WÜRZBURG/ASCHAFFENBURG

Wie die Welt der Salafisten aussieht

Minarett
Minarett Foto: Boris Roessler (dpa)

Es gibt sie nach wie vor: Die Gefahr, dass Jugendliche in die radikale salafistische Szene hineingezogen werden und im schlimmsten Fall – wie bei dem Axt-Attentat am 18. Juli vergangenen Jahres in Würzburg – zu Terroristen werden. Eine, die einen tiefen Einblick in die salafistische Szene in Deutschland hat, ist die Religionswissenschaftlerin Nina Käsehage aus Göttingen.

Die 38-Jährige hat für ihre Doktorarbeit mit 175 Salafisten gesprochen: mit Predigern und einstigen Katholiken, die zum Islam konvertierten, mit völlig apolitischen Männern und Frauen bis hin zu tschetschenischen Kämpferinnen und Jugendlichen, die nach Syrien ausreisen wollten, um dort zu kämpfen. In Vorträgen berichtet sie bundesweit über ihre Studien. Wir sprachen mit ihr am Telefon:

Frage: Aus dem Bundesinnenministerium stammt der Ausspruch: „Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist. Aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten.“ Stimmt das?

Nina Käsehage: Der Satz trifft auf die jungen Menschen zu, die in den Dschihad gezogen sind. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass die gesamte salafistische Szene gewaltbereit ist, sondern nur ein kleiner Prozentsatz, etwa 0,15 Prozent. Die Zahlen, die Salafisten-Szene betreffend, sind nur Schätzungen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht von circa 9000 Menschen momentan. Von diesen 9000 sind 0,1 bis 0,15 Prozent gewaltbereit.

Wo haben Sie Ihre Interviews geführt?

Käsehage: Ich habe 175 Interviews in Deutschland, acht europäischen Ländern und der Türkei geführt. 105 Gespräche fanden in Deutschland statt. In Moscheen, Privatwohnungen und Hinterzimmern. Es gab zum Teil auch skurrile Orte, beispielsweise sind wir einmal in ein Waldstück gefahren. Ich musste dabei zuvor alles bis auf mein Aufnahmegerät zurücklassen.

Woran erkennen Sie, ob Ihre Interviewpartner gewaltbereit sind?

Käsehage: Das hängt von unterschiedlichen Aspekten ab. Nach welchem Prediger richten sie sich aus? Das ist ein Indikator dafür, welche Inhalte vermittelt und Ziele angestrebt werden. Für welche sozialen Gruppen im Internet interessieren sie sich? Das sagt eine Menge über die Interessenlage aus. Hinzu kommt die Frage, ob sie wirklich von Gewalt fasziniert sind, gewaltbereit sind oder nur akzeptieren, wenn andere Gewalt einsetzen. Hier gibt es auch Unterschiede innerhalb der gewaltbereiten Szene. Als allerletzte Konsequenz – in manchem Verständnis – wollen sie in den Dschihad ziehen, um die sogenannte Umma (idealtypische Gemeinschaft der Muslime) oder die Religion zu verteidigen.

38 Ihrer ehemaligen Interviewpartner wollten nach Syrien oder in den Irak ausreisen. Wie haben Sie davon erfahren?

Käsehage: Eltern, Freunde oder Angehörige haben mich angerufen.Das waren ja alle ehemalige Interviewpartner von mir, die kurz vor der Ausreise standen! Ich bat darum, die Polizei oder den Staatsschutz einzuschalten, denn immer dann, wenn es zu solchen Ausreiseversuchen kommt, ist es natürlich sinnvoll, Personen hinzuzuziehen, in deren beruflichen Bereich diese Bestrebungen fallen. Davon haben die Betroffenen jedoch Abstand genommen, weil sie in ihrer ursprünglichen Heimat vielfach negative Erfahrungen mit der Polizei und dem Staat gemacht hatten. Sie hatten kein Vertrauen zu den offiziellen Stellen und hätten niemanden kontaktiert, also auch keine Beratungsstellen. In dem Moment muss man sehr schnell überlegen, was man macht. Da war es für mich selbstverständlich, dass ich hingehe und versuche, mit den Eltern zusammen die Ausreise zu verhindern. Was glücklicherweise in 35 Fällen gelingen konnte.

Die Eltern waren auf Ihrer Seite?

Käsehage: Ja, genau. Es ist mir auch ganz wichtig, dies zu betonen, weil ich glaube, dass die Eltern eine starke Position eingenommen haben. Es liegt eben auch im Interesse der Eltern, ihre Kinder nicht zu verlieren und deshalb haben sie sich in dieser Form engagiert. Das war sehr hilfreich.

Wie lange haben diese Gespräche gedauert?

Käsehage: Das war unterschiedlich. Von ein paar Stunden bis 15 Stunden am Stück. Das war natürlich sehr nervenaufreibend. Aber dann, auch das ist mir sehr wichtig: Nachdem ich diese Krisenprävention zusammen mit den Eltern betrieben habe, geht ja erst die richtige De-Radikalisierungsarbeit los. Hier sind offizielle Stellen gefragt, die jede Woche verlässlich und langfristig mit den Jugendlichen therapeutische Gespräche führen. Das heißt nicht, weil jemand heute nicht nach Syrien reist, will er das nicht morgen oder nächste Woche tun. Deshalb ist es wichtig, effektiv vorzugehen und eine langfristige Betreuung anzuschließen. Die jeweiligen Optionen von Beratungsstellen aus unterschiedlichen Bundesländern habe ich den Eltern angeboten und sie haben sich in der Folge vielfach an diese Stellen gewandt.

Sie sagten, bei 35 von 38 jungen Menschen wurde die Ausreise vereitelt. Was passierte mit den anderen dreien?

Käsehage: Diese jungen Menschen sind später ausgereist. Man konnte es nicht verhindern, obwohl die Eltern später doch bei der Polizei angerufen haben, nachdem ich ihnen verstärkt dazu geraten habe. Ich habe ihnen gesagt: „Ich bin an dieser Stelle mit meinem Latein am Ende und wir müssen jetzt wirklich die Polizei einschalten. Da führt kein Weg dran vorbei!“ Trotzdem haben diese jungen Leute Mittel und Wege gefunden, sich der Observation zu entziehen und sind nach Syrien beziehungsweise in den Irak gegangen und in der Folge umgekommen.

Wie haben Sie von ihrem Tod erfahren?

Käsehage: Man hat mir von dschihadistischer Seite aus grauenhafte Bilder zugesandt, auf denen erkennbar war, dass es sich um die jungen Menschen handelt, die sich abgesetzt hatten. Sie sind als sogenannte Märtyrer bei Operationen vor Ort umgekommen. Ich sollte diese Fotos den Eltern zeigen, was ich nicht gemacht habe. Ich habe die Fotos zerstört, weil man sich nicht vorstellen kann, was das für grauenhafte Bilder waren und ich nicht glaube, dass Eltern so etwas sehen möchten. Ich habe es den Eltern so mitgeteilt. Das war sehr schrecklich für alle Beteiligten!

 

Bei dem Würzburger Axt-Attentat war der Täter ein 17-jähriger unbegleiteter Flüchtling, der zuvor einige Wochen in einer Pflegefamilie verbrachte, ein Praktikum absolvierte, relativ gut Deutsch sprach und gute Zukunftsaussichten hatte. Was bringt jemanden wie ihn zu so einer ungeheuerlichen Tat?

Käsehage: Man kann keine pauschalen Aussagen hierzu tätigen. In dem Fall des Axt-Attentäters war es bei dem jungen Afghanen, soweit ich weiß, wohl so, dass seine Familie bereits Probleme hatte. Auch Todesfälle waren zu beklagen und er selbst ist dann von anderen aufgestachelt und beeinflusst worden. Ich glaube, wir verstehen Radikalisierung immer dann nicht, wenn alle Rahmenbedingungen wunderbar sind: Man nimmt jemanden auf, man heißt ihn willkommen und dann vergisst man möglicherweise, was in seinem Heimatland gerade passiert und was ihn bewegt. Gerade die Familie ist für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund etwas ganz Wertvolles. Sie ist etwas, wofür sie im Zweifelsfall auch ihr eigenes Leben opfern würden. Ich glaube, diese Motivation kam insbesondere hier zum Tragen.

 

Vielfach war die Rede von einer Turboradikalisierung. Gibt es so etwas?

Käsehage: Grundsätzlich gibt es eine sogenannte Turboradikalisierung bei ganz jungen Menschen, die noch nicht viel Ahnung vom Islam haben und die den ganzen Tag spezifischen Einflüssen verschiedener Prediger in den sozialen Medien ausgesetzt sind. Hier besteht eine große Gefahr für sie, weil sie sich noch nicht gegen die Gedanken wehren können, mit denen sie indoktriniert werden. In diesem Fall schreitet die Radikalisierung sehr viel schneller voran, als das bei Erwachsenen der Fall ist.

Sie sprechen von jungen Menschen, von denen man eine Radikalisierung nicht erwarten würde und die unter dem Radar des Verfassungsschutzes sind. Sie werden von radikalen salafistischen Predigern beeinflusst. Im Fall des Axt-Attentäters von Würzburg ging ein Chat voraus, der sich wie ein Computerspiel liest. Ist das typisch für die Strategie des IS?

Käsehage: Ja, in der Tat. Die Ideologie wird gezielt auf die Bedürfnisse junger Menschen maßgeschneidert. Infolgedessen fühlen sie sich dort in einer vertrauten Umgebung.

Wie ködert der IS junge Menschen?

Käsehage: Der IS ködert junge Menschen über soziale Gruppen, über Computerspiele, über Zeitschriften wie beispielsweise das „Dabiq“-Magazin (englischsprachiges Online-Propaganda-Magazin der Terrororganisation), die sehr poppig aufgemacht sind oder über die mediale Aufbereitung bestimmter Videos auf Youtube, die das Mitleid für das Leid der Umma wecken und an die Empathie der Muslime appellieren sollen, ihre „heilige Pflicht“ zu vollziehen und sich in den Dschihad zu begeben. Wenn man sich nach Syrien begeben würde, bekäme man ein Auto, Geld und Waffen, wäre rundum versorgt und hätte eine Frau vor Ort. Wenn Sie ein junger Mann sind, der in Deutschland keine berufliche Perspektive, keine Freunde oder Freundin hat und dem man das alles derart authentisch vermittelt, glauben Sie das vielleicht. Wenn Sie dann noch in dieser Situation die Bilder der jungen Leute sehen, die in Ihrem Alter sind, aus demselben Milieu wie Sie stammen und dafür werben, wird das Ganze noch überzeugender. Diese Überzeugungskraft sollte man nicht unterschätzen.

Unmittelbar nach dem Axt-Attentat wurden im Landkreis Würzburg keine neuen Flüchtlinge in Pflegefamilien aufgenommen. Der Aufnahmestopp ist mittlerweile aufgehoben. Stattdessen werden Präventionsprojekte zum Thema Salafismus organisiert. Was halten Sie davon?

Käsehage: Sehr viel. Man sollte miteinander im Gespräch bleiben und sich folgende Fragen stellen: Wie fühlt sich ein Jugendlicher, wenn er hier ankommt? Was fasziniert ihn am Salafismus? Wenn man offen damit umgeht, nimmt man den Verführern den Wind aus den Segeln. Sie setzen darauf, dass man niemals ein direktes Wort in dieser Richtung anbringt, sondern dass man nur über sie redet und nicht mit ihnen. Ich glaube, genau das müsste die Kehrtwende sein.

Sie geben Schulungen für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Worum geht es dabei?

Käsehage: Vielfach sind religiöse Grundbegriffe nicht bekannt. Es geht zum Beispiel darum, welche Strömungen und religiöse Überzeugungen es im Islam gibt. Helfer sollten erkennen, wenn salafistische Prediger ins Flüchtlingsheim kommen. Sie sollten merken: Das sind keine Muslime von der etablierten Gemeinde von nebenan, die religiöse Nachbarschaftshilfe leisten, sondern Leute, die einen Keil zwischen die Flüchtlinge und die Mehrheitsgesellschaft treiben wollen.

So etwas kann man nicht wissen, wenn man vorher keine Schulung bekommen hat. Deshalb wäre es ratsam, denjenigen, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren, solche Schulungen zukommen zu lassen, weil sie viele Ängste abbauen und eine gewisse Sicherheit vermitteln.

Sie sind auch als Expertin bei polizeiinternen Schulungen gefragt. Wie ist die bayerische Polizei aufgestellt, was die Gefahren aus der radikalen salafistischen Szene betrifft?

Käsehage: In Bayern läuft vieles reibungslos und vorbildlich. Ich glaube, dass man hier erkannt hat, dass eine Investition in die Bildung und in die Polizei, die andernorts oft zu Gunsten anderer sicherheitsbehördlicher Bereiche vergessen wird, sinnvoll ist. Ich denke, man ist in Bayern auf dem richtigen Weg, die Polizei besser auszurüsten und personell zu unterstützen, weil sie in der Regel als erste vor Ort ist. Da wäre es doch sehr schade, wenn man die Beamten dann im Stich lässt.

In Aschaffenburg haben Salafisten 2015 gezielt versucht, Flüchtlinge anzuwerben. Das Bundesinnenministerium hat im vergangenen Jahr die Organisation verboten, die Koranübersetzungen in der Aschaffenburger Fußgängerzone verteilte. Wie schätzen Sie die Gefahr ein, die von der salafistischen Szene in Unterfranken ausgeht?

Käsehage: Man kann in der Region bestimmte Hotspots ausmachen. Die salafistische Szene ist aber längst nicht so groß wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Trotzdem sollte man sie im Auge behalten, um Präsenz zu zeigen und zu sehen, wer dort vor Ort ist. Durch Razzien zeigt die Polizei momentan sehr viel Präsenz und das hinterlässt eine Wirkung.

Rückblick

  1. Axt-Attentat in Würzburg: Hongkonger bekommt Rettungsmedaille überreicht
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