München

Umweltminister: "Es geht der Natur in Bayern definitiv besser"

Hat das Bienen-Volksbegehren den Naturschutz im Freistaat verändert? Nach einem Jahr mit neuem Gesetz zieht Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (FW) eine erste Bilanz.
Trotz Kritik von Umweltverbänden: Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (FW) sieht den Naturschutz durch das Gesetz zum Bienen-Volksbegehren auf dem richtigen Weg.
Trotz Kritik von Umweltverbänden: Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (FW) sieht den Naturschutz durch das Gesetz zum Bienen-Volksbegehren auf dem richtigen Weg. Foto: Umweltministerium

Im vergangenen Sommer wurde das erfolgreiche Volksbegehren „Artenschutz und Naturschönheit in Bayern" in Bayern Gesetz. Was ist seitdem passiert, was hat sich verbessert? Thorsten Glauber, Umweltminister der Freien Wähler (FW), spricht ein Jahr danach über Fortschritte im Naturschutz, Kritik der Umweltverbände, sein Verhältnis zu den Bauern – und warum er sich blühende Bänder im ganzen Land wünscht.

Seit 1. August 2019 ist das erfolgreiche Bienen-Volksbegehren in Bayern Gesetz. Geht es der Natur jetzt besser als vor einem Jahr?

Thorsten Glauber: Es geht der Natur in Bayern definitiv besser, weil wir inzwischen die richtigen Schritte eingeleitet haben. Messbar ist das nach einem Jahr an vielen Stellen zwar noch nicht. Denn nachhaltige Veränderungen in der Natur brauchen Zeit. Aber wir arbeiten an einem großen Ziel: Wir wollen den Rückgang der Artenvielfalt stoppen.

Das Gesetz zum Volksbegehren wurde ja parallel ergänzt durch ein „Versöhnungsgesetz“, das für Betroffene Härten abmildern soll. Wie schaut es denn aus mit der „Versöhnung“?

Glauber: Ich habe mich von Anfang an für ein „Volksbegehren Plus“ ausgesprochen. Mit einem Plus für die Artenvielfalt und bei der Naturschutz-Förderung. Denn man kann ja nur dort die Artenvielfalt dauerhaft erhalten, wo man auch die Grundeigentümer dafür gewinnen kann, naturnah zu wirtschaften. Was wir dafür auf die Beine gestellt haben, ist schon bemerkenswert: Wir haben 75 Millionen Euro zusätzliche Mittel und hundert Stellen für staatliche Berater. Viele neue staatliche Fördermöglichkeiten wurden geschaffen. Das ist gut angelegtes Geld. Denn jeder Bürger, der das Volksbegehren unterschrieben hat, hat praktisch einen Gesellschaftsvertrag geschlossen. Darin steht: Ich als Steuerzahler bin für mehr Artenvielfalt in Bayern bereit, die Flächenbewirtschafter für ihre besonders naturverträgliche Bewirtschaftung von artenreichen Wiesen, Weiden und Äckern finanziell zu honorieren. Das ist die Grundlage, auf der diese Versöhnung stattfinden muss. Es geht um die Bereitschaft der gesamten Gesellschaft, für die kommenden Generationen in Natur und Artenvielfalt zu investieren.

Viele Bauern haben sich im Zuge des Volksbegehrens zu Unrecht an den Pranger gestellt gefühlt. Wie ist nach einem Jahr ihr Verhältnis zu den Bauern?

Glauber: Ich komme selbst aus einer Familie mit Nebenerwerbslandwirtschaft und hatte deshalb immer ein gutes Verhältnis zur Landwirtschaft. Ich verstehe die Besorgnisse und Beweggründe der Proteste, aber sehe auch die Notwendigkeit für Veränderungen: Mais-Monokultur soweit das Auge reicht, das allein kann doch nicht die Zukunft der Landwirtschaft sein. Wo soll da Artenvielfalt herkommen? Ausgeräumte Landschaften und zu intensive Flächennutzung bieten gerade den kleinen bäuerlichen Familienbetrieben in Bayern keine Zukunft. Es sollten nicht diese Strukturen verteidigt, sondern kreative Entwicklungen angestoßen werden.

'Wo soll denn da eine Artenvielfalt herkommen?' - Im Januar stellte sich Glauber demonstrierenden Landwirten aus ganz Unterfranken in Iphofen.
"Wo soll denn da eine Artenvielfalt herkommen?" - Im Januar stellte sich Glauber demonstrierenden Landwirten aus ganz Unterfranken in Iphofen. Foto: Daniel Peter
Ein Streitthema auch in Unterfranken waren die Streuobstwiesen. Die Umweltverbände halten die Vorgaben für zu lasch. Konnten Sie sich hier nicht durchsetzen?

Glauber: Fakt ist, dass wir die Förderung für Streuobstwiesen deutlich angehoben haben. Das zeigt klar: Wir wollen mehr und nicht weniger Obstbäume. Wir wollen nicht, dass die Bewirtschaftung aufgegeben wird. Als Umweltminister muss ich zuerst einmal dafür sorgen, dass keine Bäume verschwinden. Genau das ist jetzt passiert: Das Abholzen hat aufgehört.

Umweltverbände drohen aber sogar mit einer Klage gegen die Verordnung.

Glauber: Einer Klage sehe ich gelassen entgegen. Wir haben für die Streuobstwiesen Signale gesetzt, damit wieder neue Bäume gepflanzt werden, junge Leute sich für die Bewirtschaftung begeistern. Ich verstehe deshalb den Vorwurf nicht, es würde an dieser Stelle der Naturschutz geschliffen.

Also keine vorsätzliche Verwässerung der Gesetzesvorgabe?

Glauber: Absolut nicht. Ich will aber nicht, dass es am Ende heißt: Die Obstbauern geben alle auf und eine wertvolle Kulturlandschaft geht verloren. Denn dann werden wir an Arten ärmer, statt die Artenvielfalt zu stärken. Unser Ansporn ist doch gerade, die Trendumkehr beim Artenschwund zu schaffen.

Auch der Schutz des Waldes sorgt in der Region immer wieder für Debatten. Gerade wurden auch in Unterfranken neue Schutzgebiete ausgewiesen. Reicht dies aus oder würden Sie sich als Umweltminister doch einen weiteren Nationalpark wünschen?

Glauber: Die Lehre der jüngsten Nationalpark-Debatte ist doch, zu meinem großen Bedauern, dass am Ende viel verbrannte Erde übrig blieb. Keine gute Voraussetzung, wenn man vorankommen will. Grundsätzlich gilt: Neue Schutzgebiete können immer nur mit den Menschen vor Ort entstehen. Die neuen Naturwald-Flächen im Staatswald sind deshalb aus meiner Sicht ein richtiges Signal mit Vorbildwirkung, das ich voll unterstütze. Ich sehe meine Aufgabe allerdings schon auch darin, weitere Möglichkeiten für den Schutz des Waldes vor Ort anzusprechen und zu diskutieren. Ich werde deshalb in diesem Sinne Gespräche mit der kommunalen Ebene auch in Unterfranken führen.

Bis 2030 sollen laut Gesetz 15 Prozent des Offenlandes zu einem Biotop-Verbund werden. Ist das Ziel überhaupt zu erreichen?

Glauber: Es ist zu erreichen, weil allein mit den Gewässerrandstreifen große Flächen aus der ackerbaulichen Bewirtschaftung genommen werden. Damit lässt sich ein blühender Biotop-Verbund schaffen, der ganz Bayern durchzieht. Ich spreche da gerne von blühenden Bändern. Wie feine Adern, die den ganzen Körper durchziehen. Diese Verbundstruktur entlang der Gewässer, die Bayern bisher nicht hat, ist eine Riesenchance. Und diese Chance werden wir nutzen.

"Auch ein unaufgeräumter, wilder Garten kann wunderschön sein."
Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler)
Nicht nur die Bauern, auch Kommunen und Bürger sollen sich mit dem neuen Gesetz für besseren Artenschutz einsetzen. Passiert hier schon genug?

Glauber: Ich werbe stark dafür, auch von kommunaler Seite eine Vorbildfunktion zu übernehmen. Denken Sie an das Thema Lichtverschmutzung oder daran, Blühflächen an den Straßen stehen zu lassen. Da gibt es noch immer Bedenken vor Ort, da müssen wir noch besser in die Diskussion kommen. Denn mehr Artenvielfalt im privaten Bereich braucht öffentliche Vorbilder. Da sind auch die Kommunen in der Verantwortung.

Viele Wohngebiete in Bayern werden nach wie vor von bienenfeindlichen Steingärten geprägt. Gibt es in der Bevölkerung tatsächlich einen Bewusstseinswandel für mehr Artenschutz?

Glauber: Das Thema bewegt nach wie vor sehr viele Menschen in Bayern. Es gibt vor Ort auch viele gute Initiativen und gute Beratung, etwa über die Gartenbauverbände. Da geht es schon sehr stark in Richtung mehr Biodiversität. Nicht jeder Gartenbesitzer hat automatisch einen „grünen Daumen“. Wir brauchen deshalb konkrete Hilfen und auch positive Beispiele. Man muss vor Ort sehen können: Auch ein unaufgeräumter, wilder Garten kann wunderschön sein.

Die Bewältigung der Corona-Krise kostet den Freistaat viel Geld. Müssen Sie nicht befürchten, dass deshalb beim Naturschutz schon bald der Rotstift angesetzt wird?

Glauber: Ich würde es für eine völlig falsche Schlussfolgerung halten, gerade jetzt beim Thema Natur- und Umweltschutz zu sparen. Klar ist doch: Klimatische Veränderungen sind Fakt und haben massive Folgen – gerade auch in Franken mit der Trockenheit und Wasserarmut. Das nehmen wir alle  tagtäglich bereits wahr. Wenn wir also Umwelt und Natur stärken wollen, wäre es fatal, hier zu sparen. Ich bin deshalb sehr optimistisch, dass wir in Bayern den eingeschlagenen Weg weiter fortsetzen werden.

Thorsten Glauber

Der Oberfranke, geboren 1970 in Forchheim, machte zunächst eine Lehre als Kommunikations-Elektroniker. Nach dem Besuch der Berufsoberschule Bamberg und einer Ausbildung als Bauzeichner studierte er Thorsten Glauber der FH Coburg Architektur. 2003 machte er sich als Architekt mit einem eigenen Büro in Forchheim selbständig. Glauber gehört seit 1993 den Freien Wählern an, seit 2008 ist er Mitglied des Landtags. Seit November 2018 gehört er als Umweltminister dem Kabinett Söder an. Er ist der Sohn des ehemaligen Landrats Reinhardt Glauber, ledig und hat eine Tochter.
Quelle: Wikipedia

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