Der des vielfachen Missbrauchs bezichtigte Mann hofft darauf, dass sich die mit einer Haftstrafe von bis zu 15 Jahren sanktionierten Vorwürfe in Luft auflösen werden. Davon geht auch sein Rechtsanwalt, Dieter Widmann, aus: „Es ist alles erklärbar.“

In gut informierten Kreisen war schon früher von einem Wechsel der „Sichtweise“ die Rede. Eine Perspektive, die im Gegensatz zu den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft steht. Offen wird darüber spekuliert, dass der Mann, der seit 2008 Patientinnen und Mitarbeiterinnen betäubt und sich an ihnen vergangen haben soll, nicht aus sexuellen Motiven gehandelt habe – sondern weil er Erkenntnisse über Krankheiten, wie die Beckenvenenthrombose sammeln wollte. Ist die Rolle des durchgeknallten Wissenschaftlers, die dem Verdächtigten zugeschrieben worden war, möglicherweise mehr als nur Spekulation in einem Skandal? Geht sie auf Aussagen zurück, die der Chefarzt selbst streute?

Die Bamberger Klinikleitung hat Kenntnis von mindestens drei Briefen, in denen sich der seit dem 20. August Inhaftierte gegenüber früheren Kollegen zu den Vorwürfen äußert. Den Tenor dieser Schreiben fasst Georg Pistorius zusammen: Der Beschuldigte mache deutlich, dass er mit den Untersuchungen nichts Schlechtes im Schilde geführt habe. Es sei ihm um die Bekämpfung der Beckenvenenthrombose gegangen. Er hoffe, dass sich die Vorwürfe bald aufklären lassen.

Pistorius will sich zu Details der möglichen sexuellen Verfehlungen seines früheren Chefarztkollegen nicht äußern. Er kennt die Fotos der Opfer nicht, die den Verdacht des schweren Missbrauchs an immerhin 15 Frauen nahe legen. Aber ihm reichen die Erklärungen des Beschuldigten nicht aus, um die Vorwürfe zu entkräften.

Der Gefäßchirurg habe gegen die elementare Regel verstoßen, das Einverständnis bei den Patientinnen einzuholen. „In seinem Schreiben geht er mit keinem Wort darauf ein, dass die Frauen ohne ihr Wissen betäubt wurden. In seiner Position hätte er wissen müssen, dass es den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllt, wenn ein solcher Eingriff ohne Einwilligung und ohne Notsituation durchgeführt wird.“

Anwalt Dieter Widmann vertritt den Beschuldigten. Er beurteilt das bisherige Ermittlungsverfahren als wenig glücklich. Der Mediziner sei voreilig an den Pranger gestellt worden. Widmann geht nach Durchsicht der Akten davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen den Arzt wegen sexuellen Missbrauchs bald entkräften lassen. „Meines Erachtens kann alles, was mein Mandant gemacht hat, medizinisch begründet werden.“ Was darf ein Arzt, was nicht? Existieren tatsächlich Hinweise, die geeignet sind, die Vorwürfe gegen den Mediziner abzuschwächen? Fragen wie diese lassen die Anklagevertreter derzeit von einem Sachverständigen beantworten. Gleichwohl rückt Oberstaatsanwalt Bardo Backert keinen Millimeter von den Beschuldigungen ab. Die Annahme, die Handlungen des Verdächtigen seien wissenschaftlich zu begründen, ist aus seiner Sicht ausgeschlossen: „Die Gesamtermittlungen zeigen ein anderes Bild.“

Frauen fallen in ein tiefes Loch

Beim Bamberger Klinikskandal geht es um mehr als sexuellen Missbrauch: Von einem „Spaziergang durch das Strafgesetzbuch“ spricht Martin Reymann-Brauer. Für den Rechtsanwalt aus Erlangen, der vier der betroffenen Frauen als Nebenkläger vertritt, erfüllen die vermeintlichen Untersuchungen auch den Tatbestand der schweren Körperverletzung, weil das Betäubungsmittel Dormicum ohne Einwilligung verabreicht worden sei. Auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt, Patientinnen und Mitarbeiterinnen sei gebrochen worden.

Reymann-Brauer weiß, was eine solche Tat im Seelenleben der Opfer bewirkt. Den Frauen, die bis August noch nicht wussten, was geschehen war, habe es förmlich den Boden unter den Füßen weggerissen, als sie die Bilder sahen. „Das ist etwas Fürchterliches. Die Frauen fallen in ein tiefes Loch.“ Vor einer Verteidigungsstrategie, die auf billige Ausflüchte hinausläuft, kann er deshalb nur warnen. Sie würde für die Opfer das Erlebte doppelt unerträglich machen. „Dann müssen sie noch in den Zeugenstand.“

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