Berlin

Delphine de Vigan: Thriller über „Kidfluencer”

Delphine de Vigan       -  Wenn Kinder online ausgebeutet werden: „Die Kinder sind Könige” von Delphine de Vigan.
Foto: Dumont/dpa | Wenn Kinder online ausgebeutet werden: „Die Kinder sind Könige” von Delphine de Vigan.

Kimmy und Sammy erleben den Traum vieler Kinder. Ob Spielwaren, Klamotten oder Süßigkeiten, sie können alles haben, und zwar jetzt sofort. Und noch besser: Sie lassen andere Kinder an ihrem Glück teilhaben.

Auf Youtube verfolgen Millionen von Fans ihre inszenierten Auspack- und Konsumorgien. Und ganz nebenbei machen die vielen Produktplatzierungen die beiden Kinder steinreich. Doch das Leben der bewunderten Youtube-Stars hat einen hohen Preis - das wird im neuen Roman von Delphine de Vigan deutlich.

Die 1966 geborene Französin, deren Bücher seit langem auch in Deutschland publiziert werden, packt in „Die Kinder sind Könige” ein aktuelles und brisantes Thema an. Es geht um die Ausbeutung von Kindern im Netz, ihren Missbrauch als Konsumobjekte und Werbeträger durch die Industrie, aber auch durch die eigenen Eltern.

Dass manche Eltern sich nicht scheuen, ihre Kinder in Social-Media-Kanälen zu Werbezwecken in die Kamera zu halten, sie damit zu „Kidfluencern” zu machen, hat schon häufiger Kritik ausgelöst. So schrieb die Unternehmerin Toyah Diebel etwa in der Vergangenheit: „Seitdem ich auf Instagram aktiv bin, sind mir relativ schnell Bilder aufgestoßen, bei denen abgebildete Personen definitiv nicht an der Entscheidung der Veröffentlichung beteiligt gewesen sind. Das gilt vor allem für Kinder.”

Sie startete daher eine Kampagne, für die sie sich gemeinsam mit dem Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht auf mehreren Motiven wie ein Kleinkind fotografieren ließ. So sieht man Ochsenknecht etwa mit verschmiertem Mund und Lätzchen am Tisch - zusammen mit dem Text: „So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.”

Ein durchgetaktetes Leben im Rampenlicht

Im Roman von Delphine de Vigan nun stehen die Geschwister von morgens bis abends im Scheinwerferlicht. Ihr Alltag ist voll durchgetaktet und streng reglementiert von einer überehrgeizigen Mutter, die ihre Kinder auf ihrem eigenen Social-Media-Kanal nicht nur dem Blick von Millionen Bewunderern, sondern auch von Neidern aussetzt. Doch eines Tages ist die sechsjährige Kimmy wie vom Erdboden verschluckt. Man fürchtet eine Entführung mit Lösegeldforderung.

Ihre Persönlichkeitsrechte werden dabei vielfach übergangen, denn die Kleinen können schließlich noch nicht darüber entscheiden, wie und wo ihre Bilder im Netz verwendet und eventuell auch gegen sie verwendet werden. Nicht zuletzt geht es aber auch um einen Megatrend unserer Zeit: das Private wird öffentlich durch die permanente Zurschaustellung des Alltags auf Youtube, Instagram, Facebook, Tiktok und all den anderen Social-Media-Kanälen im Internet.

Wie schon die vorangegangenen Bücher von Delphine de Vigan ist auch „Die Kinder sind Könige” wieder ein gesellschaftskritischer Roman, diesmal allerdings verpackt in Form eines sehr lesbaren, spannenden Thrillers. Die Hauptfiguren sind dabei nicht die beiden kleinen Internetstars, sondern deren Mutter Mélanie Claux sowie ihr Kontrapart Clara Roussel, die ermittelnde Polizistin in dem vermutlichen Entführungsfall.

Analoge und digitale Welt

Mélanie hat ihre ganze Existenz quasi ins Internet verlegt: „Um zu existieren, musste man Aufrufe, Likes und Stories anhäufen.” Ihr geht es dabei nicht einmal so sehr um das viele Geld, das sie verdient, sondern vielmehr die Dauer-Bestätigung durch die Follower, die sie „meine Lieben” nennt und tatsächlich als Teil ihrer Familie ansieht.

Clara dagegen ist in der analogen Welt steckengeblieben. Als überzeugter Single und Einzelgängerin braucht sie keine Bestätigung. Dass sie jetzt plötzlich mit dem spektakulären Fall ins Rampenlicht katapultiert wird, ist für sie eine neue und befremdende Erfahrung. Sie erkennt, dass sie mit den hergebrachten Ermittlungsmethoden kaum weiterkommt. Ob sie will oder nicht, sie muss sich auf die Welt des Internets einlassen.

Die Stärke des Romans liegt vor allem in der feinen Ausleuchtung dieser beiden Frauengestalten. Auch die eigentlich problematische Figur der Mélanie, die die Manipulation ihrer Kinder nie wirklich hinterfragt und die oberflächliche Welt der Videos und Posts, des Konsums und der Werbung zutiefst verinnerlicht hat, wird nicht nur abschreckend dargestellt. Vielmehr wird ihre Verblendung überzeugend mit ihrer Biografie begründet.

Als junge Frau ergatterte sie einen der begehrten Plätze in einer Nachfolge-Version von „Big Brother”, scheiterte aber bei ihrem Auftritt kläglich. Die erfolgreichen Youtube-Videos mit ihren Kindern sind für sie eine späte Wiedergutmachung und Befreiung aus ihrem glanzlosen Hausfrauendasein.

„Die Kinder sind Könige” überrascht nicht nur mit einer unerwarteten kriminalistischen Auflösung, sondern vor allem mit einer Vielschichtigkeit, die zum Nachdenken anregt.

Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige, Dumont, Köln, 320 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-8321-8188-8

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