MÜNCHEN/WÜRZBURG

Straßenverkehr: Hohes Unfallrisiko bei Handynutzung

Immer häufiger sitzen Autofahrer mit Smartphone am Steuer und schreiben Kurznachrichten oder lesen Mails. 6969 Fälle hat die Polizei 2016 in Unterfranken registriert.
Sicherheit im Straßenverkehr       -  Verführerisch und hochgefährlich: das Benutzen von Smartphones während der Autofahrt
Verführerisch und hochgefährlich: das Benutzen von Smartphones während der Autofahrt Foto: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Sein Terminkalender war übervoll, seit einer Viertelstunde lief eine Besprechung – ohne Harald P. aus der Nähe von Würzburg. Der Jurist war zu spät dran. Er gab Gas auf der Überholspur der Autobahn. Die Daten, die er für das Gespräch brauchte, hatte ihm seine Sekretärin auch noch nicht aufs Handy geschickt.

Als er ein leises „Ping“ hörte, griff P. zum Smartphone auf dem Beifahrersitz. Der Jurist wusste, dass es verboten ist. „Nur kurz lesen“, dachte er. In diesen Sekunden legte sein Wagen mit Vollgas etwa 500 Meter zurück.

Unfallrisiko steigt um das 23-fache.

Als P. wieder aufschaute, kam der Schock: Plötzlich war da dieser langsame LKW vor ihm wie eine Wand. Er stieg erschreckt auf die Bremse, der Wagen schleuderte, knallte links in die Mittelleitplanke. Der Wagen war Schrott, er leicht verletzt – „weil ich Depp aufs Handy starren musste“, sagt er ein Jahr später.

Nicht immer geht es so glimpflich aus: Für bundesweite Schlagzeilen sorgte im August 2014 eine 19-Jährige, die in Baden-Württemberg auf breiter Bundesstraße ohne Kurven ungebremst in zwei Rennradfahrer hineinfuhr. Einer starb, der zweite war schwer verletzt. Das Landgericht Stuttgart stellte fest, dass die Frau mindestens neun Sekunden lang nicht auf die Fahrbahn schaute, weil sie zwei Nachrichten auf WhatsApp zu Ende tippte. Sie kam wegen versuchten Mordes vor Gericht (Aktenzeichen 4 StR 142/16).

Studiert man die Unfallursachen auf deutschen Straßen, kann man zu dem Schluss kommen: Harald P. ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch in der Region kam es in der jüngeren Vergangenheit zu teils schweren Frontalzusammenstößen. Laut einer Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) erhöht sich das Unfallrisiko beim Schreiben von Textnachrichten während der Fahrt um das 23-fache. Dem ADAC zufolge schreiben 53 Prozent beim Fahren auf dem Smartphone, 72 Prozent lesen Nachrichten. Das Statistische Bundesamt berichtet, dass 2015 auf Autobahnen 48 Prozent der Unfälle mit Verletzten aufgrund von Auffahrkollisionen zustande kam.

6969 Fälle in der Region

Tatsächlich steigt auch in Unterfranken die Zahl der am Lenkrad erwischten Handynutzer. Polizei-Pressesprecher Enrico Ball bestätigt, dass diese Kontrollen inzwischen ein Schwerpunkt seien: „2015 kam es zu 6129 Beanstandungen, 2016 waren es bereits 6969.“ Eine Steigerung um satte 14 Prozent.

Schon hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann schärfere Kontrollen angekündigt. Denn 2016 ist jeder dritte tödliche Verkehrsunfall im Freistaat dadurch passiert, dass der Fahrer von der Straße abkam. „Schnell mal die Mails gecheckt, kurz eine Nachricht versendet oder den Beitrag eine Bekannten geteilt – selbst wenige Sekunden Unaufmerksamkeit am Steuer können schwerste Verkehrsunfälle verursachen“, sagte der Minister.

Polizei: Nachweis ist schwierig

Der Nachweis indes ist schwer, so Polizei-Sprecher Enrico Ball. „Durch das geänderte Nutzungsverhalten wird das Smartphone seltener am Ohr gehalten, sondern häufiger im Schoß, unterhalb der Fensterlinie. So ist bei der Überwachung des fließenden Verkehrs zwar erkennbar, dass der Fahrer nach unten schaut, aber ein Nachweis für die Nutzung oft nicht möglich.“

Polizeikontrolle in Freiburg       -  Die Polizei setzt auf verstärkte Kontrollen.
Die Polizei setzt auf verstärkte Kontrollen. Foto: Patrick Seeger, dpa

Die Unaufmerksamkeit kann gravierende Folgen haben: „Stirbt eine Person bei einem Unfall, der wegen der Ablenkung durch ein Handy ausgelöst worden ist, muss sich dieser Fahrer unter Umständen wegen fahrlässiger Tötung verantworten“, sagt der Würzburger Anwalt Norman Jacob junior. „Für diese Straftat sieht das Strafgesetzbuch entweder eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor.“ Weitere mögliche Konsequenz: Fordert ein Unfallopfer Schadensersatz, muss der Handynutzer womöglich selbst zahlen. Bei grober Fahrlässigkeit zahlt die Kaskoversicherung oft nicht.

 

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Schweinfurt
  • Manfred Schweidler
  • ADAC
  • Auto
  • Autofahren
  • Debakel
  • Handybesitzer
  • Joachim Herrmann
  • Smartphones
  • Statistisches Bundesamt
  • Straßenverkehr
  • Unfallrisiko
  • Verkehr
  • Verkehrsunfälle
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!