Würzburg

Gott nimmt in diesem kleinen Kind auch meine Schwachheit an

Bischof Franz Jung wurde am 10. Juni ins Amt eingeführt. Foto: Dita Vollmond

Gedanken zu Weihnachten

Kein Regen in Unterfranken!“ In vielen Gesprächen der vergangenen Monate anlässlich meiner Besuche in den Dekanaten und Pfarreien des Bistums Würzburg war der ausbleibende Niederschlag Thema. Während sich die fränkischen Winzer – Gott sei‘s gedankt! – auf einen Spitzenjahrgang freuen dürfen, sieht es andernorts düsterer aus.

Es blutet einem schon das Herz, wenn Landwirte erzählen, dass sie ein Gutteil ihrer Getreideernte unterpflügen mussten, weil die Ähren aufgrund der anhaltenden Hitze keine Körner ausgebildet hatten. Ebenso berührt die Klage der Viehbauern, die um die Ernte des Winterweizens fürchten zur Ernährung ihrer Tiere. Bleibt der erhoffte Ertrag aus, sehen sie sich schlimmstenfalls gezwungen, sich von ihrem Tierbestand zu trennen.

Einbußen an der Menge mussten in diesem Jahr auch die Zuckerrübenbauern hinnehmen. Die ausbleibenden Niederschläge führten zu einer Absenkung des Grundwassers. Die Trinkwasserversorgung war und ist jedoch nicht gefährdet – ein Glück. Vergessen wir nicht, dass in anderen Teilen unserer Erde Dürreperioden Auslöser von größeren Migrationsbewegungen sind.

Fehlender Regen, ausgetrocknete Böden, verdorrte Ernten – alles Sinnbilder auch für unser Leben. Man kennt das Gefühl, wenn einem das Wasser abgegraben wird und man sich plötzlich auf dem Trockenen wiederfindet. Die Früchte der eigenen Mühen und Anstrengungen ernten zu dürfen, ist ein Geschenk. Bisweilen sieht man sich mit einiger Bitterkeit um den Ertrag der Arbeit vieler Monate und Jahre geprellt.

Dass sich der Grundwasserspiegel der Menschlichkeit spürbar absenken könnte, fürchteten im nun zu Ende gehenden Jahr nicht wenige angesichts der Debatten um einen angemessenen Umgang mit den Flüchtlingen. Und jeder kennt die Dürreperioden des eigenen Herzens. Wenn das Herz plötzlich fühllos und kalt geworden ist und man nichts mehr spürt. Im Blick auf den Missbrauchsskandal in beiden großen Kirchen eine Tatsache, die nicht wenige Menschen erschüttert und fassungslos zurückgelassen hat. Auch die Konflikte weltweit, von den Krisengebieten im Vorderen Orient bis zum jüngsten Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, lassen wenig Hoffnung aufkommen, dass da irgendwann einmal etwas Gutes wachsen kann.

Angesichts anhaltender Trockenheit erinnert sich die Kirche Jahr für Jahr im Advent des Sehnsuchtsrufes aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jesaja 45,7): „Tauet ihr Himmel von oben“ – auf Lateinisch „Rorate Caeli“. Wie die Landwirte auf das Nass vom Himmel warten, so wartet auch der gläubige Christ auf die göttliche Zusage der Gnade.

„Wenn es gelingt, das Herz nicht zu verhärten, dann ist das etwas ganz Großes.“

„Tauet ihr Himmel von oben, ihr Wolken regnet den Gerechten; die Erde tue sich auf und sprosse den Heiland hervor“ – so heißt das Wort des Propheten Jesaja in voller Länge. Von Gott her erbittet der gläubige Mensch den Tau. Aber er weiß: Der Tau nützt nichts, wenn die Erde sich nicht auftut, um ihn aufzunehmen.

Den Herzensraum zu weiten, dazu sollten die Tage der adventlichen Vorbereitung helfen. In der katholischen Kirche dienten dem vor allem die sogenannten Rorate-Messen. Sie werden in einer abgedunkelten Kirche gefeiert. Alle beten gemeinsam im Dunkel. Doch vor jedem Einzelnen steht eine Kerze. Es ist die Kerze seiner eigenen Sehnsucht, die mit den anderen Kerzen zusammen den Kirchenraum erhellt.

Es ist wunderbar, in dieser Form Gottesdienst zu feiern, so inniglich und so tief. Und es ist notwendig. Denn den Herzensraum zu weiten ist alles andere als selbstverständlich. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie Fehlschläge und Enttäuschungen im Leben dazu führen, dass Menschen dichtmachen und sich eben nicht öffnen. Und wie lange sie brauchen, bis sie sich wieder öffnen können.

Wenn es gelingt, das Herz nicht zu verhärten, nicht den Beleidigten zu spielen, nicht im verletzten Stolz zu verharren, dann ist das etwas ganz Großes. Die Sehnsucht nach Erfüllung öffnet den Raum, der dann von Gott mit neuem Leben gefüllt werden kann. Ein wunderbares Geschenk.

Die Kirche glaubt, dass Maria sich ganz dem Wirken Gottes geöffnet hat. Maria konnte glauben, dass Gott die menschliche Armut nicht verachtet. Sie wusste, dass Gott in die Herzen derer einzieht, die nichts mehr von sich erhoffen, sondern alles von ihm erwarten. Das macht Maria zum Vorbild für viele Menschen.

An Weihnachten sind es eben die Armen wie die Hirten, die von Gott beschenkt werden. Sie haben offene Hände und Herzen. So können sie die Liebe Gottes annehmen, der in seiner Menschwerdung unsere Armut angenommen hat.

Wo das möglich wird, blüht Leben neu auf. Das verdorrte Erdreich wird zum gelobten Land. Vielleicht können wir am Ende eines bewegten Jahres sogar sagen: Es war gut, dass mir diese Zeiten der Dürre zugemutet wurden. Denn nur so lernte ich, auf einen Neuanfang zu hoffen. Nur so habe ich verstanden, was Weihnachten heißt: dass Gott auch meine Schwachheit in diesem kleinen Kind annimmt und dass er mir so Kraft und Zuversicht schenkt.

Dieser Trost von Weihnachten ist ein zartes Pflänzchen, empfindlich und schön wie die Weihnachtssterne, die in unwirtlicher Zeit ihre Blüte entfalten. So singen wir in einem der schönsten Weihnachtslieder: „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibt‘s die Finsternis. Wahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.“

Dass auch in Ihrem Leben dieses Blümelein aufgehe und mit seinem Glanz und Wohlgeruch Sie erfreue, wünsche ich Ihnen von Herzen. Gesegnete und frohe Weihnachtstage!

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