Kaisborstel

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben

Günter Kunert
Günter Kunert starb im Alter von 90 Jahren. Foto: Georg Wendt

Im Leben des Dichters Günter Kunert spiegelt sich die Tragik deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert: Als Kind von den Nazis als „Halbjude oder „Mischling ersten Grades” verunglimpft, muss er in Berlin miterleben, wie enge Verwandte deportiert und von den Nazis ermordet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg platzen seine Hoffnungen auf einen sozialistischen Aufbruch in der DDR; später zieht er nach Westdeutschland. Am Samstagabend starb Kunert im Alter von 90 Jahren in seinem Haus in dem kleinen Dorf Kaisborstel in Schleswig-Holstein an den Folgen einer Lungenentzündung.

In einem Schulzeugnis in der Nazizeit steht unter der Rubrik Glaubensbekenntnis „Dissident”. Eine Stigmatisierung, die er 40 Jahre später in der DDR erneut erfährt - dort allerdings aus politischen Gründen: 1976 gehört er zu den Erstunterzeichnern eines Protestes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR.

1979 darf Kunert mit seiner ersten Frau Marianne, mit der er 50 Jahre bis zu deren Tod verheiratet sein wird, und ihren sieben Katzen in den Westen. In Schleswig-Holstein - etwa 60 Kilometer nordwestlich von Hamburg - finden sie ein neues Zuhause in dem Dörflein Kaisborstel.

Seine Stasi-Akten, die er nach der Wiedervereinigung mit klopfendem Herzen liest, umfassen mehr als einen Meter Ordner. Sein Blick auf die Welt war nüchtern, desillusioniert, ohne Hoffnung - auch wegen des Raubbaus an der Erde, des Klimawandels und wachsender Überbevölkerung. Die Menschheit steuere auf einen Endpunkt hin, sagte er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur zu seinem 90. Geburtstag im Frühjahr. Pessimist sei er nicht, vielmehr Realist.

Schon als Zehnjähriger erhält Kunert eine Heine-Ausgabe von seiner jüdischen Mutter. Sie bringt ihm immer wieder Bücher, überwiegend in der NS-Zeit verbotene Literatur. Der in der Schulzeit oft kranke Junge verschlingt die Literatur im Bett: „Ich hatte als Kind dank meiner Mutter eine andere Heimat gefunden, nämlich in der Literatur.”

Seit den 1950er Jahren wächst das Werk Kunerts, der vom DDR-„Staatsdichter” Johannes R. Becher protegiert wird und Bertolt Brecht noch persönlich kennenlernt. Kunert war ein unglaublich produktiver Autor. Lyrik steht im Zentrum. Aber auch Prosa wie die Autobiografie „Erwachsenenspiele” (1997) sowie Essays, Reisebücher, Erzählungen, Kinderbücher, außerdem Theaterstücke, Filmdrehbücher und Hörspiele hat Kunert verfasst.

Seine Erfahrungen als Gastprofessor für DDR-Literatur an der Universität Texas verarbeitet er in dem Amerika-Report „Der andere Planet” (1974). Fünf Mal war Kunert in den USA, hat Australien und Neuseeland besucht und Marokko mit dem Auto durchfahren. Kurios: Erst 2019 erscheint sein kritischer DDR-Roman „Die zweite Frau”, den er bereits 45 Jahre zuvor geschrieben, aber nicht zu veröffentlichen gewagt und lange vergessen hatte. Gewidmet hat er ihn zum Erscheinen dann seiner zweiten Frau Erika.

Sein langjähriger Verleger Michael Krüger charakterisierte Kunert als „einen der bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit” und Dichter in der Tradition Heinrich Heines. Weniger bekannt sei Kunerts satirische Ader, die vor allem in den kurzen Prosaskizzen zum Vorschein komme und in dieser Hinsicht die Tradition Tucholskys fortsetze.

Als seine literarischen „Gründungsväter”, die ihn „sehr beeindruckt und beeinflusst haben”, nannte Kunert selber die beiden amerikanischen Lyriker Edgar Lee Masters (1868-1950) und Carl August Sandburg (1878-1967). Neben Heine und Tucholsky („einer meiner Sterne”) hätten ihn auch Franz Kafka und Marcel Proust beeindruckt.

Schreiben bedeutete für Kunert Selbstverständigung und einen Akt der inneren Befreiung. Es sei auch immer ein Versuch mit der Umwelt, in der man lebt, fertig zu werden. „Ich habe nie für Leser geschrieben”, sagte Kunert im hohen Alter. Er habe nie an Gedichten Geld verdient.

Das Schreiben war für Kunert existenziell, dennoch sah er die Situation als Autor kritisch - es sei „kein besonders glückliches Leben”. Warum? „Weil man für andere Menschen eigentlich verloren geht.” Man werde introvertiert und beziehe das meiste auf sich. „Ich glaube, dass man als Schriftsteller unleidlich wird für andere.”

Viele Jahre vor seinem Tod sicherte sich Kunert ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Dort will er neben seiner ersten Frau beigesetzt werden. Religion oder einen Glauben an eine Wiedergeburt hatte er nicht. Seine Familie war stark in der SPD verwurzelt. „Ich bin unter linken Leuten aufgewachsen und emanzipierten Juden, von denen keiner fromm war.”

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