Der Fall Ronald S. Sullivan

Hearing for Harvey Weinstein, to confirm his change of lawyers
Rechtsprofessor Ronald S. Sullivan schätzt den zivilen Diskurs Foto: TIMOTHY A. CLARY (AFP)

Der Harvard-Professor Ronald S. Sullivan gilt in Amerika als Starjurist. Einer, dem die großen Fälle angetragen werden. Er verteidigte den inzwischen verstorbenen Football-Star Aaron Hernandez in einem Mordprozess. Für die Familie des von einem Polizisten getöteten Michael Brown erkämpfte er von der Stadt Ferguson 1,5 Millionen Dollar. Er dachte also, er mache wie immer nur seinen Job, als er im Januar einen weiteren Fall annahm und dem Verteidigerteam des Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorgeworfen wird, beitrat. Eine Entscheidung, die ihn in Folge seinen anderen Job kostete. Nach Protesten der Studenten wurde Sullivan als Vorsteher des Winthrop Houses, eines von zwölf Wohnheimen für Studenten, abgesetzt. Vor zehn Jahren war er als erster afroamerikanischer Hausleiter in der Geschichte Harvards gefeiert worden. „Wollt ihr wirklich eines Tages euer Diplom von jemandem entgegennehmen, der es – aus welchen Gründen auch immer, beruflich oder persönlich – okay findet, so eine prominente Figur im Zentrum der #MeToo-Bewegung zu verteidigen?“, stand nun in einer studentischen Online-Petition gegen Sullivan. Mit Verweis auf das „gestörte Klima“ wurde Sullivan von der Aufgabe des Faculty Dean entbunden. Die Kollegen protestierten, fühlten sich an die McCarthy-Ära mit ihrer Hatz auf Andersdenkende erinnert. Der 52-Jährige hielt sich zurück – bis vor wenigen Tagen. In der „New York Times“ wurde der Rechtsprofessor weniger zum Verteidiger seiner selbst als vielmehr zum Ankläger. Harvard „habe vor dem Protest kapituliert“, schreibt Sullivan und führt mit feiner Spitze auf, was doch die eigentliche Aufgabe einer Universität sei: Nämlich ein Ort „des zivilen Diskurses zu sein, an denen Menschen gezwungen werden, sich mit kontroversen und unvertrauten Gedanken auseinanderzusetzen“. Harvard habe hingegen nicht einmal Interesse an einer Diskussion gehabt. Man könnte auch sagen: Sullivan hat ein vernichtendes Urteil geschrieben, aber nicht nur, was Harvard betrifft! Allgemein nämlich erkennt er einen unseligen Trend, dass an US-Universitäten nicht mehr der rationale Diskurs geschätzt wird. „Wütende Forderungen und nicht stringente Argumente scheinen heutzutage die Politik an den Universitäten zu leiten“, schreibt Sullivan. Warum er den Fall Weinstein angenommen hat, seinem neunjährigen Sohn hat er es so erklärt. In einem Rechtsstaat sei es ungeheuer wichtig, dass auch unpopuläre Mandanten wie Weinstein einen fairen Prozess erhalten. Weinstein nun aber nicht mehr mithilfe von Sullivan. Der legte das Mandat nach einer Verschiebung des Prozesses wieder nieder, weil er es terminlich mit seiner Lehrtätigkeit nicht vereinen könne. Foto: TIMOTHY A. CLARY, afp

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