Berlin

Kulturbranche im Ausnahmezustand

Berliner Nachtleben       -  Clubs sehen wegen der Ausbreitung des Coronavirus in ihrer Existenz bedroht.
Clubs sehen wegen der Ausbreitung des Coronavirus in ihrer Existenz bedroht. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Im Club ist weniger los und die Oper läuft nur zuhause im Livestream - das Coronavirus legt in der Kulturgesellschaft einiges lahm. Mit der Absage an Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern sind die Kulturinstitutionen im Ausnahmezustand - „für eine solche Situation gibt es keine Blaupause”, sagt der Berliner Staatsopern-Intendant Matthias Schulz.

Denn die großen Häuser und auch die Künstler werden Einnahmen einbüßen. „Das kann vor allem Darsteller mit kleineren Rollen treffen, die auf die Einkünfte existenziell angewiesen sind.”

Der Deutsche Kulturrat fordert für solche Fälle einen Notfallfonds. Gerade freiberufliche Künstler seien jetzt auf finanzielle Hilfe angewiesen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kündigte am Mittwoch an, sie werde Künstler und Kultureinrichtungen „nicht im Stich” lassen.

Vielerorts werden Veranstaltungen nun auf unter 1000 Besucher begrenzt. Dazu gehört beispielsweise das Bochumer Musical „Starlight Express”. Der Saal bietet Platz für 1650 Zuschauer. In der Reihenfolge der Buchungseingänge werden nun die überschüssigen Gäste kontaktiert und gebeten, auf einen anderen Termin umzubuchen, wie die Veranstalter mitteilten. Auch das Hamburger „Mehr!Theater” will seine Zuschauerzahlen begrenzen. In dem Theater wird seit Anfang Februar die deutschsprachige Version des zweiteiligen Theaterstücks „Harry Potter und das verwunschene Kind” von J.K. Rowling aufgeführt. Die Musikalische Akademie Mannheim hatte die Besucherzahl für ihr Akademiekonzert in Absprache mit der Stadt ebenfalls auf 999 gedeckelt.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte ein solches Vorgehen. „Die Grossveranstaltungen sollen abgesagt werden, nicht auf 1000 beschränkt. Wenn das Schule macht muss die Grenze deutlich reduziert werden”, twitterte Lauterbach am Mittwoch und sprach von einem „verantwortungslosen Vorgang”.

Doch auch die Berliner Kudammbühnen - ein Privattheater, das zur Zeit im Schiller Theater spielt - halten an der Premiere von „Mord im Orientexpress” am 22. März fest. Die Kartenzahl soll auf 999 Plätze reduziert werden. Damit will das Theater unter der maximal zugelassenen Zuschauerzahl bleiben. Sollten am Ende doch Vorstellungen bis 19. April abgesagt werden müssen, sei das eine „existenzielle Bedrohung”, sagte eine Sprecherin.

Vor allem steht die Berliner Nachtszene unter Beobachtung, nachdem sich im Club „Trompete” gleich 17 Besucher infiziert hatten. Sie waren alle am selben Tag in der Bar am Lützowplatz. Die Clubs sehen sich wegen der Ausbreitung des Virus in ihrer Existenz gefährdet. Schon jetzt kämen weniger Besucher - eine Schließung von nur wenigen Wochen würde „unweigerlich zur Insolvenz der meisten Clubs führen”, erklärte die Clubcommission Berlin. Zu einer pauschalen Schließung habe sich das Branchen-Netzwerk noch nicht entschlossen. Doch Clubgänger sollen mit ihrer E-Mail-Adresse oder Telefonnummer registriert und die Gästeauslastung auf 70 Prozent reduziert werden.

Der Berliner Friedrichstadt-Palast muss wie andere Bühnen auch eine große Umtauschaktion stemmen: Alle Veranstaltungen der gerade bei Touristen beliebten Revue-Show „Vivid” wurden abgesagt. Rund 40 000 Karten müssen umgebucht oder zurückgegeben werden. Der Ausfall entspreche Einbußen von rund 2,1 Millionen Euro.

Viele Veranstaltungen werden ganz abgesagt. Dazu zählt die Premiere der Oper „Fidelio” unter der Regie von Hollywood-Star und Oscar-Preisträger Christoph Waltz in Wien. Sie war für kommenden Montag geplant. Das Theater will aber eine geplante TV-Aufzeichnung umsetzen. „Wir proben ganz normal weiter”, teilte eine Sprecherin mit. Auch die Stadt Bonn hat ihr für nächste Woche geplantes Beethovenfest wegen der Corona-Epidemie abgesagt. Die Konzerte müssten ersatzlos ausfallen, bereits erworbene Tickets würden erstattet. Die Kunstmesse Tefaf in Maastricht wurde um vier Tage verkürzt und sollte bereits am Mittwochabend schließen, teilte eine Sprecherin mit.

Ausgefallene Vorführungen, gestrichene Premieren - ein kleines Trostpflaster kann das Internet bieten. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden will an diesem Donnerstag die Vorstellung der Oper „Carmen” mit Generalmusikdirektor Daniel Barenboim streamen. Andere Häuser planen Ähnliches. Einen ungewöhnlichen Schritt geht auch die Hamburger Elbphilharmonie. Am Mittwochabend sollte dort der britische Sänger James Blunt auftreten, allerdings vor leeren Rängen. Das Konzert werde stattdessen für alle kostenlos im Internet per Livestream übertragen, teilte die PR-Agentur des Sponsors mit.

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