Juan Moreno über Claas Relotius: „Er war ein genialer Lügner“

Autor Juan Moreno
Das Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno ist gerade erschienen. Foto: Mirco Taliercio/Rowohlt Verlag

Es ist fast wie in einer dieser Geschichten von Claas Relotius, die letztlich Märchen waren und keine Reportagen: In ihnen gibt es auch eine klare Rollenverteilung, Gut und Böse. Im „Fall Relotius“, dem größten Fälschungsskandal der jüngeren Mediengeschichte in Deutschland, war es offenbar nicht wesentlich anders. Mit dem Unterschied, dass der „Fall Relotius“ wahr ist.

Da ist der mit Preisen überschüttete „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, Anfang 30, bewundert in der Branche. Er fälschte dutzende Reportagen und Interviews teilweise oder ganz – nicht nur im „Spiegel“ – in einem Ausmaß, das den Skandal um die „Hitler-Tagebücher“ des „Stern“ in den 80er Jahren noch übertrifft. Die Folgen für die Branche möglicherweise ebenfalls.

Und da ist Juan Moreno, der mit Relotius an einer Reportage arbeitete – und der ihm auf die Schliche kam. Wie genau, das schildert er in seinem gerade erschienenen Buch: „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“. Erstaunlich unaufgeregt. Dafür, dass Relotius beinahe Morenos berufliche Existenz zerstört hätte.

„Der Fall Relotius“ ist ein Krimi- und Film-Stoff

Moreno erhielt im Mai vom Journalisten-Netzwerk Recherche den „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“. Zur Begründung hieß es, mit ihm gebe es „einen Aufrechten“, der „zur Ehrenrettung des Journalismus beigetragen hat“. Betrüger kontra Aufrechter. Ehrenrettung des Journalismus. „Der Fall Relotius“ ist ein Krimi- und Film-Stoff. Und in der Tat soll Morenos Buch verfilmt werden.

Der „Spiegel“ selbst hatte den Skandal am 19. Dezember 2018 öffentlich gemacht und etwa fünf Monate danach auf 17 Seiten über den Abschlussbericht einer unabhängigen dreiköpfigen Aufklärungskommission berichtet. Moreno spielt darin eine der Hauptrollen. Es gibt sogar eine Passage mit dem Titel: „Der Umgang mit Moreno“. Die Reaktionen auf ihn seien geprägt gewesen „von Vertrauen gegenüber Relotius und Misstrauen gegenüber Moreno“, liest man. „Moreno, als fester Freier praktisch jederzeit kündbar, sah sich gefährdet. Er hatte den Eindruck, als laufe er beim ,Spiegel' gegen eine Wand.“

Morenos Version umfasst 288 Seiten. Eine Abrechnung mit dem „Spiegel“ ist sein Buch nicht geworden. Er übt Kritik am Hamburger Nachrichtenmagazin, für das er weiterhin arbeitet, der Bewertung der Kommission stimme er aber in weiten Teilen zu, schreibt er. „Der ,Spiegel' ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher.“

Das Buch ist keine vor Wut schäumende Abrechnung mit Relotius. Dazu ist Moreno viel zu sehr Reporter. Eine Abrechnung ist es dennoch mit dem Ex-Kollegen. „Er war kein genialer Reporter, er war ein genialer Lügner“, stellt Moreno fest. Relotius habe kurz davor gestanden, Leiter des Gesellschaftsressorts und damit Morenos Vorgesetzter zu werden. Auch Relotius? Förderer – die ehemaligen Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer und Ullrich Fichtner – standen vor einem Karrieresprung. Geyer sollte Blattmacher werden, Fichtner Chefredakteur. Geyer wurde später gekündigt, einem „Welt“-Bericht zufolge wurde die Kündigung jedoch zurückgezogen. Fichtner ist noch beim „Spiegel“.

Jedenfalls: „Jaegers Grenze“, erschienen am 17. November 2018, sei der letzte Text gewesen, den Relotius als Reporter für den „Spiegel“ hätte schreiben sollen, erklärt Moreno. Als Ressortleiter wäre er nicht mehr zum Schreiben gekommen. Es war der Text, der Relotius zum Verhängnis wurde. Moreno begleitete für die Reportage „Jaegers Grenze“ eine Flüchtlingskarawane, die in Richtung USA zog. Relotius sollte eine rechte Miliz auskundschaften, die die Flüchtlinge auf US-Seite erwartet – um Jagd auf sie zu machen. Oder in den Worten Geyers an die beiden Reporter: „Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze angekündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut.“

Neben Betrug geht es hier schlicht um Macht

Eine ungeheuerliche Mail, denn sie steht völlig im Widerspruch zu dem, wie seriöse Journalisten arbeiten. Ergebnisoffen, sich der Wirklichkeit annähernd, nie nach Drehbuch. Die Mail sei eine absolute Ausnahme beim „Spiegel“ gewesen, ist Moreno überzeugt. Ungeheuerlicher ist ohnehin, dass sich Relotius diesen „Typ“ für seinen Teil der Reportage ausdachte. Moreno ahnte das früh im Laufe der Zusammenarbeit und wendete sich unter anderem an Geyer, der ihm laut Abschlussbericht sagte: „Entweder richtest du gerade einen Kollegen hin, oder du richtest dich selber hin.“ Es sind vor allem die Auszüge aus Mails, die Wiedergabe von Telefonaten und von Treffen, die Morenos Buch tief blicken lassen. Neben Betrug geht es im „Fall Relotius“ schlicht um Macht.

Doch nicht nur Moreno, auch die Darstellungsform Reportage, der „Spiegel“ und der Journalismus insgesamt haben gelitten. Mit Relotius bekam ein Generalverdacht neue Nahrung: Kann man Journalisten überhaupt (ver-)trauen? Relotius selbst äußerte sich weder im Buch noch öffentlich. Für Moreno steht fest: Ihm sei es um Ruhm und Bewunderung gegangen. Relotius sei ein notorischer Lügner, dessen „System, schon in der Journalistenschule erlernt und perfektioniert, (…) von Anfang an auf Betrug ausgelegt“ gewesen sei.

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