Hamburg (dpa)

«Holy Motors»: Ein surrealer Traumtrip

In «Holy Motors» lässt Regisseur Leos Carax seinen Protagonisten mehrfach die nicht immer realistischen Identitäten wechseln und schickt den Zuschauer auf einen surrealen Trip, bei dem Traum, Realität und Reflexion verwischen.
«Holy Motors»       -  In «Holy Motors» geht es in unterschiedlichen Identitäten durch Paris. Foto: Arsenal Filmverleih
| In «Holy Motors» geht es in unterschiedlichen Identitäten durch Paris. Foto: Arsenal Filmverleih

Es gibt Filme, die entlassen einen ratlos, fast wütend. Schnell lassen sie sich als abgedrehtes Kunstkino abtun, in dem sich Regisseur und Drehbuchautor ausleben ohne irgendein Interesse daran, den Zuschauer zu faszinieren. In Worte kann man diese Filme meist nicht fassen, und dann stellt man Stunden später fest, dass die Bilder, die Atmosphäre, die Gefühle des Films noch immer im Kopf herumgeistern, sie einen nicht loslassen. Und damit beginnt die Faszination. Leos Caraxs «Holy Motors» ist genau so ein Film: rätselhaft, surreal, fantastisch.

Ein Mann erwacht aus wirren Träumen, klettert aus seinem Bett, geht fast schlafwandlerisch durch eine bis dahin verborgene Tür und gelangt in einen Kinosaal. Die Zuschauer dort scheinen wie erstarrt, fast schlafend, ein Wolf gesellt sich zu dem Mann. Wenig später tritt er als Anzugträger aus einer modernen Villa, winkt den Kindern noch zu und steigt dann zu der Chauffeurin Céline in eine weiße Stretchlimousine - bereit für seinen ersten Termin.

Telefonierend, die Eckdaten von Céline abfragend und in einer Aktenmappe blätternd glaubt der Zuschauer noch einem erfolgreichen Businessman in den Tag zu folgen, doch dann beginnt sich Monsieur Oscar (Denis Lavant) auszuziehen und in eine alte, hässliche und kranke Bettlerin zu verwandeln. Auf einer Pariser Brücke wimmert sie die vorbei eilenden Passanten um ein paar Euro an.

Wenig später steigt sie wieder in die Limousine. Monsieur Oscar legt seine Verkleidung ab, um gleich in die nächste zu schlüpfen. Er wird zum Tänzer in einem Motion Capture Studio für ein Erotik-Video, zum Auftragskiller, zum treu sorgenden Vater, einem seltsam hässlichen Waldschrat, der eine schöne Schauspielerin (Eva Mendes) in die Kanalisation entführt, zum Ex-Geliebten von Kylie Minogue.

Es ist eine surreale Reise durch ein von traurigen Menschen bevölkerten Paris. Einem nachvollziehbaren Raum-Zeit-Gefüge folgt der Film nicht, einem verständlichen Handlungsstrang schon gar nicht. Das einzige Bindeglied: die Chauffeurin Céline und die weiße Stretchlimousine, in die er immer wieder zurückkehrt, die ihm als Garderobe dient.

Dort taucht zwischen zwei Terminen ein Mann auf, Michel Piccoli, sein Auftraggeber, Chef, vielleicht auch Kollege, der in fragt, ob ihm sein Job noch Spaß macht. Die beiden philosophieren über das Leben, die Schauspielerei, die Schönheit. Und plötzlich drängen sich die Fragen auf: Spielen wir alle nur eine Rolle, die wir ständig wechseln? Was ist wahr, was inszeniert?

Zugleich wird klar: In «Holy Motors» geht es auch um das Kino selbst. Jeder Termin lässt sich einem Genre zuordnen und Motive aus Caraxs Filmografie erkennen. Monsieur Oscar ist müde, erschöpft, ihm fehlen die Kameras. Die Träume und Illusionen der Menschen in dieser melancholischen Welt scheinen abhanden gekommen zu sein. Die Zuschauer lassen sich nicht mehr ein auf die Fantasterei des Kinos. Auch das eine mögliche Lesart von «Holy Motors».

Leos Carax, der mit seinem Erotik-Drama «Die Liebenden von Pont-Neuf» (1991) für Furore sorgte, gibt keine Antworten, lässt allzu realitätsliebende Zuschauer völlig allein und schafft genau damit diese rätselhafte Faszination. Er erzeugt Bilder, die sich einprägen, so surreal sie auch sein mögen.

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