BAD NEUSTADT/BAD KISSINGEN/ KITZINGEN

Telemedizin: Wenn digitale Daten Leben retten

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Bei Schlaganfallpatienten zählt jede Minute. Telemedizin spart wertvolle Minuten. Doch nicht alle Kliniken in Bayern machen mit.
Telemedizin: Wenn digitale Daten Leben retten
Sobald die Ärzte in der Klinik alle relevanten Patientendaten vom Rettungsteam übermittelt bekommen haben, können sie dort noch vor der Ankunft des Patienten die jeweilige Behandlung vorbereiten. So sparen die Retter – gerade bei lebensbedrohlich Verletzten, Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Patienten – wertvolle Minuten. Foto: Wolfgang Dünnebier

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Werden Schwerverletzte, Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten ins Krankenhaus gebracht, geht es meist um Leben oder Tod. „Jede Minute, die ich bei einem Schlaganfall auf dem Weg in die Klinik oder vom Eintreffen des Rettungswagens in der Klinik bis zur Vergabe eines bestimmten Medikaments spare, rettet Hirnzellen“, sagt der Leitende Oberarzt Dr. Hassan Soda von der neurologischen Klinik in Bad Neustadt. Im Ernstfall könne eine Minute darüber entscheiden, ob der Patient sein Leben lang gelähmt sei oder nicht.

Zeit zu sparen ist ein Vorteil der Telemedizin. Dabei werden im Idealfall Patientendaten im Rettungswagen digital erfasst und per mobilem Breitband in die Klinik übertragen. Dort können sich die Ärzte auf den Patienten vorbereiten, noch bevor das Rettungsteam vor Ort eintrifft.

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Telemedizin: Was ist das? - Wenn Menschen sich schwer verletzen oder einen Schlaganfall erleiden, dann zählt jede Sekunde. Damit die Rettungskette noch flotter funktioniert, soll die sogenannte Telemedizin helfen. Doch was ist das eigentlich genau?

Rettungsdienste in Bayern flächendeckend ausgerüstet

Jetzt sind erstmals alle 1250 Rettungswagen des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) für die telemedizinische Übertragung von Patientendaten ausgerüstet, sagt Kreisgeschäftsführer Harald Erhard in Kitzingen. Das BRK habe die Technik für die Rettungsdienste in Bayern flächendeckend vorangetrieben. Auch die Wagen der Johanniter, Malteser und des ASB sind ausgestattet, freut sich Sebastian Dresbach, Geschäftsführer des Zentrums für Telemedizin in Bad Kissingen. Die Experten haben das Projekt namens „Stroke Angel“ vor über zehn Jahren ins Leben gerufen. Was damals noch Zukunftsmusik war, hat sich in jahrelanger Erfahrung bewährt. Einziges Problem: Bislang ist nur ein Bruchteil aller bayerischen Krankenhäuser telemedizinisch angebunden.

Schlaganfall: Jede Minute zählt

Von Anfang an mit dabei ist die neurologische Klinik in Bad Neustadt. „Wir waren die Versuchskaninchen“, erzählt Dr. Hassan Soda. „Wir haben das System mit entwickelt und optimiert. Es hat uns sehr geholfen.“

Wird bei jemandem ein Schlaganfall vermutet, muss der Arzt anhand verschiedener Untersuchungen im Krankenhaus (eine klinisch-neurologische Untersuchung, ein EKG, eine Blutuntersuchung im Labor und eine Computertomographie) herausfinden, ob sich sein Verdacht bestätigt. Erst dann fällt die Entscheidung, welches Medikament verabreicht wird. Die Zeit von der Kliniktür bis zur Entscheidung, die so genannte „door-to-needle-time“, sollte bei Menschen mit akutem Schlaganfall unter 60 Minuten liegen, so der internationale Standard. „Hier in Bad Neustadt liegen wir aktuell bei 29 Minuten!“ sagt Soda.

Studie: In vielen Fällen hätte man schneller helfen können

Das war nicht immer so. Die Klinik hat in einer lang angelegten Studie zwischen 2004 und 2013 ausgewertet, wie viele Schlaganfall-Patienten die so genannte Lyse-Therapie erhalten haben. „Dabei wird ein Medikament in die Vene gespritzt, das die Gefäße wieder frei macht“, erklärt Soda. Das Problem: Das Mittel darf nur während der ersten viereinhalb Stunden verabreicht werden. Kommt die Therapie rechtzeitig, hat der Patient gute Chancen, das Ganze ohne lebenslängliche Behinderung zu überstehen.

Telemedizin: Wenn digitale Daten Leben retten
Auch Bilder der Unfallstelle können mit dem Pad an die Ärzte im Krankenhaus gesendet werden – vorausgesetzt: Die Klinik ist ebenfalls mit der Technik ausgestattet. Foto: Wolfgang Dünnebier

34 Prozent aller 6500 Schlaganfall-Patienten in Bad Neustadt wurde das Lyse-Mittel während der neun Jahre verabreicht, wenn die Datenerfassung digital über Stroke Angel erfolgt war. Nur 20 Prozent der Patienten dagegen bekamen das Medikament ohne digitale Hilfe im Vorfeld. In vielen Fällen hätten die Ärzte also schneller und besser helfen können.

Neben der eingesparten Zeit im Krankenhaus habe die Telemedizin einen weiteren Vorteil, sagt Harald Erhard vom BRK in Kitzingen. Während vorher das von Hand geschriebene Protokoll des Rettungsassistenten in der Klinik übergeben wurde, wird jetzt mit Hilfe des so genannten NIDA-Pads (Tablet-PC) Name, Krankenkasse und Zustand des Patienten dokumentiert. Medizinische Geräte wie EKG oder Beatmungsgerät werden direkt an das Tablet angeschlossen, ihre Daten direkt ins Protokoll übertragen. „Abhängig davon, wie leserlich die Handschrift des Rettungsdienstes war, werden mit der digitalen Erfassung Übertragungsfehler vermieden“, sagt Erhard.

„Ein Mosaiksteinchen, das die Patientenversorgung verbessert“

In der Klink Kitzinger Land wird das digital erfasste Protokoll ausgedruckt und anstelle des handschriftlichen Protokolls übergeben. Die High-End-Lösung des Systems, dass die Daten per mobiler Breitbandverbindung überträgt, gibt es hier noch nicht. Immerhin informiert eine Mitteilung, die das Rettungsteam auf seinem Weg digital verschickt, das Krankenhaus-Personal, was sie erwartet. Auf einem Monitor an der Wand ist zu lesen: Gleich kommt Rettungswagen XY, Patient ist dringlich oder nicht. Das Klinikpersonal könne schon einmal den geeigneten Behandlungsraum vorbereiten und den Doktor verständigen. Früher habe man dafür telefoniert. „Es ist zwar kein Quantensprung, aber ein Mosaiksteinchen, das die Patientenversorgung verbessert“, resümiert Erhard.

Lohnt sich also die telemedizinische Anbindung für ein Krankenhaus? Sebastian Dresbach sagt: „Der Rettungsdienst kann nicht schneller in der Klinik sein. Aber die Nahtstelle zwischen Rettungsdienst und Klinik, also den Prozess der Übergabe des Patienten mit allen notwendigen Informationen, kann unser System verbessern. Gerade für Herzinfarkt oder Schlaganfall-Patienten sind diese Minuten gnadenlos kostbar.“

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