BAMBERG

Wenn der "Tatort" auf die Wirklichkeit trifft

Dreharbeiten Franken-Tatort in Bamberg Foto: Michael Czygan

Der Franken-„Tatort“ wird politisch: Die Hoffnungen und Ängste von Flüchtlingen stehen im Mittelpunkt der neuen Folge unter dem Titel „Am Ende geht man nackt“. Der Bayerische Rundfunk (BR) dreht noch bis Ende dieser Woche in Bamberg. Das Team um die Hauptkommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) ermittelt nach einem Brandanschlag auf eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, bei dem eine junge Frau aus Afrika zu Tode kam.

Verkohlte Kartoffeln, rußtriefende Wände, zerschmolzene Plastikschüsseln, verbrannte Stühle: Beklommenheit macht sich breit, wenn man durch die Kulisse geht, die in einem Gebäude der Lagarde-Kaserne aufgebaut wurde. Gerade ist Michael Schatz (Matthias Egersdörfer), der Leiter der Spurensicherung, vor Ort. „Das Telefon sitzt noch nicht richtig am Ohr“, mahnt Regisseur Markus Imboden zu Genauigkeit. Wenig später ist die Szene abgedreht.

Öffentliches Interesse am dritten Franken-Tatort ist groß

Die Stimmung unter Machern und Schauspielern ist entspannt. Man kennt sich mittlerweile im fränkischen „Tatort“-Team. Das öffentliche Interesse auch an der dritten Auflage ist groß. „Allein 450 Komparsen spielen mit“, sagt Martin Zimmermann. Der Produzent schwärmt ebenso wie Regisseur Imboden von den Bedingungen in Oberfranken. „Bei den Behörden in Bamberg sind wir offene Türen eingerannt. Der Drehort Lagarde-Kaserne ist ein Traum.“ Komplimente, wie sie zuvor auch in Nürnberg und Würzburg zu hören waren.

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Drehort 3. Franken-Tatort

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Und doch ist einiges anders. Das aktuelle Thema Flüchtlinge fordert das Team besonders, die Gespräche, auch nach Drehschluss, haben vor allem ein Thema. „So wie alle in Deutschland über die Zuwanderer und Asylpolitik reden“, sagt Dagmar Manzel. Es sei ein Risiko, beim „Tatort“ ein aktuelles Thema aufzugreifen. Man wisse schließlich nicht, wie sich die Debatte bis zur geplanten Ausstrahlung 2017 entwickelt. Die Figuren im „Tatort“ zeigten jedenfalls eine klare Haltung für ein weltoffenes Miteinander zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Mauern, sagt die Ost-Berlinerin Manzel, hätten schließlich viel zu lange in Deutschland gestanden.


Macher des Franken-Tatorts haben eine besondere Verantwortung

Eli Wasserscheid, die die Kommissarin Wanda Goldwasser spielt, spricht von der „besonderen Verantwortung“, die auf den Machern laste, die eine politische Geschichte erzählen. Zumal die Details authentisch sein sollen. „Standen im ersten Drehbuch-Entwurf noch Flüchtlinge aus dem Kosovo und dem Balkan, stammen sie nun vor allem aus Syrien und Nordafrika“, berichtet BR-Redakteurin Stephanie Heckner von der Arbeit mit Autor Holger Karsten Schmidt. Immer wieder habe die Wirklichkeit diesen „Tatort“ eingeholt. Als er auf einer Zugfahrt von Köln nach Bamberg wegen des Axt-Anschlags bei Würzburg umgeleitet wurde, habe er richtiggehend Gänsehaut bekommen, erzählt Produzent Zimmermann. Der Attentäter war ein 17-jähriger Afghane, im Film spielt ein 17-jähriger Syrer eine Hauptrolle. Mohammed Issa (18), der in Berlin als Sohn von Palästinensern geboren wurde, ist Basem Hemidi.

Dayan Kodua, die das Todesopfer Neyla verkörpert, ist als Zehnjährige aus Ghana nach Deutschland gekommen. Die 36-Jährige Mutter hofft, dass es dem „Tatort“ gelingt, mehr Einheimischen klarzumachen, Flüchtlinge als „Menschen wie du und ich“ zu sehen, mit ihren Wünschen, aber auch ihren Ängsten.

Franken-Tatort
Dreharbeiten des Franken-Tatort in Bamberg Foto: Michael Czygan

Ähnlich ambitioniert sieht Yasin El Harrouk den „Tatort“. Als Sohn marokkanischer Gastarbeiter ist der 24-Jährige in Stuttgart geboren und groß geworden. Hier hat er Schauspiel studiert. „Brecht und Goethe zu lesen war eine Bereicherung. Jetzt verstehe ich Euch besser, auch viele Ängste“, sagt El Harrouk. Er kenne viele Flüchtlinge und könne ihnen nur raten, zum einen Deutsch zu lernen und sich zum anderen offen auf die Menschen zuzubewegen, so der 24-Jährige. Als „marokkanischer Schwabe“ engagiert er sich in einem Theaterprojekt, das Flüchtlinge aus aller Welt gemeinsam mit Deutschen auf die Bühne bringt. „Ein erster Schritt“, sagt El Harrouk. Bei aller Zuversicht, dass Integration gelingen kann, hegt er auch Zweifel. „Manchmal mache ich mir Sorgen um meine Mutter, nur weil sie Kopftuch trägt.“

Mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen, das will auch Kommissar Voss. Als tschetschenischer Flüchtling getarnt, zieht er in die Unterkunft ein, hört sich die Lebensgeschichten seiner Mitbewohner an und versucht so, die polizeilichen Ermittlungen voranzubringen. Voss kann die Sprache ein wenig, seine Familie stammt aus dem Kaukasus. Ein neues biografisches Detail, das die „Tatort“-Macher ihm da mitgeben. Eines, das weitere spannende Drehbücher verspricht.

 

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