Cupertino/Berlin (dpa)

Analyse: App-Lawine am Handgelenk zum Start der Apple Watch

Nach Monaten von Spekulationen und Medienhype kommt für Apples Computeruhr der Alltagstest. Ab Freitag werden die ersten Käufer ihre Apple Watch per Post bekommen. Die App-Entwickler überschlagen sich bereits mit angepassten Angeboten. Droht ein App-Stau am Handgelenk?
Apple Watch
Expertenschätzungen zufolge ist Apple aber auf Kurs, wie erwartet die bisherigen Smartwatch-Verkäufe der Konkurrenz in den Schatten zu stellen. Foto: Andrew Cowie

Wenn am Freitag die ersten Käufer ihre Apple Watch auspacken, werden sie bereits Dutzende Apps auf der Computeruhr installieren können.

In den vergangenen Wochen erweiterten alle möglichen Anbieter ihre Anwendungen um Watch-Funktionen. Es gibt Apps für Fitness, Wetter, Notizen, Nachrichten, Restaurant-Reservierungen, die Anzeige von Reise-Informationen oder Steuerung vernetzter Glühbirnen. Die Website Watchaware, die die Entwicklung beobachtet, listet inzwischen rund 2200 Anwendungen auf.

Selbst Einzelhändler wie die Modekette Zara gehen auf die Watch, Finanzinstitute wie Citigroup und die Deutsche Bank zeigen Kontoinformationen an. Die Foto-Plattform Instagram will auf den kleinen Bildschirmen sogar Bilder ansehen lassen und die Rivalen Uber und MyTaxi tragen ihren Kampf um Fahrgäste auch auf die Apple-Uhr. Unter den von Apple zum Start präsentierten Apps sind zwei von deutschen Anbietern. BMW macht die Watch zur Fernbedienung der Elektroautos. Und die Sprachlern-App Babbel entwickelte einen abgespeckten Vokabeltrainer speziell fürs Handgelenk.

Die gewohnten Schlangen vor den Apple Stores sollte es am Freitag nicht geben: Laut einem internen Schreiben von Verkaufschefin Angela Ahrendts, das im Netz die Runde macht, wird man die Uhr dort voraussichtlich nicht vor Juni kaufen können. Auch wenn man die Uhr online bestellt, verspricht Apple eine Lieferung erst im Juni.

Ob das von einem bahnbrechenden Interesse oder Produktions-Engpässen zeugt, bleibt die Frage - Apple nannte bisher keine Verkaufszahlen. Auch ob es zumindest Hinweise darauf bei der Vorlage aktueller Quartalsergebnisse am Montag gibt, ist ungewiss. Schließlich kündigte Apple bereits an, dass die Zahlen zur Uhr in der Rubrik «sonstiges Geschäft» versteckt sein werden - aus Konkurrenzgründen, heißt es.

Expertenschätzungen zufolge ist Apple aber auf Kurs, wie erwartet die bisherigen Smartwatch-Verkäufe der Konkurrenz in den Schatten zu stellen. So rechnet Carl Howe von der Analysefirma Think Big, dass in den ersten zwei Wochen drei Millionen Watches bestellt werden und einen Umsatz von zwei Milliarden Dollar einbringen. Und die für treffende iPhone-Prognosen respektierte Firma KGI Securities geht davon aus, dass Apple bis Ende Mai 2,3 Millionen Uhren abgesetzt haben wird.

Auf Dauer noch wichtiger als die ersten Absatzzahlen: Mit dem Start der Auslieferungen wird man nach Monaten des Hypes endlich erste Anzeichen dafür sehen können, wie Apples Konzept für einen Computer am Handgelenk bei den Nutzern tatsächlich ankommt. Apple-Entwickler dachten sich über Jahre verschiedene Interaktionen mit Benachrichtigungen, Wisch-Gesten, Vibrations-Alarmen oder der Übertragung des Herzschlags an einen Partner aus. Jetzt kommt der Alltagstest.

Apple selbst veröffentlichte eine Reihe von Videotouren, um Grundfunktionen wie Telefonieren, Routen-Anweisungen, Bedienung mit Hilfe der Sprachassistentin Siri oder die Steuerung der Musikwiedergabe vorzustellen. Angesichts der bisherigen Flut von Apps anderer Anbieter werden Nutzer auf jeden Fall sehr genau abwägen müssen, welche Anwendungen sich auf den kleinen Watch-Bildschirm ausbreiten dürfen. Sonst wird man lange Reihen von Benachrichtigungen durchwischen müssen.

Bei Babbel macht sich Gründer und Chef Markus Witte keine Sorgen über einen App-Stau und glaubt, dass die Nutzer sich zurechtfinden. «Es muss jeder selbst ausprobieren, was für ihn sinnvoll ist und was nicht.» Seine Firma wolle nun mit der ersten Version der Vokabel-App herausfinden, was die Nutzer wollen. Die Software-Entwickler stellten schon mal fest, dass man die Anzeige für die beiden Versionen mit 38 und 42 Millimeter Bildschirmdiagonale trotz der auf den ersten Blick relativ geringen Differenz anpassen muss.

Auch die Konkurrenz rüstet sich. Die Anbieter diverser Fitness-Bänder bauten in den vergangenen Monaten ihr Angebot aus. Google ergänzte das Smartwatch-Betriebssystem Android Wear mit neuen Funktionen und Bedien-Gesten. Neue Modelle wie die Huawei Watch aus China stehen in den Startlöchern. Apple setzt unterdessen betont auf den Mode-Faktor. So ließen sich die Sängerin Beyoncé und Star-Designer Karl Lagerfeld mit einer exklusiven Luxus-Version der Watch mit goldenem Armband blicken. Zur Erinnerung: Die Preise für die Apple Watch Edition im Gold-Gehäuse fangen mit dem billigsten Sport-Band bei 11 000 Euro an.

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