NÜRNBERG/ROTTACH-EGERN

Erleichterung über den Fall des „Riesenchristus“

So hätte sie aussehen können: Eine monumentale Christusstatue hat in Bayern keinen Platz gefunden.
Foto: Foto-Montage Main-Post | So hätte sie aussehen können: Eine monumentale Christusstatue hat in Bayern keinen Platz gefunden.

Mit wallendem Gewand schreitet Christus den Hügel herab. Er ist 55 Meter groß und aus Beton. Viel hätte nicht gefehlt, und ein Hamburger Projektentwickler und ein oberbayerischer Künstler hätten dem mittelfränkischen Städtchen Wassertrüdingen den weltweit größten Christus-Koloss beschert, 20 Meter höher als sein berühmtes Vorbild in Rio de Janeiro. 2009 lehnte der Stadtrat nach heftigen Diskussionen die Touristenattraktion ab, die er anfangs noch haben wollte.

Ein Jahr danach trafen sich kirchliche Kunstexperten in Nürnberg, um die verhinderte Landschaftsbeglückung Revue passieren zu lassen. Ihr Widerspruch hatte den Koloss zu Fall gebracht, wie bereits vorher in Bad Reichenhall, wo er auf dem Predigtstuhl stehen sollte.

Das Urteil der Sakralkunstkenner ist heute so vernichtend wie damals. „Das wäre künstlerisch gründlich in die Hose gegangen“, sagt Helmut Braun, Kunstreferent der evangelischen bayerischen Landeskirche. Und die mittelfränkische Bezirksheimatpflegerin Andrea Kluxen attestiert dem Entwurf „kommerziellen Monumentalkitsch“.

Was der Künstler Ludwig Valentin Angerer, der sich Angerer der Ältere nennt, sich als Aussage der Statue ausgedacht habe, sei „schon fast ärgerlich banal und geistlos“. Zwar spät, aber immerhin noch rechtzeitig hätten sich die Kirchen zum Widerstand aufgerafft, blickt Kluxen zurück und sieht dafür überzeugende Gründe in der christlichen Tradition.

Antike Kulturen hätten ihren Göttern mit Monumentaldarstellungen gehuldigt, dem Christentum sei dies von Anfang an wesensfremd gewesen. Sein Gott habe sich schließlich kleingemacht, sei Mensch geworden und somit gerade das Gegenteil einer Kolossalfigur.

Mit monumentalen Christusdarstellungen tut sich die Kirche deshalb schwer – und seien sie nur knapp überlebensgroß. Seit Jahrzehnten wurde in der evangelischen Landeskirche keine größere Kreuzigungsgruppe mehr in Auftrag gegeben. „Mit spitzen Fingern“, müsse man solche Entwürfe anfassen, sagt Kunstbeauftragter Braun und schließt sich dem Verdikt von Joseph Beuys an. Der hatte das Ende der Möglichkeiten verkündet, Christus abbildhaft darzustellen.

Umso spannender findet Braun das derzeit laufende Kunstprojekt für die evangelische Kirche in Rottach-Egern am Tegernsee. Dort hat die Nürnberger Bildhauerin Meide Büdel, Trägerin des Kunstpreises der Landeskirche 2009, den Wettbewerb für eine Kreuzigungsgruppe an der Außenwand der Gulbransson-Kirche gewonnen und dabei – anders als ihre Mitbewerber – auf eine figürliche Christusdarstellung verzichtet.

So zurückhaltend wäre Christus in Wassertrüdingen kein Thema gewesen. Dort sollte er Massenattraktion sein, größer als die Münchner Bavaria, die Ramses-Statuen von Abu Simbel oder der legendäre Koloss von Rhodos. Wer wäre da nicht gucken gekommen? Dass die Kirchen dem Wallfahrtsort aus der Retorte den Segen verweigerten, schmerzt manchen noch heute. Nach dem Wassertrüdinger Scheitern hat es der „Riesenchristus“ noch an anderen Orten versucht. Deggendorf, Kaufbeuren und das oberfränkische Rödental zeigten sich interessiert. Herausgekommen ist dabei nichts.

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